Rechtschreibpapst im Interview : Droht der Verfall der Sprache?

Der 1948 im westfälischen Ahlen geborene Josef Lange ist der neue Vorsitzende des Rates der deutschen Rechtschreibung.
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Der 1948 im westfälischen Ahlen geborene Josef Lange ist der neue Vorsitzende des Rates der deutschen Rechtschreibung.

Der neue deutsche Rechtschreibpapst, Josef Lange, gibt sich gelassen / Schule muss mehr Wert auf Rechtschreibung legen

svz.de von
27. Juni 2016, 12:00 Uhr

Der neue Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Josef Lange, hat die Schulen dazu aufgerufen, wieder mehr Wert auf eine gute Sprache zu legen. „Wenn Sprache vernachlässigt wird, besteht die Gefahr, dass Schüler etwa Textaufgaben nicht mehr verstehen. Damit ist die Lebenstüchtigkeit in vielen Bereichen eingeschränkt“, warnte Lange in einem Interview mit Marco Hadem. Daher sollten nicht nur im Fach Deutsch Rechtschreibfehler markiert werden. Der ehemalige niedersächsische Staatssekretär Lange wurde am Freitag in Vaduz (Liechtenstein) vom Rat für deutsche Rechtschreibung zum Nachfolger des langjährigen Vorsitzenden Hans Zehetmair gewählt.

Der Sprachfrieden scheint nach der Rechtschreibreform wieder hergestellt. Braucht es den Rechtschreibrat überhaupt noch?
Lange: Wenn man sieht, mit welcher Geschwindigkeit sich Sprache entwickelt, erkennt man, wie wichtig es ist, dassdies beobachtet und begleitet wird. Genau das ist die Aufgabe des Rates. Auch wenn die Aufgabe wie eine Routine erscheint, ist sie notwendig. Nicht zuletzt wegen der Digitalisierung und Globalisierung haben wir eine massive Ausweitung der Wörter. Bei manchen Kürzeln in SMS oder E-Mails hat man schon jetzt Probleme, sie zu verstehen. Es bildet sich eine Art Sub-Sprache. Mit Blick auf die Verständlichkeit braucht es aber Regeln, die für alle gelten.

In Frankreich gibt es den Sprachrat der Académie française – dieser hat deutlich mehr Einflussmöglichkeiten als der Rat. Wünschen Sie sich das auch?
Nein. Die historische, gesellschaftliche und politische Entwicklung in unserem Sprachraum ist eine andere. Zudem agiert der Rat nicht nur für ein Land, sondern für den gesamten deutschsprachigen Raum. Das heißt, er muss auch die durchaus divergierende Wirkung der Sprache beobachten.

Unter Sprachwissenschaftlern gibt es Vertreter, die sagen, dass Sprache leben und sich als Spiegel einer sich globalisierenden Gesellschaft auch verändern muss. Teilen Sie diese Ansicht?
Es ist offenkundig, dass Sprache lebendig ist und sich weiterentwickelt. Die moderne Gesellschaft lebt von Kommunikation. Deshalb ist der Ansatz, wir müssten uns abschotten, was unsere Sprache angeht, für niemanden erfolgversprechend. Dennoch müssen wir gerade in Deutschland und Europa darauf achten, dass es bei der Mehrsprachigkeit bleibt.

Alleine im 20. Jahrhundert hat sich die deutsche Sprache um ein Drittel erweitert. Wie bewerten Sie heute ihren Zustand – droht gar der bisweilen beklagte Verfall, etwa durch SMS oder Twitter?
Nein. Ich glaube nicht, dass sie in einem schlechten Zustand ist. Man muss bei der Analyse schauen, wofür sie jeweils gebraucht wird. Wer seine Nachrichten in den berühmten 140 Zeichen kund tut, darf sich nicht wundern, wenn diese Kurzinformationen missverstanden werden. Der Sprachgebrauch ist unterschiedlich, und es ist eine Illusion zu glauben, man könne auf eine einheitliche Nutzung zurückkommen, die es so in der Geschichte auch nie gegeben hat. Daher ist es wichtig, dass in der Schule auf einen differenzierten Gebrauch der Sprache eingegangen wird. Und dass die Schule Wert darauf legt, dass es nicht nur den „Sprech“ auf dem Schulhof gibt.

Muss der Sprache in den Schulen generell wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?
Ja. Denn Sprache muss eindeutig und verständlich sein. Wenn Sprache vernachlässigt wird, besteht die Gefahr, dass Schüler etwa Textaufgaben nicht mehr verstehen. Damit ist die Lebenstüchtigkeit in vielen Bereichen eingeschränkt. Das halte ich für eine klare Fehlentwicklung.

Schreiben Sie eigentlich auch selbst gerne SMS?
Ja, aber in der Regel nur für ganz kurze Informationen.

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