Umstrittener Trend : Die Zoos der Zukunft

Wer beobachtet hier wen? Ein Armur-Tiger läuft im Zoo von Philadelphia durch sein großzügig gestaltetes Gehege.
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Wer beobachtet hier wen? Ein Armur-Tiger läuft im Zoo von Philadelphia durch sein großzügig gestaltetes Gehege.

Wenn Affen das Affenhaus selbst managen: Was Zoochefs gegen den Vorwurf der Tierquälerei tun

svz.de von
05. Januar 2018, 12:00 Uhr

Kleine Affen sprinten von Baum zu Baum. Lemuren, Sakis und schwarz-weiße Stummelaffen flitzen hoch über der Erde durch Röhren aus stabilem Maschendraht. Im Zoo der US-Stadt Philadelphia sind Baumwipfelpfade nicht für Menschen gebaut, sondern für Tiere. Unter ihnen schauen Kinder nach oben und kreischen vor Vergnügen. Hunderte Meter können die Affen so außerhalb ihrer Gehege zurücklegen. Auch Tiger stolzieren in ähnlichen Konstruktionen über die Köpfe der Besucher hinweg. Mehr Auslauf für Wildtiere in Gefangenschaft, mehr Abwechslung – das ist Teil des Zoo-Konzepts, das von vielen als vorbildlich gelobt wird.

Selten standen Tierparkbetreiber so stark unter Druck von kritischen Tierschützern und neuester Forschung. Das gilt für Deutschland und Europa ebenso wie für die USA. Tierschützer von Peta und Co. brandmarken.

In sozialen Medien schlagen Wellen der Empörung hoch: Etwa nachdem im Zoo von Cincinnati 2016 der Gorilla Harambe erschossen wurde, weil ein Kind in sein Gehege gefallen war. Die Wärter sahen das Leben des Jungen in Gefahr. Und als in Kopenhagen 2014 eine überzählige Giraffe getötet und vor den Augen der Besucher an Löwen verfüttert wurde.

Studien zeigen, dass Tiere Trauer und Stress kennen. Und dass Langeweile sie krank macht. Trotzdem sind in zahlreichen Tierparks Betonböden und Gitterstäbe zu finden. Zoochefs suchen zwar vielerorts nach Wegen, das Leben der Tiere zu verbessern. Aber der Wandel kommt nicht von heute auf morgen. Die Balance zu finden zwischen Unterhaltung und Bildung, Artenschutz und Tierwohl fällt nicht leicht.

Eine Idee, was den Zoo der Zukunft prägen könnte, gibt es an der US-Ostküste in Philadelphia zu besichtigen. Dort setzen die Macher auf das Prinzip „Zoo360“. So heißt das Konzept, bei dem Besucher Tiere um sich herum entdecken. Zum Beispiel in dem großen Gittergang, der eine Wegbiegung hinter den Baumwipfelpfaden der Affen liegt. Dort schreiten Amur-Tiger in der Höhe über die Besucherwege.

„Seit 2006 haben wir für unsere Großkatzen fünf verschiedene Außengehege durch unter- und oberirdische Gänge miteinander verbunden“, erzählt Zoo-Geschäftsführer Andy Baker. Löwen, Pumas, Leoparden und Jaguare tauschen mit den Tigern die Gehege. Manchmal mehrmals am Tag. Oder sie nutzen, wenn sie mögen, die luftigen Auslaufpfade. Tierwärter regeln den Zugang über Gitterklappen.

„Unser Zoo ist nicht allzu groß, nur 17 Hektar, da müssen wir genau überlegen, wie wir den Platz optimal für die Tiere ausnutzen“, sagt Baker. Er ist Verhaltensbiologe. Das Primatenhaus hat ebenfalls Baumwipfelgänge für Orang-Utans und Gorillas. „Wenn es den Affen im Winter zu kalt wird und sie im Affenhaus bleiben, steht dieser Pfad auch den Raubkatzen offen.“

Eine junge Wissenschaftlerin begleitet das Baumpfade-Projekt. Publiziert sind die Ergebnisse noch nicht. Aber Baker sagt, sie seien erfreulich: Die Tiere nutzten den erweiterten Aktionsrahmen und ihre Möglichkeiten, mehr zu entscheiden. Sie seien lebhafter.

Anfassen erwünscht

Außerdem setzt der US-Zoo im Bereich für Kinder auf Tiere, die nicht sofort den Streichel-Reflex auslösen: Er zeigt Ratten, Tauben und Kakerlaken. Anfassen erwünscht. Das Ganze wird kombiniert mit Mitmach-Beispielen. Was kann man tun, um den schrumpfenden Lebensraum von Wildkatzen in der Natur zu erhalten? Auf Haarshampoo mit Palmöl verzichten, lautet eine Antwort. In den USA finden sich weitere Beispiele, wie das Umdenken hin zu mehr Lebensfreude der Zootiere umgesetzt wird. Der Tierpark im kühlen Detroit etwa besitzt das weitläufigste Eisbärengehege der USA. Es ist größer als zwei Fußballfelder, plus supertiefes Becken mit gekühltem Salzwasser. Doch Gehegegröße alleine ist nicht alles, sagt Zoochef Ron Kagan. „Wenn man ein tolles Haus hat, aber ein fürchterliches Sozialleben, ist man nicht glücklich“, erläutert er und meint die Tiere.

