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Anti-Rassismus-Demo eskaliert : Die tödliche Nacht von Dallas

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Polizeigewalt gegen Schwarze in Minnesota und Louisiana: Heckenschütze nimmt Rache. SEK sprengt Täter in die Luft

svz.de von
erstellt am 08.Jul.2016 | 21:00 Uhr

Das Handy-Video eines Augenzeugen, von einem Hotelzimmer in der Innenstadt von Dallas aufgenommen, zeigt die brutalen Details des Mordes an einem Polizisten. Der Cop hat sich einem Mann genähert, der zuvor mit einem Schnellfeuergewehr auf andere Polizisten geschossen hatte. Der Beamte hat hinter einem Pfeiler Schutz gesucht, doch der durch einen anderen Pfeiler geschützte Täter geht perfide vor: Er täuscht eine Bewegung nach links an, nähert sich dann von rechts und von hinten– und feuert dem Cop immer wieder in den Rücken und in die Seite. Dort, wo die schusssichere Weste nicht schützt.

Live-Video von Lavish Reynolds auf Facebook

Video von der Schießerei in Dallas auf Facebook

Der Beamte ist einer der fünf Polizisten, die in dieser Nacht in der texanischen Metropole ihr Leben verlieren. Sieben werden teilweise lebensgefährlich verletzt. Es ist der größte Verlust an Leben für die US-Sicherheitsbehörden seit dem 11. September 2001 – während eines langen Feuergefechts, das das Zentrum von Dallas in eine kleine Kriegszone verwandelte.

Das Drama hatte gegen 21 Uhr begonnen – zum Ende einer friedlich verlaufenen Demonstration, bei der hunderte von Bürgern aller Herkunft und Hautfarbe wie in anderen Großstädten gegen die umstrittene Tötung von zwei Schwarzen durch weiße Polizisten in den Bundesstaaten Louisiana und Minnesota protestiert hatten. Videos dieser Vorfälle hatten zuvor die Nachrichtenlage dominiert – vor allem die erschütternden Aufnahmen einer jungen Frau, die ihren sterbenden Verlobten auf dem Fahrersitz zeigten, während ein völlig aufgelöster Cop weiter die Waffe auf die beiden richtet.

 
Chronologie: Tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze

August 2014: Der unbewaffnete schwarze Teenager Michael Brown wird in Ferguson bei St. Louis (Missouri) von einem Polizisten erschossen. Der Vorfall löst schwere Unruhen aus. Später tritt der Polizeichef von Ferguson zurück. Mittlerweile ist dort ein Schwarzer Polizeichef.

Dezember 2014: Ein vierfacher schwarzer Familienvater wird in Phoenix (Arizona) nach einer Polizeikontrolle erschossen, weil er seine Hand nicht aus der Hosentasche nehmen wollte.

April 2015: In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015: Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015: Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015: In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinem Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016: Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen.

Juli 2016: In Falcon Heights (Minnesota) stirbt ein 32-Jähriger im Krankenhaus, nachdem ein Polizist bei einer Fahrzeugkontrolle mehrfach auf ihn geschossen hatte. Nur einen Tag zuvor hatten zwei Beamte in Baton Rouge (Louisiana) einen 37-Jährigen auf einem Parkplatz zu Boden gezwungen und ihn aus nächster Nähe erschossen.

 

Als in Dallas die ersten Schüsse unweit der Stelle fallen, wo einst John F. Kennedy ermordet worden war, gibt es dramatische Szenen. Demonstranten, die einen Kinderwagen aus der Gefahrenzone tragen. Cops, die getroffene Beamte hinter Streifenwagen ziehen und zurückfeuern. Nicht enden wollende Schüsse aus hochkalibrigen Gewehren. Viele der zunächst verbreiteten Informationen erweisen sich im Lauf der Nacht als falsch. Es gibt nur einen und nicht drei oder vier Heckenschützen, wie Polizeichef David Brown am Morgen bestätigt.

Der Täter, der sich zuletzt in einem Gebäude verschanzt und mit einem Krisen-Spezialisten gesprochen hatte, tötete sich nicht selbst. Das SWAT-Team (SEK) schickte vielmehr einen Roboter mit einem Sprengsatz in die Nähe des Todesschützen und führte eine gezielte Explosion aus. „Es war der sicherste Weg für uns“, so Brown, „wir wollten nicht noch mehr Leben gefährden.“

Hintergrund: Bewegung „Black Lives Matter“

„Black Lives Matter“, schwarze Leben zählen: Diese Bewegung steht nach dem Tod zweier Schwarzer in den USA wieder im Blickpunkt.

Ihren Ursprung hat sie in den landesweiten Unruhen nach dem Tod des jungen Schwarzen Trayvon Martin, der 2013 von einem Nachbarschaftswächter erschossen wurde. Der Hashtag #BlackLivesMatter verbreitete sich rasch bei Twitter und Facebook.

Aus diesem Aufruf entstand in den USA binnen zwei Jahren eine landesweite, sehr einflussreiche Protestbewegung gegen Polizeigewalt und Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen.

„Black Lives Matter“ sorgte nach weiteren Fällen von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner weltweit für Aufsehen, besonders nach dem Tod von Michael Brown in Ferguson 2014.

Kritiker stellen die Frage, ob weiße Leben nicht auch zählen und sprechen von Stimmungsmache gegen Polizisten. Donald Trumps Unterstützerin Sarah Palin ging soweit, die Aktivisten als „Obamas Hunde“ zu bezeichnen. Das „Wall Street Journal“ warf den Unterstützern der Gruppe vor, von den eigentlichen Problemen der Schwarzen abzulenken. Das Problem sei nicht die Polizei, sondern die gegenseitige Gewalt unter Afroamerikanern.  Patrisse

Cullors, Alicia Garza und Opal Tometi gelten als Begründerinnen der Organisation.

 

Zuvor war es dem Polizeipsychologen vor Ort gelungen, wichtige Informationen vom bisher nicht identifizierten Täter zu sammeln: Er gab an, allein und nicht im Auftrag einer Gruppe zu handeln. Er sagte, er wolle vor allem weiße Polizisten töten, weil er über die Vorfälle in Louisiana und Minnesota empört sei. Er behauptete auch, Bomben in dem Gebäude platziert zu haben – was sich dann als unwahr herausstellte. Bei der Suche nach Verdächtigen nach den ersten Schüssen kam noch erschwerend hinzu, dass in Dallas seit Jahresbeginn das offene Tragen von Schusswaffen völlig legal ist. So gerät unter anderem ein Farbiger ins Fahndungs-Visier, der mit einem Schnellfeuergewehr die Demonstration begleitet hat – aber, wie es sich später herausstellt, mit dem Attentat nichts zu tun hat.

US-Präsident Barack Obama, der zuvor die Tötung von zwei Schwarzen durch weiße Polizisten in den Bundesstaaten Louisiana und Minnesota als „viel zu häufiges Vorkommnis“ beklagt hatte, verurteilte das Attentat gestern auf einer in Polen beim Nato-Gipfel abgehaltenen Pressekonferenz als „bösartig“. Es gebe „keine denkbare Rechtfertigung“ für diese Gewalttat, so der Präsident. Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sagt einen gemeinsamen Auftritt mit Vizepräsident Joe Biden ab. Die nächtlichen Attentate haben auch die politische Szene erschüttert.

Kommentar: Latentes Reizklima
Die Innenstadt der US-Metropole Dallas gleicht einer Kriegszone. Mindestens fünf tote Polizisten. Die USA erleben derzeit eine erschütternde, aber nicht völlig unerwartete Eskalation des seit langem schwelenden Konflikts zwischen Ordnungshütern und jenen, die sie als Feind und nicht als Freund ansehen. Bei der Ursachenforschung muss sich auch US-Präsident Obama kritische Fragen gefallen lassen. Den Vorgang lediglich auf die Schusswaffen-Debatte zu reduzieren, wäre jedenfalls ein Fehler. Denn die Polizisten in Dallas starben, weil ein latentes Reizklima nach jahrelangem Brodeln überkochte. Nach der Tragödie die richtigen Worte zu finden, bevor es weitere Explosionen der Gewalt gibt, ist Obamas wichtigste Aufgabe für die kommenden Monate.
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