Buchvorstellung : Ein Attentat auf Honecker?

Die beiden Autoren: Jan Eik (l.) und Klaus Behling

Die beiden Autoren: Jan Eik (l.) und Klaus Behling

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall gibt es noch Interessantes aus der Ost-Vergangenheit

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27. Juni 2017, 06:00 Uhr

Rund 84 Kilogramm Gold, Brillanten, Silbermünzen, 1,6 Millionen D-Mark, 2,2 Millionen DDR-Mark, Teppiche, Schmuck – ein Teil davon zufällig entdeckt in einer konspirativen Wohnung in Ost-Berlin. Stasi-Minister Erich Mielke soll es die Sprache verschlagen haben, als er den geheimen Bericht im Februar 1981 über die Funde auf den Tisch bekam.

„Das war das größte Wirtschaftsverbrechen in der DDR, begangen von einem Stasi-Offizier und seiner Geliebten“, sagt Autor Klaus Behling. Zusammen mit Jan Eik hat er jetzt ein Buch mit dem Titel „Attentat auf Honecker und andere besondere Vorkommnisse“ herausgebracht. Die Geschichte des gierigen Stasi-Mannes ist eine von acht.

Behling war früher DDR-Diplomat in Kambodscha und nach 1989 Journalist. Er habe einen Tipp zu diesem abenteuerlichen Fall bekommen und dann in Unterlagen bei der Stasi-Unterlagen-Behörde recherchiert, berichtet der 68-Jährige. Er beschreibt, wie der Stasi-Mann in großem Stil über Jahre in die eigene Tasche wirtschaftete, ohne dass es auffiel. „Es gibt immer noch Sachen, die erstaunen“, sagt Behling, der schon andere Bücher über die DDR geschrieben hat. Auch Historiker Stefan Wolle vom Berliner DDR-Museum wundert sich: Das sei doch unglaublich bei der sonst so peniblen Stasi, bei der jeder Blumenstrauß (für Stasi-IM) abgerechnet worden sei.

Der Oberstleutnant im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), der auch Finanzökonom war, habe mit Wissen der Stasi die Scheinfirma „Industrievertretung“ hochgezogen, Embargo-Güter importiert und davon kräftig profitiert, sagt der Autor. Er zitiert in dem Buch aus dem Lebenslauf des selbstverliebten Funktionärs: „Ich habe Agenten liquidiert und Feinde enttarnt.“ Die internen Stasi-Ermittler mussten in ihrem Bericht kleinlaut eingestehen, dass die Manipulationen schon etwa Ende 1961 begonnen hatten – mit der Aktion „Licht“.

Bei der Suche nach harten Devisen sei die damalige DDR-Führung unter Walter Ulbricht auf die Idee verfallen, mehr als 21 000 Bankschließfächer zu kontrollieren, die seit Kriegsende nicht mehr geöffnet worden waren. In der Folge wurde „herrenloses Gut“ in den Westen verscherbelt, darunter Antiquitäten, Gemälde, Edelsteine. An der Aktion sei auch der umtriebige Stasi-Mann beteiligt gewesen. Von den Erlösen habe er unkontrollierte „Rücklagen“ gebunkert und zudem von West-Firmen Provisionen bezogen. Eine treue Stasi-Mitarbeiterin assistierte dem Geschäftemacher. Der „Sonderoffizier“ mit Westkontakten beschaffte schon mal Geldtransporter für die DDR-Staatsbank oder Kopiermaschinen. Anfangs habe er Gewinne in bar im Finanzministerium abgeliefert, dann einfach nicht mehr. Das abgezweigte Geld habe er in wertbeständiges Gold umgetauscht, hat Behling rekonstruiert.

Alles sei wie geschmiert gelaufen. „Kriminelle Energie war für ihn Bestandteil seiner Macht. Und die Stasi hatte ihm freie Hand gelassen“, schreibt Behling. Der Mann sei immer mehr zum Alleinherrscher über eine unkontrollierte, streng geheime Firma geworden, die im Handelsregister nicht existierte.

Als die Stasi-Abteilung Kommerzielle Koordinierung von Alexander Schalck-Golodkowski im Ost-West-Geschäft immer wichtiger wurde, sollte die andere Firma aufgelöst und ihr Vermögen an den Staatshaushalt abgeführt werden. Doch wie viel war es? Es sei ein peinlicher Offenbarungseid für das MfS gewesen, als es erkannte, dass über Jahre Millionenbeträge aus seiner Verfügung verschwanden, schreibt Behling. Doch letztlich sei das konfiszierte Diebesgut zu einem warmen Regen für das Stasi-Ministerium geworden.

Mitautor Jan Eik nimmt sich in dem Buch auch nochmal der Gerüchte um einen vermeintlichen Anschlag auf DDR-Chef Erich Honecker am Silvestertag 1982 an. Zum Jahresausklang habe der erste Mann im Staate seinem liebsten Hobby, der Jagd, frönen wollen und sich von Wandlitz aus in die Schorfheide kutschieren lassen. Als die Kolonne den kleinen Ort Klosterfelde passierte, geschah das Unerwartete: Ein Handwerksmeister aus dem Ort brauste mit seinem grünen Lada heran. Als sich ein Stasi-Mann näherte, zog der Autofahrer eine Pistole und schoss – zuerst auf den Uniformierten. Dann richtete der 42-Jährige die Waffe gegen seinen Kopf und tötete sich. Die Limousine mit Honecker war schon vorbeigebraust.

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