Lastenfahrrad : Die neue Familienkutsche

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Das Lastenrad erlebt eine Renaissance und wird mancherorts sogar gegen das Auto eingetauscht.

svz.de von
17. September 2017, 05:00 Uhr

Der Wocheneinkauf, die zwei Kinder und auch noch der Hund lugen aus der Transportbox. Dahinter sitzen Mama oder Papa und treten schwer in die Pedale – oder auch butterweich, wenn das Rad auch noch über einen Elektroantrieb verfügt. Lastenfahrräder sind der neue Trend. Nicht mehr nur bei Transportunternehmen, die Alternativen zur verstopften Innenstadtstraße suchen, sondern vermehrt auch bei jungen Familien.

„Die Nachfrage hat extrem angezogen in den letzten Jahren“, sagt Thorsten Krogh, Inhaber des Fahrradladens „Rückenwind“ in Kiel. Er hat sich mit seinem Geschäft auf Lastenräder spezialisiert und wird von Kunden aus dem ganzen Land angesteuert. Vor allem seien es junge Familien, die sich ein Lastenrad zulegten, um Kinder, den Hund und Einkäufe zu transportieren. Die meisten seiner Kunden entscheiden sich für einen Elektroantrieb. „Das Verhältnis liegt bei etwa 70 zu 30 für die E-Variante“, sagt Krogh. „Schon bei normalen Rädern greifen immer mehr Kunden zum Elektroantrieb – wenn dann noch schwere Lasten dazukommen, fällt die Entscheidung noch häufiger so aus.“

In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Situation von jungen Familien radikal verändert, sagt Branchenexperte Gunnar Fehlau. „Früher war für viele das Idealbild: Wir haben ein Haus 20 Kilometer vor der Stadt und dafür zwei Autos.“ Inzwischen lebten viele Familien aber direkt in oder am Rand der Stadt. „Statt Kinderwagen gibt es einen Kinderanhänger, statt dem zweiten Auto das Lastenrad.“ Mit einem Elektroantrieb lasse sich damit auch größeres Gewicht ohne Probleme transportieren. Vor allem in Großstädten sieht man die Räder immer häufiger, Verkäufer Thorsten Krogh berichtet aber durchaus auch von Kunden aus dem ländlichen Raum. Auch das grüne Gewissen spielt bei der Entscheidung eine Rolle: weniger Abgase und Umweltbelastung, mehr frische Luft und Bewegung.

Wer sich für ein Lastenrad entscheidet, muss in jedem Fall tief in die Tasche greifen. Die Preisspanne reicht von 2500 bis über 6000 Euro, mit Elektromotor ist man ab 4000 Euro dabei. Weil das viele Familienkassen sprengt, bietet Thorsten Krogh das Leasing von Lastenrädern in Kooperation mit Arbeitgebern in Schleswig-Holstein an. Das Gefährt wird dann zum Dienstfahrrad erklärt, für das die gleichen Regeln wie für Dienstwagen gelten. Die Leasingraten werden direkt vom Gehalt abgezogen, sodass man kräftig Abgaben sparen kann.

Vor allem holländische und dänische Hersteller dominieren den Markt, zum Beispiel „Babboe“ aus Amersfoort oder „Christiania Bikes“ aus Kopenhagen. Klar, ist Radeln doch in diesen Ländern Volkssport. Was man bei allen Modellen bedenken muss: Ein sicherer, ausreichend großer und ebenerdiger Abstellplatz wird benötigt. Das kann in einem Mehrfamilienhaus in der Stadt schwierig werden.

Der Markt bietet verschiedene Formen von Lastenrädern, die auf den jeweiligen Einsatzzweck abgestimmt sind. Die bekanntesten Vertreter sind dreirädrige Frontlader und die zweirädrige „Long-John“-Variante, wo die Ladefläche zwischen Fahrer und Vorderrad untergebracht ist. Dreiräder eignen sich besser für den Transport mehrerer Kinder und sind daher bei Familien beliebt, vertragen wegen der Kippgefahr aber keine hohen Kurvengeschwindigkeiten und sind daher besser für kurze Strecken geeignet, wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) rät. Long-Johns sind kaum breiter als herkömmliche Fahrräder und können schneller gefahren werden, was sie für reinen Lastentransport prädestiniert; aber auch der Kindertransport ist möglich. Anschnallgurte für Kinder gehören oft zur Basisausstattung, weiteres Zubehör wie zum Beispiel Regenverdeck, Sitzpolster oder spezielle Halterungen wie Babyschalen können dazugekauft werden.

Doch nicht nur als Familienkutsche wird das Lastenrad genutzt. „Auch Fahrradkuriere, die größere Lieferungen ausfahren möchten, greifen vermehrt auf diese Transporter zurück“, sagt Floriane Lewer vom ADFC. Ebenso wie Lieferdienste und neuerdings sogar die ADAC-Pannenhelfer. „Mit einem Lastenrad ist man im Stadtverkehr in der Regel schneller unterwegs als mit dem Auto oder Lieferwagen.“ Das bestätigt auch David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV): „Wir sehen große Potenziale im Cargoverkehr. Lastenräder werden mehr und mehr Lieferwagen ersetzen, speziell für die letzte Meile bis zum Empfänger.“ Der Paketzusteller DHL setzt aktuell in vielen deutschen Großstädten auf Lastenräder statt Lieferwagen, mit Erfolg, wie die stetige Ausweitung zeigt.

Aber Moment mal. Das gab es doch schon mal? Genau. Bevor in den 1960er Jahren das Auto gesellschaftsfähig wurde, sah man Lastenräder an jeder Ecke. Handwerker, die Material transportierten, Bäckergesellen, die Brötchen ausfuhren. Wie es mit vielen Dingen ist, ist der aktuelle Boom einfach eine Renaissance.

72 Millionen Fahrräder gibt es in Deutschland, darunter drei Millionen E-Bikes. Sie sind mitverantwortlich für das, was die Branche Boom nennt. Allein 2016 wurden in Deutschland nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) gut 600000 E-Bikes und Pedelecs verkauft – ein Zuwachs von 13 Prozent  gegenüber dem Jahr 2015. Der Marktanteil von E-Bikes am Gesamtfahrradmarkt liegt aktuell bei 15 Prozent. Lastenräder werden in den Statistiken derzeit noch nicht gesondert erfasst,  allerdings bestätigt der Zweirad-Industrieverband (ZIV) deren steigende Verkaufszahlen sowohl mit als auch ohne Elektroantrieb.

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72 Millionen Fahrräder gibt es in Deutschland, darunter drei Millionen E-Bikes. Sie sind mitverantwortlich für das, was die Branche Boom nennt. Allein 2016 wurden in Deutschland nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) gut 600000 E-Bikes und Pedelecs verkauft – ein Zuwachs von 13 Prozent  gegenüber dem Jahr 2015. Der Marktanteil von E-Bikes am Gesamtfahrradmarkt liegt aktuell bei 15 Prozent. Lastenräder werden in den Statistiken derzeit noch nicht gesondert erfasst,  allerdings bestätigt der Zweirad-Industrieverband (ZIV) deren steigende Verkaufszahlen sowohl mit als auch ohne Elektroantrieb.
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