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Graphic Novel zu Vertragsarbeit : Die unbeglichene Rechnung der DDR

vom
Aus der Onlineredaktion

Über 20.000 mosambikanische Vertragsarbeiter warten noch immer auf ihren Lohn aus DDR-Zeiten. Jetzt ist über die Wut der Betrogenen und Entwurzelten eine ausgezeichnete Graphic Novel erschienen.

„Erinnerungen sind wie Seeigel. Wenn man hineintritt, tut es höllisch weh. Und die Stacheln eitern noch lange im Fleisch weiter. Aber die ausgetrockneten Skelette sind wunderschön“, sagt Anabella Mbanze Rai. Sie ist eine von rund 20.000 Mosambikanerinnen und Mosambikanern, die in Fabriken, Schlachthöfen, Bergwerken und anderen Volkseigenen Betrieben der DDR schufteten. Auf einen Großteil ihres Lohnes warten die Gastarbeiter aus dem damaligen sozialistischen Bruderstaat noch heute. Über dieses kaum bekannte Kapitel deutscher Geschichte hat die Hamburger Künstlerin Birgit Weyhe jetzt die Graphic Novel „Madgermanes“ gezeichnet und geschrieben. Das eindringliche Buch ist heute wieder erschreckend aktuell.

Anabella musste nicht in einen Seeigel treten, musste sich nicht unter Schmerzen erinnern. Sie hat nie gelebt. Sie ist eine der drei fiktiven Protagonisten aus „Madgermanes“. In dem 237 Seiten starken Buch kreuzen sich im Ostberlin der 80er Jahre die Wege der unbeirrbaren Anabella mit denen des zunächst lebenslustigen, später wütenden Basilio und des zurückhaltenden, später resignierten José. Auch sie sind aus Mosambik gekommen, auch sie erleben in der DDR und im Nachwende-Deutschland Einsamkeit, Heimatlosigkeit und Rassismus – aber auch die vielleicht glücklichsten Tage ihres Lebens.

Damit Anabella, José und Basilio in der Fantasie der Erzählerin und Zeichnerin entstehen konnten, mussten sich viele real existierende Menschen schmerzhaft erinnern. Seit 25 Jahren kämpfen in Mosambik ehemalige Vertragsarbeiter, die in ihrer Heimat als Madgermanes verspottet werden, dafür, dass ihre alten Rechnungen beglichen werden und ihnen späte Gerechtigkeit widerfährt.

In DDR-Fahnen gehüllt ziehen sie jeden Mittwoch laut trommelnd durch die Hauptstadt Maputo. Im Rahmen der „sozialistischen Bruderhilfe“ wurden sie in den 70er- und 80er Jahren in die DDR geschickt. Als die sich auflöste, waren die zuvor inflationär gebrauchten Begriffe „Solidarität“, „Völkerfreundschaft“ und „Bruderhilfe“ plötzlich aus der Mode geraten, in Deutschland waren die Mosambikaner plötzlich nicht mehr erwünscht. Die meisten kehrten in ihre Heimat zurück.

Zuvor hatten Ost-Berlin und Maputo vereinbart, dass die Vertragsarbeiter 40 Prozent ihres Lohnes sofort, die übrigen 60 Prozent nach ihrer Rückkehr erhalten sollten. Doch als die Heimkehrer ihr Geld einforderten, war angeblich nichts da. Viele der Madgermanes landeten im sozialen Abseits, manche an der Flasche.

In Mosambik und Deutschland interviewte Weyhe viele verbitterte und wenige zufriedene ehemalige Gastarbeiter und destillierte aus den Erinnerungen ihre drei Protagonisten. Einer ihrer Gesprächspartner war Emiliano Chaimite. 1986 kam er als 19-Jähriger nach Magdeburg, um in einer Gießerei zu arbeiten. Von den 18  000 Ostmark, die damals von seinem Lohn einbehalten wurden, hat er vor zwei Jahren von der mosambikanischen Regierung gerade einmal rund 350 Euro erhalten.

