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Die Ängste der Deutschen : Die Regierung muss Halt geben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Michael Geyer, Angstforscher und Leiter der Akademie für Psychotherapie Erfurt, über die Furcht vieler vor einer ungewissen Zukunft

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Die Zuversicht der 30- bis 59-Jährigen in Deutschland ist laut einer Analyse des Meinungsforschungsinstituts Allensbach binnen eines Jahres eingebrochen. Statt Optimismus  dominieren Skepsis und Unsicherheit. Darüber sprach Tobias Schmidt mit dem Angstforscher und Leiter der Akademie für Psychotherapie Erfurt.

Woher kommt dieses doch eher diffuse Gefühl der Angst?
Geyer: Schon nach der Silvesternacht von Köln ist die Stimmung umgeschlagen. Es wird ein allgemeines Versagen des Staates wahrgenommen, weiterhin für Sicherheit und Ordnung sorgen zu können. Das steht im Hintergrund der Sorgen in anderen Bereichen, etwa die um die persönliche Zukunft.

Aber wie kommt es, dass die meisten Menschen ihre eigene Lebensqualität im Moment als sehr hoch einstufen, aber düster in die Zukunft blicken?
Dieses scheinbare Paradox löst sich auf, wenn wir bedenken, dass die Menschen die Hoffnung verloren haben, der Staat werde es auch in der Zukunft richten können. Dabei geht es nicht nur um Kriminalität, Innere Sicherheit und Flüchtlinge, sondern etwa auch um die Sicherheit der Rente.

Die Flüchtlingszahlen sind im letzten halben Jahr deutlich zurückgegangen. Die allermeisten Menschen haben keine direkten Erfahrungen mit den Neuankömmlingen gemacht. Müsste die Sorge vor dem Kontrollverlust nicht wieder abnehmen?
Dort, wo ein Kommunikationsvakuum entsteht, kommt es zu allen möglichen Gerüchten und Fantasien, die oft nicht mit der Wirklichkeit vereinbar sind. So lange die Bundeskanzlerin sagt „Wir schaffen das“, aber nicht genau sagt, wie, haben wir eine breite Palette von Möglichkeiten, wie das zu interpretieren ist. Natürlich sind auch viele Probleme gelöst worden. Die Menschen haben aber noch immer das Gefühl, dass ihre Unsicherheit, die real ist, nicht aufgenommen wird. Und sie wissen nicht, wie auch kulturelle Probleme, die mit den Flüchtlingen ins Land gekommen sind, gelöst werden. Das muss angesprochen werden, um der Verunsicherung entgegenzuwirken. Meine Erfahrung ist, dass die Menschen in solchen Zeiten jemanden brauchen, der energisch sagt: So wollen wir leben, und so wollen wir nicht leben. Und das wird nicht getan.

Was macht es mit dem Einzelnen, wenn er Angst vor der Zukunft bekommt?
Das Problem ist das Gefühl von Hilflosigkeit. Diese überträgt sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Man traut der Politik dann nicht mehr zu, die Rentenfrage zu lösen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern.

Wie helfen Sie Menschen,mit solchen diffusen Ängsten umzugehen?
Einer verunsicherten Gesellschaft kann nur mit entschlossenem politischen Handeln begegnet werden. Die Regierung muss die Ziele ihrer Politik klar benennen, sagen, wie es werden soll, welchen Einfluss sie dem Fremden zubilligen will, um den Menschen Halt zu geben.

Manche Ihrer Kollegen sagen, die Flüchtlinge seien die „modernen Hexen“, die von den eigenen Schwächen ablenken sollen. Gibt es diesen Mechanismus?
Das ist ja immer so, dass Probleme auf bestimmte Gruppen projiziert werden. Das macht die Sache aber nicht besser und entbindet den Staat nicht von der Aufgabe, für sicherere Verhältnisse und Klarheit zu sorgen.

Haben Sie selbst Patienten, die wegen dieser Verunsicherung seelisch krank geworden sind?
Nein, aber die meisten Menschen, die mich aufsuchen, bewegt das. Nicht Fremdenhass, sondern die Ungewissheit, welche kulturelle Leitlinie in Zukunft in Deutschland Oberhand gewinnt, bewegt die Leute, also die Angst, sich an fremde Kulturen anpassen zu müssen.

Kommentar: Extrem beunruhigend

2016, das Jahr der Ängste und Sorgen? Glaubt man den Meinungsforschern, geht es vielen Deutschen so gut wie lange nicht, und dennoch trübt sich die Stimmung ein. Trotz des privaten Sonnenscheins wachsen die Befürchtungen, dass dieser nicht von Dauer sein könnte. Das mag paradox erscheinen, doch die Aussicht, das Glück und den hohen Lebensstandard preisgeben zu müssen, gerade im Alter, ist für viele nicht nur abstrakt und daher extrem beunruhigend. Der Glaube an das „Wir schaffen das“ ist eher schwach, der Vertrauensverlust in die Politik und deren Lösungskompetenz dagegen stark.

Flüchtlingskrise? Kein Problem! So hatten es die etablierten Kräfte beinahe unisono versichert, als mehr als eine Million Menschen unkontrolliert nach Deutschland gekommen sind. Inzwischen wird immer deutlicher, dass die Bewältigung dieser Aufgabe ein langer und schwieriger Weg wird. Da wachsen die Zweifel an der Problemlösungskompetenz „der da oben“. Die Rente erscheint alles andere als sicher. Sparen lohnt sich nicht mehr, vieles steht zur Disposition. Kein Wunder, dass da Vertrauen und Optimismus schwinden.

Doch kaum ein Land hat bessere Voraussetzungen, mit diesen Herausforderungen umzugehen, sie zu meistern. Wer die Probleme schönredet, verdrängt, anstatt sie klar zu benennen und Lösungen anzubieten, muss sich nicht wundern, wenn aus Ängsten und Sorgen Protest wird.

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