Ausstieg aus einer Sekte : Die Sünderin

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Wer bei den Zeugen Jehovas ist, schließt einen Pakt für die Ewigkeit. Elisabeth Söhrings* ist ausgestiegen – und kämpft seitdem gegen ein Leben als Ausgestoßene.

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17. April 2017, 09:00 Uhr

In Gottes Namen passieren weltweit seit Tausenden von Jahren schreckliche Dinge. Elisabeth Söhrings* Gott hieß über 45 Jahre Jehova. Sie hat ihn geliebt und angebetet. Bis die Zweifel kamen. Aber Zweifel sind nicht erlaubt. „Ganz oder gar nicht“ heißt es bei den Zeugen Jehovas. Lange hat Elisabeth die Zweifel verdrängt. Mit dem „Mantel der Liebe“ wurde ihr ganzes Elend zugedeckt – so hieß es. Spaltung, Lügen, Ehebruch, Druck, Ablehnung türmten sich zu einem großen Seelenberg auf. Irgendwann wurde der Berg zu groß. Sie ist gegangen und hat sich befreit. Der Preis war hoch. Mit den Zeugen Jehovas hat sie gebrochen. Den Glauben an Gott hat sie wiedergefunden. Die Spaltung jedoch ist geblieben, wer die Zeugen verlässt, darf keinen Kontakt mehr zur „Familie“ haben.

Ihre Großmutter hat es auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Neumünster (Schleswig-Holstein) verschlagen. Die Gemeinschaft der strenggläubigen Bibelforscher wurde zu Zeiten des Nationalsozialismus verfolgt, denn sie verweigerte aus Glaubensgründen den Kriegsdienst sowie den Hitlergruß. 1961 gab es einen großen Kongress der Zeugen Jehovas in Hamburg. Viele Teilnehmer fanden Unterschlupf bei Gleichgesinnten. So auch bei der Großmutter von Elisabeth Söhring. „Ich glaube, dass das für meine Mutter auch der Impuls war, selber Zeugin Jehovas zu werden“, sagt sie. Kurz vor dem Beitritt hatte sich ihre Mutter verliebt und war schwanger geworden. Ihr Vater war kein Anhänger der Zeugen Jehovas und wurde es auch nie. Eine schwierige Situation für die ganze Familie.

Elisabeth saß damals zwischen den Stühlen und wollte wie jedes Kind beiden Elternteilen gerecht werden. „Meine Eltern haben versucht, diesen großen Glaubenskonflikt immer auszuklammern, was natürlich nur bedingt möglich war.“ Es wurde einfach nicht darüber gesprochen.

Am Schlimmsten war es für sie, ihren Vater zu belügen. „Meine vielen Stunden Bibelarbeit musste ich oft heimlich vornehmen. Ich saß mit meiner Mutter auf dem Sofa, und immer, wenn wir meinen Vater gehört haben, wurde das Buch versteckt. Mein Leben lang habe ich darunter gelitten, es beiden Recht zu machen. Einen Gewinner gab es nie. Ich liebe doch beide!“

Bis sie 14 Jahre alt war, verbot ihr Vater die Teilnahme an den Versammlungen. Ihre Taufe und damit den unwiederbringlichen Beitritt in die Gemeinschaft konnte er jedoch nicht verhindern.

Dieser Konflikt zwischen den Eltern und dem Glauben brachte sie auch in Lebensgefahr. Mit sechs Jahren erkrankte sie an einer Blutkrankheit. Nach der Bibelauslegung der Zeugen Jehovas ist Blut heilig und darf dem Körper daher unter keinen Umständen als rettende Bluttransfusion zugeführt werden. Wieder stehen ihre Eltern mitten in einem Konflikt. An die lauten Auseinandersetzungen an ihrem Krankenbett kann sie sich noch gut erinnern – nicht aber daran, wer schließlich gewonnen hatte. Erst nach sechs Monaten wurde sie wieder gesund.

Als Zeugin Jehovas war klar, dass sie nur einen Partner aus der Glaubensgemeinschaft wählen konnte. Auch ihre Mutter hatte stets dafür gesorgt, dass andere Bewerber gar nicht in Frage kamen. Wahrscheinlich, so vermutet Elisabeth, wollte sie ihrer Tochter dadurch auch den Konflikt ersparen, in dem sie sich selbst befand. Mit 16 lernte sie ihren Mann kennen. „Mit 17 haben wir uns verlobt, mit 19 geheiratet“, erzählt die 58-Jährige. Ihr Vater war bei der Hochzeit nicht dabei.

Doch Elisabeth war beeindruckt von dem gut aussehenden, dynamischen Mann. Lange hielt diese Faszination an. Die zwei wurden Eltern, führten ein Leben in Wohlstand. Auch ihren Glauben lebten sie in einer starken Gemeinschaft. Doch mit den Jahren wurden die Zweifel immer stärker und die Konflikte größer. Ihr Mann begann ein Verhältnis mit einer Glaubensschwester. Eine Todsünde in den Augen der Zeugen Jehovas.

Das Paar versuchte, mithilfe der Gemeinde seine Ehe zu retten. In dieser Zeit wuchs jedoch auch ihr innerer Widerstand gegen ihren Glauben. „Der Mensch als Individuum zählt nicht. Man ist im höchsten Maße unfrei. In seiner Persönlichkeitsentwicklung wird man massiv beeinträchtigt.“ Es ist der Beginn einer schweren Lebenskrise. „Ich konnte das irgendwann nicht mehr ertragen. Ich wusste um den hohen Preis, den ich dafür zahlen musste. Und dennoch ging es einfach nicht mehr. Ich musste mich und meine Kinder in Sicherheit bringen.“ 2005 trat sie bei den Zeugen Jehovas aus.

„Eine Zeit lang war ich richtig böse auf Gott“, erinnert sie sich. „Alles, was man 45 Jahre lang gelernt und geglaubt hat, war nichts mehr wert. Ich war nichts wert.“ Sie kämpfte lange, um dieses Bild zu wandeln.

Heute hat sie sich versöhnt mit ihrem Glauben. „Er kann nichts dafür, dass Menschen ihn falsch interpretieren.“ Trotzdem ist sie eine Sünderin. Wer den Namen Jehovas verrät, nimmt schwere Schuld auf sich. So hat sie es gelernt. Ihre Mutter darf nicht mehr mit ihr sprechen. Sie tut es trotzdem. Aber alle haben zu jeder Zeit das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Der Vater ihrer Kinder hat den Kontakt zu ihnen abgebrochen. So geht es allen abtrünnigen Zeugen. Das verlangt der Glaube. Für die Betroffenen unmenschlich. Für Elisabeth war es ein langer harter Weg, sich von dieser Bürde zu befreien.

Sie würde gerne eine Selbsthilfegruppe für Aussteiger und junge Zeugen Jehovas anbieten. „Viele Zeugen Jehovas sind depressiv und viele Jugendliche führen ein Doppelleben. Sie leiden unter den Zweifeln und dem Druck“, weiß sie. Mit ihren Erfahrungen will sie anderen helfen, einen Ausweg zu finden. Denn eines ist für sie sicher: „Es gibt ein Leben nach den Zeugen Jehovas.“

Die Folgen ihres eigenen Austritts tragen sie und ihre Kinder bis heute. Heute haben sich alle gefangen, aber der Weg dahin war mehr als steinig. Die Narben werden ewig bleiben.

*Name von der Redaktion geändert

Jehovas Zeugen: Die „Wachturm“-Gesellschaft

Die Zeugen Jehovas gingen aus der „Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher“ hervor, die Ende des 19. Jahrhunderts in den USA von Charles Taze Russell gegründet wurde. 1931 benannten sich die Bibelforscher in Jehovas Zeugen um. Nach eigenem Angaben sollen 166262 Personen in Deutschland zu der Glaubensgemeinschaft gehören.

Bekannt sind sie für strenge missionarische Tätigkeit, die sie auch mit Hilfe der beiden Publikationen „Wachturm“ und „Erwachet“ verbreiten. Für Jehovas Zeugen ist ihr Glaube untrennbar mit seiner Verkündigung verbunden. Eine rein passive Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft gibt es daher nicht. Etwa 20 Stunden aktive Gemeindearbeit muss jedes Mitglied monatlich erbringen. Die Gemeinden werden Versammlungen genannt und von einer „Ältestenschaft“ geleitet und vertreten. Die Zusammenkünfte finden meist in eigenen Versammlungsstätten statt, die Königreichssaal genannt werden.

Jehovas Zeugen lehnen jede Art des „Gebrauchs von Blut“ als Nahrungsmittel- oder als Medikamentenzusatz und seit 1944 auch als Bluttransfusion ab. Ärzte müssen die Ablehnung einer Bluttransfusion durch einen volljährigen Zeugen Jehovas akzeptieren. Die Frage, ob den Zeugen Jehovas angehörende Eltern Bluttransfusionen für ihre minderjährigen Kinder ablehnen dürfen, war insbesondere im Falle lebensbedrohlicher Krankheitsverläufe oft Gegenstand von Gerichtsurteilen. Inzwischen hat sich in Deutschland eine ständige Rechtsprechung dahingehend herausgebildet, dass in solchen Fällen das Kindeswohl vorgeht. Feiertage wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag oder Fasching werden nicht begangen. Die Ehe wird als heilig angesehen. Scheidungen sind nur in Folge von Ehebruch erlaubt. Der Mann ist das Oberhaupt der Familie. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, Polygamie, das Zusammenleben ohne Trauschein und die Ausübung von homosexuellen Handlungen gelten als Sünden. Von Eheschließungen mit Personen, die keine Zeugen Jehovas sind, wird abgeraten. Frauen haben keine leitenden Positionen. Die Exkommunikation wird als „Gemeinschaftsentzug“ bezeichnet. Den anderen Mitgliedern sind soziale Kontakte mit dem Ausgeschlossenen nicht mehr gestattet.

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