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Interview : „Die Schüsse von Dallas waren leider zu erwarten“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Andreas Herholz sprach mit Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Institut Niedersachsen.

von
erstellt am 11.Jul.2016 | 19:25 Uhr

Nicht nur die US-Metropole Dallas steht weiter unter Schock. „Schüsse aus dem Nichts“, lautete ein Zeitungstitel. Aber stimmt das wirklich? Andreas Herholz sprach mit Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Institut Niedersachsen.

Kamen die tödlichen Schüsse gegen Polizisten wirklich aus dem Nichts?
 

Pfeiffer: Nein, im Gegenteil. Die Schüsse von Dallas waren leider zu erwarten. Man musste damit rechnen, dass die Wut umschlägt und sich gegen Polizeibeamte richtet. Die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, ist nun einmal in der amerikanischen Gesellschaft in hohem Maße vorhanden. In Dallas spielt auch ein Gefühl der Ohnmacht der schwarzen Bevölkerung sicher eine Rolle. In Dallas war es ein Einzeltäter. Dieser Schock führt hoffentlich zum Innehalten.

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Fälle, in denen Polizisten im Einsatz Schwarze töten. Wie ist dieses Phänomen der Gewalt zu erklären?


In Deutschland muss ein Polizist bei einer Personen- oder Fahrzeugkontrolle – anders als seine Kollegen in den USA – nicht damit rechnen, dass die Person eine Waffe trägt. In den USA ist dies immer der Fall. Das Risiko von Polizeibeamten, Opfer zu werden, ist in den USA etwa zehnmal höher als in Deutschland. Das führt bei den Einsatzkräften zu einer Art Kriegermentalität. Wenn jemand bei einer Kontrolle mit der Hand in die Tasche greift, reagieren US-Polizisten panisch. Sie stehen unter gewaltigem Stress.

Warum ist die Gewaltbereitschaft in Deutschland so viel geringer als in den USA?


Für die Kindererziehung in Deutschland gilt seit 25 Jahren ein klarer Trend: mehr Liebe, weniger Hiebe. Die große Mehrheit wächst heute völlig gewaltfrei auf. Dazu hat erheblich das im Jahr 2000 verhängte Verbot beigetragen, Kinder und Jugendliche zu schlagen. Das ist eine Hauptursache dafür, dass bei uns seit 2007 die Jugendgewalt um 50,4 Prozent zurückgegangen ist. Auch die Gewalt an Schulen ist deutlich geringer. Die Abschaffung des elterlichen Züchtungsrechts war ein großer zivilisatorischer Schritt.

In den USA ist das bis heute deutlich anders. Warum?


Ich habe zuletzt 2014 knapp ein Jahr in den USA dazu geforscht. Solange in den USA Eltern und Lehrer Kinder schlagen dürfen, wird es dort häufiger Amokläufe geben als in Europa. Amerika ist krank in puncto Erziehung. Es ist eine geprügelte Nation. In 19 der US-Bundesstaaten ist sogar den Schullehrern erlaubt, die Kinder körperlich zu züchtigen. Mehr als drei Viertel der jungen Väter und zwei Drittel der jungen Mütter in den USA sind der Ansicht, dass jedes Kind ab und zu eine kräftige Tracht Prügel braucht. Das ist eine Quelle der Gewalt.

Ein Forschungsergebnis aus Deutschland: Von denjenigen, die in der Kindheit völlig gewaltfrei und sehr liebevoll erzogen wurden, hatten nur 5,9 Prozent eine Gewalttat begangen. Bei der Gruppe der wenig Geliebten und häufig Geschlagenen sind es dagegen 35,1 Prozent. Eine gewaltfreie Erziehung fördert zudem den aufrechten Gang und ein friedliches Zusammenleben. Wir brauchen in den USA eine Abrüstung in den Köpfen.

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