Gesundheitssystem unbezahlbar : Drohende Ausgabenexplosion?

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Experten warnen: Kosten der Gesundheitsbranche werden immer schneller steigen als die Einkommen der Versicherten

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17. August 2016, 05:00 Uhr

Wird das deutsche Gesundheitssystem einfach unbezahlbar? Die Kosten für die gesetzlich Versicherten steigen in den kommenden Jahren drastisch – von 22 Euro derzeit auf 55 Euro monatlich in vier Jahren. Das hat Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen berechnet – und macht die Große Koalition mitverantwortlich: „Einige Sparanstrengungen der letzten Jahre sind über das Ziel hinausgeschossen. Das wird jetzt korrigiert“ – zu Lasten der Versicherten. Die CDU erklärt Wasems Berechnungen für unseriös.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen pflichtet dem Professor bei und warnt: „Die Kosten der Gesundheitsbranche werden immer schneller steigen als die Einkommen der Versicherten.“ Eine Spirale, die das Gesundheitssystem auf die Intensivstation befördern könnte.

Einen Ausweg sieht auch Wasem nicht. In der Krankenhausreform etwa sei eine Milliarde Euro für zusätzliche Pflegekräfte vorgesehen, die auch bezahlt werden müsse.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Maria Michalk, hält die Berechnung des Experten für „nicht seriös“. Im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion sagte sie gestern: „Wir können diese Berechnungen nicht nachvollziehen.“ Gesundheitsausgaben hingen von vielen Faktoren ab, auch von kurzfristigen. Wasem unterstelle aber, „dass alles die kommenden vier Jahre so bleibt, wie es jetzt ist“.

Die Zahlen sind aus Sicht der Gesundheitspolitikerin nicht nur zu hoch gegriffen, sondern über einen Zeitraum von vier Jahren zu ungenau. „Das verunsichert die Versicherten“, wirft sie dem Professor vor. Die CDU-Politikerin verweist auf den GKV-Schätzerkreis, der im Oktober tagt. Dann werde man genauere Aussagen zum Zusatzbeitrag für 2017 erhalten.

Karl Lauterbach kommt hingegen zu ähnlichen Annahmen wie der Professor von der Uni Duisburg-Essen. „Ich halte diese Schätzungen für realistisch und besorgniserregend“, sagte er unserer Berliner Redaktion. „Die Babyboomer werden zunehmend krank“, diagnostiziert er die Ursache. Zudem gebe es im Medizinbereich eine Preissteigerung, die höher ist als die Inflation. Da die Technologie in der Medizin ständig besser werde, neue Medikamente und Verfahren auf den Markt kämen, komme es zu höheren Preisen. Die Lücke zwischen Einkommenssteigerungen und Gesundheitskosten werde größer.

Als zusätzliche Ursache für die steigenden Kosten nannte Lauterbach zwei weitere Gründe. Einerseits wurde der Arbeitgeberanteil für die gesetzlich Versicherten eingefroren – und so soll es nach dem Willen der Union auch bleiben. Jede Beitragserhöhung müssen die Arbeitnehmer daher allein tragen. Lauterbach beklagte zudem, dass sich Arbeitgeber, Beamte und Privatversicherte „nicht an der Solidarität beteiligen. Das bedeutet, dass die Arbeitnehmer die steigenden Kosten derzeit allein bewältigen müssen“, so der Fachmann. Die SPD-Bundestagsfraktion spricht sich geschlossen dafür aus, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Kosten für die gesetzliche Krankenkasse wieder teilen – beißen aber beim Koalitionspartner auf Granit.

Seit 2015 ist der Arbeitgeberanteil bei 7,3 Prozent eingefroren. Darauf hatte sich die Große Koalition verständigt. Reichen die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen nicht aus, können die Versicherungen Zusatzbeiträge von ihren Mitgliedern verlangen. Aktuell liegt dieser bei durchschnittlich 1,1 Prozent. Für 2019 gehen die Prognosen der Kassen von dann 1,8 Prozent aus, also deutlich geringer als die Berechnungen Wasems, der 2,4 Prozent veranschlagt.

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