zur Navigation springen

Tiere aus dem Labor : Dollys Erben

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit einem kopierten Schaf brach vor 20 Jahren weltweit das Klonfieber aus. Heute haben sich die Forscher auf Haustiere spezialisiert.

svz.de von
erstellt am 04.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Genetisch passgenaue Ersatzgewebe oder Menschenkopien à la Frankenstein? In der Gentechnik scheinen Triumph und Schrecken manchmal dicht beieinander zu liegen. Entsprechend heftig fielen die Reaktionen unter Experten und in den Medien aus, als am 27. Februar 1997 die Forschergruppe um Ian Wilmut vom schottischen Roslin-Institut im Fachmagazin „Nature“ die Geburt des Klonschafes Dolly bekannt gab. Zu diesem Zeitpunkt war Dolly schon fast neun Monate alt. Ein putzmunteres Schaf, das nun im Blitzlichtgewitter von Fotografen aus aller Welt stand. Geklont aus der Körperzelle eines geschlachteten Schafes. Das wiederauferstanden schien, denn Dolly war nicht nur äußerlich, sondern auch genetisch sein Abbild.

Für das Experiment hatten die Forscher sich vom Schlachthof Eutergewebe besorgt. Daraus stammte auch der Zellkern, der mitsamt dem darin sitzenden Erbmaterial in die zuvor entkernte Eizelle eines anderen Spenderschafes übertragen wurde. Durch das Einschleusen des neuen, fremden Erbgutes sollte ein genetischer Reset der Zelle ausgelöst werden. Bei dieser Art der Reprogrammierung werden die Gene einer spezialisierten Zelle, beispielsweise aus dem Euter, in den embryonalen Grundzustand zurückversetzt, sodass aus der Zelle wieder ein vollständiges Schaf hervorgehen kann. So entstand auf ungeschlechtlichem Wege ein genetisch exakter Nachbau eines anderen Lebewesens. Es entstand ein Klon. Diesen pflanzten die Forscher in die Gebärmutter eines Ammenschafs ein. Es trug den Klonembryo aus und brachte das nicht mit ihm verwandte Lamm zur Welt.

267 Fehlstarts


Die schottischen Forscher hatten die Geburt des Klonschafes so lange geheim gehalten, bis sicher war, dass es bei guter Gesundheit war. Denn Dolly war die lebende Visitenkarte einer Technologie, die völlig neue Möglichkeiten eröffnen sollte. Aus Zellen eines erwachsenen Körpers ließen sich nun genetische Kopien erschaffen. Mit dieser Technologie, so die Hoffnung, sollte es in naher Zukunft möglich sein, genetisch passgenaue Ersatzorgane herzustellen. Dadurch könnte man das Problem von Abstoßungsreaktionen umgehen. Zudem könnten geklonte Zuchtlinien von Schafen, Ziegen und Rindern therapeutisch wirksame Stoffe wie menschliche Enzyme und Proteine in ihrer Milch produzieren. Diese Technik wird auch als „Pharming“ bezeichnet. Das alles schien Traum, der Realität zu werden schien. Für Kritiker aber war Dolly ein Albtraum. Sie befürchteten, dass in naher Zukunft Menschen kloniert werden, die dann als Ersatzteillager für Organe dienten.

Nach zwei Jahrzehnten zeigt sich: Die Chancen und Risiken der Technologie wurden überschätzt. Die Dolly-Methode ist sehr aufwendig und fehleranfällig. 276 Versuche, ein Schaf zu klonen, gingen im Labor von Wilmut und seinen Kollegen schief – erst beim 277 Versuch kam Dolly zur Welt. Zudem erkrankte sie früh an einer Krankheit, die durch ein in ihrem Erbgut schlafendes, aktiv gewordenes Virus ausgelöst wurde und musste im Alter von nur sechs Jahren eingeschläfert werden. Ungeklärt blieb, ob der frühe Tod eine Folge der Klonierung war. Heute steht das Klonschaf ausgestopft im Royal Museum of Scotland.

Das Roslin-Institut klont inzwischen keine Tiere mehr. Sein kommerzieller Ableger, die Firma PPL Therapeutics, die sich aufs Pharming verlegt hatte, musste 2009 geschlossen werden. Für die vakante Sparte fand sich kein Käufer.

