Überwachung per Kamera : Digitaler Helfer oder „Big brother“?

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Ein Computerprogramm soll in Mannheim quasi selbstständig Straßenkriminalität erkennen. Taugt das Konzept auch für andere Kommunen, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern?

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20. Februar 2018, 20:55 Uhr

Mit dem Schweriner Marienplatz wird bald der erste öffentliche Platz in Mecklenburg-Vorpommern zur Kriminalitätsvorbeugung mit Videokameras überwacht. Die Landeshauptstadt ist damit deutschlandweit mitnichten ein Vorreiter. Die Stadt Mannheim hatte bereits von 2001 bis 2007 einige Plätze mit analoger Technik überwacht und bereitet derzeit ein Pilotprojekt mit „intelligenten Kameras“ vor. In Berlin läuft seit August 2017 ein Test zur Gesichtserkennung. SVZ stellt Vorhaben in beiden Städten vor:

Das Auge des Gesetzes ist fest montiert und sieht alles. Taschendiebstahl, Schlägereien. Die Kriminalitätsrate in Mannheim sinkt, die Menschen fühlen sich sicherer. So könnte es kommen, wenn der Plan von Christian Specht aufgeht. Der Erste Bürgermeister und Sicherheitsdezernent der nordbadischen Stadt arbeitet zusammen mit Polizeipräsident Thomas Köber am Konzept „Mannheimer Weg 2.0“ – einem „intelligenten Kamerasystem“, das quasi selbstständig Straßenkriminalität erkennen und Polizisten alarmieren soll. Nach langer Planung steht der Start des Pilotprojekts bevor.

Mannheim wäre die erste Kommune Deutschlands mit einem solchen Programm. „Im Zeitalter der Digitalisierung müssen auch Optionen zur Verbesserung der Sicherheit im öffentlichen Raum mitgedacht werden“, meint Specht. Doch für Gegner des Systems klingt das nach Überwachungsstaat und „Big Brother“. Sie fürchten, dass der Staat unbescholtene Bürger bespitzeln und Bewegungsprofile erstellen könnte. Polizeipräsident Köber widerspricht vehement. Und auch Specht meint, dass sich nur Kriminelle fürchten müssen.

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Die Überwachung mit Kameras sorgt bundesweit immer wieder für hitzige Diskussionen. Besonders seit dem Anschlag auf einem Berliner Weihnachtsmarkt gibt es immer wieder Rufe nach einer verstärkten Beobachtung öffentlicher Plätze.

Berliner Bündnis für mehr Videokameras
 

In Berlin startete im vergangenen Sommer ein kontrovers diskutiertes Pilotprojekt zur automatischen Gesichtserkennung durch Überwachungskameras am Bahnhof Südkreuz. In der Hauptstadt haben sich inzwischen Befürworter von mehr Videokameras in einem Bündnis zusammengetan. Das hat einen Antrag auf Einleitung eines Volksbegehrens gestellt und setzt den rot-rot-grünen Senat damit unter Druck.

Das Bündnis, das unter anderem von Neuköllns früherem Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), Polizeigewerkschaften und der CDU unterstützt wird, will bis zu 50 Orte in Berlin rund um die Uhr mit Kameras überwachen lassen. So sollen Kriminalität eingedämmt und das Sicherheitsgefühl der Bürger verbessert werden. An welchen Orten Kameras installiert werden, soll die Polizei entscheiden. Rot-Rot-Grün hingegen lehnt eine derart breite Überwachung ab und setzt stattdessen auf den anlassbezogenen, zeitlich begrenzten Einsatz von Videotechnik.

Der Mannheimer Weg 2.0

Der „Mannheimer Weg 2.0“ soll so funktionieren: 71 Kameras an 28 Standorten fangen Bilder ein und schicken sie verschlüsselt durch ein Glasfaserkabel zum Lagezentrum der Polizei. Dort wertet ein Computerprogramm die Bilderströme elektronisch aus. Erkennt die Software hektische oder untypische Bewegungen, etwa ein Schlagen, Rennen oder Fallen, blinkt eine Lampe auf, und ein Polizist schaut sich die Szene am Bildschirm an. Im Bedarfsfall soll dann eine Streife in gut zwei Minuten vor Ort sein. Ein Vorteil des Systems: Die Polizei muss nicht nonstop auf die Bildschirme blicken.

Aufnahmen erfolgen ohne Ton und sollen nach 72 Stunden gelöscht werden. Schilder würden auf die Überwachung hinweisen und möglicherweise bereits Kriminelle präventiv abschrecken. Specht hält die aktuell kalkulierten Kosten von insgesamt 1,1 Millionen Euro für gut investiertes Geld.

Videoüberwachung ist ein Werkzeug von vielen“, meint Köber. „Die Kamera allein rettet es nicht.“ Ziel sei Polizeipräsenz vor Ort.

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