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Streitbar : Die Tradition ist längst Retorte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Bundesliga ist längst eine Markenwelt geworden, so dass der Aufstieg von RB Leipzig nur eine logische Konsequenz ist, analysiert Jan-Philipp Hein.

Nein, ich bin natürlich kein Fan von RB Leipzig. Warum auch? Die Stadt kenne ich kaum, die Mannschaft ist zwar – jedenfalls nach allem, was man so hört – nicht ganz schlecht, aber da gibt es eben auch viel bessere. Mir ist es auch ziemlich egal, was Spieler wie Davie Selke, Marcel Sabitzer oder Diego Demme so treiben und außerdem verbindet mich auch nichts mit Red Bull; weder mit der Brause, noch mit der Markenwelt, die Gründer Dietrich Mateschitz in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat. Das Zeug schmeckt fürchterlich und die Extremsportevents im Zeichen der Stiere sind sterbenslangweilig. Auch den Haussender „Servus TV“ kann ich nicht empfangen.

Dennoch wird mir der sächsische Fußballverein langsam sympathisch. Denn was über Rasenball Leipzig an Hass und geistigem Unrat ausgekübelt wird, sagt mehr über dessen Urheber als über das Objekt ihres Ressentiments aus. Und es ist mittlerweile so massiv, dass es Solidarität provoziert. Ein „Retortenklub“ sei RB Leipzig, heißt es fast überall und vergleichsweise harmlos, Fußballromantiker bemühen gar Vergleiche mit ansteckenden Krankheiten, um sich an der Truppe abzuarbeiten.

Ein norddeutscher Kneipenphilosoph, sowas wie ein Vordenker der Bremer Fanszene, postete mitten im Abstiegskampf seines Heimatvereins Werder dieses auf seiner Facebookseite und kassierte dafür reichlich Zustimmung: „Etwas Schönes kann man dem 34. Spieltag doch noch abgewinnen“, schrieb er: „Genießen wir den auf unabsehbare Zeit letzten Bundesligaspieltag ohne Red Bull Leipzig. Unsere Kinder werden später denken, die wären schon immer da gewesen. Und wir werden ihnen erklären müssen, dass es halt Dinge gibt, die man sich einfängt, wenn man nicht aufpasst. Und dann nie wieder los wird. So wie Herpes. Oder Pickel am Po.“

Diese Analogie entspringt einem unheilbar gesunden Empfinden – ihr Verfasser ist politisch links und engagiert sich für Flüchtlinge und alle Minderheiten, die einem so einfallen können. Geht es jedoch um den Club aus dem Osten, brennen sämtliche Sicherungen durch, dann bedient man sich sogar im Sprachschatz der Unmenschen.

Bigotterie ist beim RB Leipzig-Bashing verbreiteter als dämliche Reporterfragen nach Spielschluss am Feldrand. Höhepunkt am vergangenen Wochenende: Der Auftritt der Ost-Band „Silly“ bei der Aufstiegsfeier in der Leipziger Innenstadt. Sängerin Anna Loos und die restlichen Bandmitglieder spielten in Fußballtrikots und auf Einladung des Mitteldeutschen Rundfunks. Allerdings wandeten sich die Musiker nicht in RB-Leipzig-Trikots, sondern in die Leibchen sogenannter Traditionsvereine: Hansa Rostock, Union Berlin, 1. FC Magdeburg und Dynamo Dresden. Folgerichtig wurden sie von den Leipziger Fans von der Bühne gebuht. Bundesweit war der bewusst herbeigeführte „Eklat“ Thema in den Medien. Spätestens jetzt wusste auch im Westen jeder, dass Loos nicht nur Schauspielerin ist, sondern auch noch einer Band angehört, die „Silly“ heißt. Im Anschluss gab sich die Frontfrau natürlich naiv und ahnungslos. Man sei doch schließlich zu einem Fußballfest für ostdeutsche Klubs eingeladen worden, rechtfertigte Anna Loos sich und ergänzte treuherzig, dass man auch in RB Leipzig-Jerseys auf die Bühne gegangen wäre, wenn man denn geahnt hätte, was der Anlass der eigenen Darbietung gewesen wäre. Übrigens ist zufällig vor wenigen Tagen das neue Album von „Silly“ erschienen. Passenderweise trägt es den Titel „Wutfänger“. Geht es um RB-Leipzig, wird sogar eine PR-Aktion zur Verkaufsförderung eines neuen Albums zu einem bejubelnswürdig kommerzkritischen Akt.

Was die Fans und Anhänger organisch gewachsener Fußballclubs an der Leipziger Reagenzglas-Truppe so aus der Rolle fallen lässt, sind ihre eigenen Schattenseiten. Wer sich in einen Signal-Iduna-Park begibt, um Borussia Dortmund zuzujubeln, wer in der Allianz-Arena dem FC Bayern München bei der Arbeit zusieht, wer den „Wiesenhof“-Schriftzug auf den Trikots von Werder-Bremen sieht, der wird sich schon häufiger mit dem Gedanken herumgeschlagen haben, einem eiskalten Kommerzspektakel und weniger einer romantisch-archaischen Aufführung von Elf gegen Elf zuzusehen. Und auch wenn kaum einer drüber spricht: Der heilige Sankt Claudio Pizarro wird an der Weser auch nicht mit einem Hering und ’ner Pulle Haake Beck bezahlt, sondern mit Millionen Euros, die hinter den Kulissen der „Werder-Familie“ erwirtschaftet werden wollen. Seit Jahren erträgt die Bundesliga übrigens einen Schalke 04-Hauptsponsor Gazprom – eine Firma also, die Kritiker und russische Oppositionelle der organisierten Kriminalität zurechnen.

Vor diesem Hintergrund so zu tun, als kontaminiere RB Leipzig mit der Red-Bull-Kohle eine ehrliche Blut-, Schweiß- und Tränen-Liga, ist verlogen und absurd. Es sind die abgespaltenen eigenen negativen Vereinsmerkmale, die die Traditionsfans auf den neuen Bundesligisten projizieren. Psychiater müssten an der RB-Hysterie ihre helle Freude haben.

Und natürlich schwingt noch eine ganz andere Abneigung mit: die gegen die Ossis. Über ein halbes Jahrhundert ist die Bundesliga mit ihren Clubs gewachsen. Die Ostvereine haben nach dem Mauerfall keine Chance gehabt, in diesem System zu bestehen. Dynamo Dresden und Hansa Rostock haben nur wenige Spielzeiten in der ersten Bundesliga verbracht, bevor sie sportlich und wirtschaftlich ruiniert waren. Bis dahin haben sie mangels Erfahrung so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man machen konnte.

Seitdem ist der Osten außen vor, seitdem findet die Nationalsportart No.1 auf höchstem Niveau nur im Westen statt. RB dringt also auch in den West-Klüngel Bundesliga ein und raubt dort den Alteingesessenen einen wichtigen Überlebensplatz nördlich des 16. Rangs. Der VfB Stuttgart verschwindet und RB Leipzig kommt – das macht den Etablierten Angst. Das Ost-Ressentiment erklärt außerdem, warum das Geschrei und Gezeter jetzt so viel lauter und schriller ist als im Falle der TSG Hoffenheim des SAP-Besitzers Dietmar Hopp aus dem Südwesten der Republik. Da rümpfte das Fußball-Establishment beim Aufstieg vor ein paar Jahren zwar auch ein wenig die Nase, doch mittlerweile ist der Verein fast ein ganz normaler Bundesligist geworden.

Was Leipzig angeht, bleibt zu hoffen, dass sich die Aufregung bald legen wird. Erstens bekommt man bei Hassfangesängen schnell Fremdschämattacken, und zweitens werden auch die RB-Anhänger irgendwann merken, wie verlogen das Spektakel ist, das man gegen sie und ihren Verein inszeniert. Hoffen wir, dass ihre Reaktion humorvoll und nicht aggressiv sein wird. Die Scheinheiligkeit des Ligaestablishments bietet jedenfalls genug Angriffsfläche für kreative Darbietungen als Antwort, und sogenannte Problemspiele gibt es bereits genug. Und vielleicht ist auf dem Trikot von RB-Leipzig ja noch Platz für einen besonderen Sponsor: Monsanto müsste dringend was tun, um den Ruf seines Pflanzenschutzmittels Glyphosat aufzupolieren. Das wäre doch eine hübsche Provokation zum Saisonauftakt. Bei „Wiesenhof“-Werder würde man sich freuen.

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erstellt am 21.Mai.2016 | 16:00 Uhr

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