Durchbruch blieb aus


Enttäuscht gibt auch Ian Wilmut zu, dass der Dolly-Methode in der medizinischen Forschung der Durchbruch versagt blieb. In einem Interview, das er kürzlich dem „New Scientist“ gab, räumte er der Forschung mit sogenannten iPS-Zellen die besseren Aussichten ein, die Medizin eines Tages zu revolutionieren. Bei dieser Methode werden differenzierte Zellen mithilfe von nur vier genetischen Faktoren wieder in den embryonalen Urzustand versetzt. Hautzellen beispielsweise verwandeln sich so in Stammzellen, aus denen jedes beliebige Gewebe gezüchtet werden kann. Die vor rund zehn Jahren aufgekommene Reprogrammierungstechnik hat der Klonierung à la Dolly längst den Rang abgelaufen. Mit ihrer Hilfe untersuchen Wissenschaftler heute, wie Organe entstehen und Krankheiten sich entwickeln, sie testen so auch neue Medikamente. Es gibt sogar erste Versuche, mit den Stammzellen erkrankte Organe des Menschen durch entsprechend gezüchtetes, erbgleiches Gewebe zu ersetzen.

Das Klonen von menschlichen Embryonen ist in der EU und in vielen anderen Ländern der Welt verboten – das hat Dolly bewirkt. Weniger strikt sind die Regelungen bei Nutztieren. Bereits 2008 stellte die US-Lebensmittelüberwachungsbehörde FDA fest, dass der Genuss geklonter Nutztiere sicher sei. Dieser Meinung schloss sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA in einem eigenen Gutachten an. In der EU ist das Klonen von Tieren an Zulassungsregeln gebunden.

Diese Vorschriften hält die EU-Kommission für ausreichend, der Verbraucherschutz sei nicht in Gefahr, heißt es aus Brüssel. Denn das Klonen von Nutztieren etwa zum Verzehr sei viel zu ineffizient und zu teuer. Experten gehen davon aus, dass es weltweit wenige Tausend Klontiere gibt, darunter vor allem Rinder, Schweine, Ziege und Schafe. „Die meisten werden für Forschungszwecke genutzt“, sagt Professor Heiner Niemann vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit und dem Institut für Nutztiergenetik in Mariensee bei Hannover. Kommerziell werde Klonen allenfalls in der Rinderzucht eingesetzt, etwa für die Reproduktion hochwertiger Zuchtbullen. Die Anzahl schätzt Niemann auf ein Dutzend weltweit.

Dem europäischen Parlament aber ist selbst das zu viel, es will ein umfassendes Verbot für geklonte Tiere und deren Nachkommen durchsetzen. Zudem soll die Einfuhr von Produkten geklonter Tiere wie Fleisch oder Milch verboten werden. Damit will die Initiative einer fragwürdigen Kommerzialisierung in dem Sektor vorbeugen. Zwar wurde die Dolly-Methode weiterentwickelt, doch die Erfolge sind immer noch bescheiden. Bei den meisten Tierarten liegt sie zwischen zwei bis fünf Prozent.

Klon-Katze für 25  000 Dollar


Ungeachtet dessen hat sich in den USA ein Markt für das Klonen von Tieren etabliert. Wohlhabende Besitzer von Hunden, Katzen oder Rassepferden können beispielsweise beim Unternehmen Viagen ihre verblichenen Lieblinge als genetische Kopie wieder zum Leben erwecken. Kosten für eine Katze: 25  000 US-Dollar, ein geklonter Hund kostet bereits das Doppelte. Auch Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Rehe hat das Unternehmen in seinem Klonprogramm. Auch China macht mit Klonprojekten von sich reden.

Laut der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua werden dort bereits seit Jahren Tiere geklont. Nun soll in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin eine „Klonfabrik“ entstehen. Die knapp 30 Millionen Euro teure Anlage umfasse Labore und eine Gendatenbank und soll in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen. Neben Hunden für die Polizei und Rassepferde sollen Hunderttausende Rinder geklont werden. Damit werde dem wachsenden Fleischhunger des Landes begegnet, heißt es. Projektpartner sind das chinesische Unternehmen Boyalife und die südkoreanische Firma Sooam Biotech. Deren Gründer Hwang Woo-suk war im Jahr 2004 zu internationalem Ruhm gelangt.

In einem von ihm veröffentlichten Fachartikel hatte der Forscher behauptet, es sei ihm erstmals gelungen, einen geklonten menschlichen Embryo zu konstruieren. Anfang 2006 wurde die wissenschaftliche Arbeit als dreiste Fälschung enttarnt. Der spektakuläre Fall gilt bis heute als einer der größten Fälschungsskandale der Wissenschaftsgeschichte. In der Folge wurden dem Forscher öffentlich finanzierte Forschungsaufträge entzogen, was ihn aber nicht daran hinderte, sich neuen, privaten Vorhaben zuzuwenden. Nachweislich hatte Hwang 2005 als Erster einen Hund geklont.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen