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Streitbar: Neue Technologien : Die Spielverderber

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Aus der Onlineredaktion

Wer einseitig neue, vermeintlich bessere Erlösertechnologien propagiert, macht es sich zu einfach, findet Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 04.Nov.2017 | 15:45 Uhr

Prognosen sind bekanntlich besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Deshalb sind die Grünen mit ihrer Forderung nach einem Zulassungsverbot für Verbrennungsmotoren ab 2030 durchaus mutig unterwegs. Es besteht nämlich das Risiko, dass die Diesel- und Ottoantriebe bis dahin noch derart große Entwicklungssprünge machen, dass sie die Elektromotoren, die gerade als avantgardistische Alternative und langfristige Lösung gehypt werden, auch bei den Schadstoffemissionen wieder alt aussehen lassen. Dass der Auspuff eines Elektroautos nicht selten der Schornstein eines Kohlekraftwerks ist, wird genauso verschämt von wenigen Spielverderbern in die Debatte ums Fahren in der Zukunft eingespeist wie der Umstand, dass Tesla nur einen Bruchteil seiner Kunden bedienen kann und die Batterien der amerikanischen Wundermobile offenbar leichter in Brand zu setzen sind als ein Kanister Benzin.

Erst jüngst verwandelte sich in Tirol ein Tesla wieder in ein flammendes Inferno. Die Feuerwehr musste 35 Mann aufbringen, um den sich immer wieder neu entzündenden Akku schließlich zu löschen. Der Wagen musste außerdem 48 Stunden unter „Quarantäne“ gestellt werden. Man stelle sich kurz vor, ein solches Unglück spielte sich in einem Tunnel ab – mit unzähligen Opfern einer Rauchvergiftung.

Nun ist es nicht ganz neu, dass Erlösertechnologien in Deutschland mit viel Nachsicht bedacht werden, wenn es um ihre Risiken und Nebenwirkungen geht. Solche messianischen Technologien sind die, die uns von dem Bösen erlösen – etwa der Atomkraft.

Während eine tote Fliege in der Nähe eines Kernkraftwerks Massendemonstrationen nach sich zieht und eine verkalkte Kaffeemaschine beim Pförtner einer Nuklearanlage als schwerer Störfall gewertet wird, sind Heerscharen toter Vögel und Fledermäuse rund um einen Windpark ein lange nicht zu hoher Preis für die sogenannte Energiewende. Arten- und Naturschützer beobachten die Industrialisierung ganzer Landstriche seit Jahren mit Entsetzen. Doch ihre Warnungen werden in den Wind geschlagen.

Wichtig ist nur eins: Von deutschem Boden soll nie wieder Radioaktivität ausgehen. Dafür kann man auch mal Einschnitte bei Flora und Fauna hinnehmen. Gleichzeitig sollte möglichst kein bisschen Chemie mehr die Äcker der Kulturlandschaften zwischen Alpen und Nordsee beschmutzen. Und dafür ist es allemal gerechtfertigt, mit dem Schwermetall Kupfer auf Schädlingsjagd zu gehen. Wer die Natur so eindämmt, darf das Biosiegel auf seine Produkte kleben und verkauft damit ein gutes Gefühl und verschafft sich und seiner Kundschaft auf diese Art ein reines Gewissen.

Die zuverlässigste Variante, sich von Fortschritt und Entwicklung abzukoppeln, ist das Verbot einer Technologie. So werden weltweit Nuklearanlagen sicherer und leistungsfähiger und damit auch absehbar kostengünstiger und wirtschaftlicher, derweil in Deutschland die Netzstabilität leidet, weil an Tagen ohne Wind und Sonne das energiegewendete Versorgungskonzept so seine lieben Nöte bekommt und es ohne die restlaufzeitigen Atomkraftwerke und die diversen Kohle- und Gasbackups zappenduster wäre.

Einen deutschen Sonderweg gibt es natürlich auch bei der Gentechnik. Weltweit forschen Wissenschaftler an den Genomen von Nutzpflanzen, um Lösungen für ein nahe liegendes und sich stetig verschärfendes Problem zu finden: Immer mehr Menschen benötigen logischerweise immer mehr Nahrungsmittel. Die Uno geht davon aus, dass jährlich knapp 80 Millionen Menschen mehr auf der Erde leben werden. Die Arbeit in den gentechnischen Laboren wird hier bei uns als teuflisches Handwerk frankensteinscher Dimensionen verunglimpft. Die postmodernen und pappsatten Deutschen wollen von der Gentechnik genau gar nichts wissen. Doch während hier Essen aus der Steckdose kommt und es auch bei vollkommen unbewusster Ernährung unmöglich ist, in Mangelzustände zu geraten, sieht das an anderen Orten des Planeten deutlich anders aus. Aber die Gefahr, dass deutsche Unternehmen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Hunger und Elend spielen, ist dank heimischer Neurosen zuverlässig gebannt. Fortschritt? Brauchen wir nicht mehr. Soll sich der Rest der Welt mit rumärgern.

Deshalb muss man dankbar sein, dass es im Moment noch nicht danach aussieht, als würde auch der konventionelle Autoantrieb unter die Räder teutonischer Massenhysterien geraten – auch wenn man die Jamaika-Koalitionsverhandlungen nicht vor ihrem Ende loben sollte und davon ausgehen kann, dass das entsprechende Verbrennungsmotorenverbot Teil der Verhandlungsmasse von FDP, Grünen und Union ist.

Mit dem Automobil verbindet die deutsche Seele durchweg angenehme Emotionen. Die hiesige Autoindustrie ist die politisch-moralisch einwandfreie Variante, deutsche Dominanz in der Welt zu verbreiten. Jeder heillos übermotorisierte Daimler, Porsche, Audi oder BMW auf einem amerikanischem Highway symbolisiert eben nicht nur verantwortungslosen Umweltfrevel, sondern auch die Überlegenheit deutscher Ingenieurskunst.

Die Leiden an der kulturellen Überfremdung durch Smartphones, Computerbetriebsysteme, soziale Netzwerke und Kaffeegemische amerikanischer Konzerne können wenigstens durch das großzügige Exportieren von Automobilen etwas gelindert werden. Dass der amtierende US-Präsident kurz nach seiner Wahl die deutschen Exporte explizit als Bedrohung seines Landes eingestuft hat, hilft gleich nochmal so gut.

Noch also haben die großen Autohersteller (und mit ihnen ihre Mitarbeiter) einen etwas besseren Stand als ihre Kollegen aus der hiesigen Chemie- oder Pharmaindustrie. Da sich aber auch diese Nachsicht aus irrationalen Quellen speist – wie bei so vielen anderen Aufregerthemen – ist Vorsicht geboten. Mit dem Wankelmut der Massen muss jederzeit gerechnet werden.

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