Ost-West-Bilanz : „Die unvollendete Revolution“

 

 

Töpfchen-Debatte, Mauer im Kopf, Arroganz und Larmoyanz. Eine Einheitsbetrachtung

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03. Oktober 2015, 08:00 Uhr

Töpfchen-Debatte, Mauer im Kopf, Arroganz und Larmoyanz. Die Einheitsbetrachtung des scheidenden Chefredakteurs Paul-Josef Raue („Thüringer Fast schon in Vergessenheit geraten ist der Ost-West-Aufreger aus dem Jahr 1999, die sogenannte Töpfchen-Debatte: Die Gruppenerziehung in DDR-Kitas, samt gemeinsamem Töpfchen-Sitzen von Kleinkindern, sei eine der Ursachen für rechte Gewalt ostdeutscher Jugendgruppen, lautete damals die These des Professors und späteren niedersächsischen Justizministers Christian Pfeiffer.

Der Osten war empört. Rechtzeitig zum Einheitsjubiläum ruft der langjährige Zeitungs-Chefredakteur Paul-Josef Raue (zuletzt „Thüringer Allgemeine“) das in seinem Buch „Die unvollendete Revolution“ wieder in Erinnerung - als eines der vielen Missverständnisse zwischen Ost und West im wiedervereinten Land.25 Jahre nach der Wiedervereinigung beschreibt Raue den Streit um Pfeiffers Erziehungsthese ausgiebig in seinem Buch und nennt sie „die heftigste Ost-West-Debatte im Vierteljahrhundert nach der Revolution“. Sie habe deutlich gemacht, wie wenig die einen das Denken der anderen verstanden - und noch immer verstehen. In seinem Editorial konstatiert Raue, die Mauer der Vorurteile und Abneigung zwischen Ost und West sei heute „so hoch wie nie zuvor“.

Auf knapp 190 Seiten und in 26 Kapiteln schildert der erfolgreiche Medienmann - Raue war Korrespondent in der DDR und später Chefredakteur mehrerer Zeitungen in West und Ost - persönliche Erlebnisse und Begegnungen. Er fügt Ergebnisse aus Umfragen wie der Allensbach-Studie „Wertewandel Ost“ im Auftrag großer Ost-Zeitungen (2014) ein, zitiert führende Ost-Politiker, Kollegen, Psychologen und immer wieder auch die Leser seiner Zeitungen; schonungslos offen auch in deren Ablehnung seiner eigenen Person, als der Westdeutsche 2009 Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“ wurde.

Das Buch ist bewusst im Erzählton gehalten. „Nur wer sich erinnert und erzählt, hat die Chance, aus Vorurteilen Urteile zu machen“, begründet das Raue. Er trennt drei Epochen - die erste noch zu Zeiten der echten Mauer. Die zweite ist die der (unvollendeten) Revolution, „in der sich rasend schnell die zweite Mauer, die unsichtbare, die Trauma-Mauer aufbaute“. Die dritte ist die aktuelle Epoche, „in der sich die dritte Mauer der Resignation und der Ungeduld aufbaut“. Immerhin, die bekomme viele Durchgänge, trenne nicht mehr wirklich.

Treuhand, Stasi, Schulen, NSU, Angeber-Wessis, Jammer-Ossis, Demokratiekritik - alles wird gestreift, da persönlich oder durch die Medienmacher-Brille erlebt. Diese Wertungen im Buch mit dem Untertitel „Ost und West - Die Geschichte einer schwierigen Beziehung“ sind persönlich - und so auch angreifbar. Wohl bewusst.

Dass die innere Einheit noch immer auf sich warten lässt, findet Raue indes normal: „Vierzig Jahre Diktatur kann man nicht einfach so abkratzen wie eine Schicht Rost auf einer Leiter“, schreibt er - und bleibt am Ende doch hoffnungsvoll: „Vertrauen wir der Kraft der neuen Generation. Für sie ist Deutschland nicht mehr geteilt, und wenn eher in Nord und Süd als in Ost und West, in Gestern und Morgen.“

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