Doch auch in Amerika ist längst nicht jeder Tierpark vorbildlich. Im Gegenteil. Neben den 230 Zoos, die dem Verband AZA angehören, existieren rund 2000 kleine Straßenrand-Zoos. Sie müssen keine Auflagen für artgerechte Tierhaltung erfüllen. Dort werden Tiger und Orang-Utans oft in enge Käfige gepfercht. Für Geld dürfen Besucher Bärenbabys mit der Flasche füttern.

„In den USA leben in solchen Zoos und als Haustiere mehr Tiger als in Asien in freier Wildbahn“, berichtet Wayne Pacelle. Er ist der Vorsitzende der weltweit größten Tierschutzorganisation Humane Society of the United States, kurz HSUS. Wayne Pacelle räumt aber auch ein: „Gute Zoos können viel für Tiere tun.“ Zum Beispiel aus Hinterhöfen und Straßenrand-Zoos gerettete Tiere aufnehmen. Ja, sagt er, Zuchtprogramme und Artenschutz seien eine Aufgabe – auch wenn manche Tierrechtsaktivisten das bezweifeln. „Aber wir brauchen auch Platz für all die Tiere, die einfach schon da sind“, fordert er.

Kritikern geht der Wandel zu langsam. Zudem lässt sich schwer bestreiten: Hochintelligente Tiere wie Menschenaffen, Elefanten und Delfine leben als Gefangene teils unter Bedingungen, die sie krank machen. Artenschutz und Zucht werden von Zoomachern als wichtige Ziele genannt. Längere Zeit galt jedoch nur für 13 bis 19 Arten, dass sie durch Zoo-Programme vor dem Aussterben bewahrt wurden. Nach neuen Studien nennt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin nun über 100 Arten, die durch Zoos gerettet wurden, deren Schutzstatus auf der Roten Liste verbessert oder wo eine Verschlechterung verhindert wurde.

Dabei wird Geld nicht immer so eingesetzt, dass es vielen Tieren zugutekommt. So fließen weltweit Millionen in Versuche, Riesenpandas zu züchten. Vor allem durch In-vitro-Befruchtung kamen einige Babys zur Welt. Aber nur ein einziges ist bisher wieder ausgesetzt worden.

Zoos nur noch für Eliten?

Viele Zoodirektoren verteidigen ihre Linie trotzdem. Sie sehen die Parks als Begegnungsstätten für Menschen mit Tieren, mit der Natur. „Wir sind der Ansicht, dass fast jede Tierart gehalten werden kann, wenn man die Anforderungen artgerecht umsetzt“, sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten in Deutschland. Das einzigartige Merkmal von Zoos bleibe das lebende Tier. Der Berner Zoochef Bernd Schildger setzt das Konzept „Mehr Platz für weniger Tiere“ zwar konsequent um, winkt jedoch ab, wenn es um die Rolle von Artenschutz und Zucht geht. Er hält sie für überbewertet. „Zoos sind für Menschen da“, findet Schildger. Es sei wichtig, dass Besucher lebende Wildtiere betrachten und spüren könnten. Wer Tiere erlebe, tue eher etwas für deren Lebensräume, urteilt er.

Und wie geht es auf lange Sicht weiter? Jon Coe ist Spezialist für die Gestaltung von Zoos – und Visionär. Er macht sich seit fast vier Jahrzehnten darüber Gedanken. Viele Dutzend Tierparks weltweit tragen seine Handschrift.
„Selbst die besten Zoos basieren auf der Grundidee von Gefangenschaft und Zwang. Das ist für mich ein fundamentaler Makel“, sagt der Landschaftsarchitekt und Tierfreund. Baumwipfelpfade, wie er sie für Philadelphia entwarf, sind für ihn nur der Anfang. „Es geht darum, die Umgebung der Tiere noch reicher, vielfältiger zu machen, ihnen die Wahl zu lassen – auch dabei, sich zu ernähren“, fordert Coe. „Warum sollen die Affen ihr Affenhaus nicht selbst managen?“, sagt er. Implantierte Chips könnten ihnen helfen, an die passenden Futtermengen zu kommen.

Ein anderes Architektenteam hat in Dänemark ein „Zootopia“ entworfen, in dem Tiere sich recht frei bewegen sollen und Menschen hinter halbdurchsichtigen Wänden oder in verspiegelten Fahrzeugen verschwinden. Gleichzeitig geht Coe davon aus, dass Klimawandel und eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich auch die Zukunft der Tierparks mitbestimmen werden. Seine Prognose: „Virtuelle Zoos oder virtuelles Erleben von Tieren in freier Wildbahn werden reale Zoos für die unteren und mittleren Einkommensschichten wahrscheinlich ersetzen.“ Exklusive Zoos mit Wildtieren blieben dann Wohlhabenden vorbehalten, sagt Coe voraus. In engen Städten sei so ein Park sogar als Hochhaus denkbar – wie ein tropischer Regenwald mit Flora- und Faunazonen.

Andrea Barthélémy, Ulrike von Leszczynski

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