„Das Buch ist ein tolles Dokument und ein Mahnmal für das Unrecht, das mir und anderen DDR-Vertragsarbeitern widerfahren ist“, sagt Chaimite 30 Jahre nachdem er mit großen Erwartungen in der DDR landete und sich in den 90er-Jahren zum Krankenpfleger ausbilden ließ. Er lebt heute in Dresden, hat mit einer deutschen Frau ein erwachsenes Kind und nennt die sächsische Hauptstadt sein Zuhause. Doch wie die Protagonisten aus „Madgermanes“ wusste auch Chaimite viele Jahre nicht, wo er hingehört. Autorin und Illustratorin Birgit Weyhe kennt dieses Gefühl. Als dreijähriges Kind verschlug es sie mit ihrer Mutter aus München nach Uganda und Kenia. Erst mit 19 Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück. „Es hat wahnsinnig lange gedauert, bis ich mich in Deutschland zu Hause gefühlt habe“, berichtet Weyhe, die sich seit ihrer Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat intensiv mit Entfremdung, Integration, Ausgrenzung und Heimweh auseinandersetzt. Mit ihren Darstellungen, die ohne vereinfachende Klischees auskommen und in einen Dialog zwischen europäischer und afrikanischer Kultur treten, gelingt es ihr, eine spannende, traurige und manchmal auch lustige Geschichte zu erzählen und Emotionen sichtbar zu machen, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Die deutschen Figuren haben dabei weiße Gesichter, die mosambikanischen Figuren schimmern bronzefarben. „Ich wollte die Mosambikaner nicht schwarz malen. Das hätte leicht wie eine Karikatur wirken können. Mit der Farbgebung wollte ich sie veredeln“, sagt die 46-Jährige, die für „Madgermanes“ mit dem „Max und Moritz-Preis“ und dem Preis der Berthold Leibinger Stiftung, den beiden wichtigsten Preisen für Comics und grafische Literatur im deutschen Raum, ausgezeichnet wurde.

Obwohl die Handlung überwiegend in den 80er und frühen 90er Jahren spielt, ist die gezeichnete Dokumentation auch heute von trauriger Aktualität. In „Madgermanes“ machen alle Protagonisten Erfahrung mit Rassismus, Basilio muss sogar erleben, wie ein entfesselter Mob das Vertragsarbeiterheim in Hoyerswerda angreift. Auch heute kommt es nicht nur in Sachsen wieder verstärkt zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte.

Als Birgit Weyhe vor neun Jahren mit den Recherchen begann, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Fremdenfeindlichkeit in Deutschland bei Erscheinen ihres Buches wieder Schlagzeilen bestimmen und Wahlen entscheiden würde. „Da hat die Gegenwart mich leider eingeholt. Es ist erschreckend, wie Geschichte sich wiederholt und offensichtlich so wenig daraus gelernt wird“, sagt die Autorin.

Auch Emiliano Chaimite holte die Vergangenheit in Dresden ein. Wenige Woche bevor er 1991 in die sächsische Hauptstadt kam, wurde dort der ehemalige mosambikanische Vertragsarbeiter Jorge Gomondai von einer Gruppe Skinheads aus einer fahrenden Straßenbahn gedrängt oder gestoßen. Zwei Wochen später starb er an seinen Verletzungen. 23 Jahre später marschierten Pegida-Anhänger erstmals durch Dresden. So wie Basilio und José aus „Madgermanes“ nach Mosambik zurückzukehren, kommt für Chaimite dennoch nicht in Frage. Der 49-Jährige: „Ich bin vor 30 Jahren in die DDR gekommen. Seit 25 Jahren lebe ich in Dresden. Auch wenn ich jetzt wieder manchmal Angst habe, werde ich aufrecht bleiben und hier Gesicht gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zeigen.“

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erstellt am 30.Jul.2016 | 15:30 Uhr

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