zur Navigation springen

Verschwörungstheorien Teil 1 : Die Mutter aller Verschwörungstheorien

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die „Lügenpresse“ und die Welterklärer: Dahinter steckt eine Verschwörungstheorie, die den Boden für andere bereitet.

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2016 | 14:00 Uhr

Verschwörungen – richtige, echte Verschwörungen – sind vermutlich so alt wie die Zivilisation selbst. Die Ermordung Julius Caesars wäre als klassisches Beispiel zu nennen; im Prinzip beruht jeder Putschversuch, jede Terrorzelle und jede politische Intrige auf dem Fundament der Verschwörung. Aber Verschwörungstheoretiker? Waren das nicht eigentlich immer diese verschrobenen Einzelgänger, die von Außerirdischen Entführten oder von den Freimaurern Verfolgten in ihrem stillen Kämmerlein? Menschen, die – nach Ansicht der Mehrheit – öfter mal an die frische Luft gehen sollten, die man aber sonst nicht weiter ernst nehmen muss?

Nicht zuletzt die von Wut auf die „Lügenpresse“ getriebenen tätlichen Angriffe auf Journalisten auf Pegida-Demonstrationen zeigen: Harmlos ist Verschwörungsdenken beileibe nicht. Der Kölner Medienwissenschaftler John Seidler warnt: „Verschwörungstheorien dürfen nicht als Spinnerei abgetan, sondern müssen als zentrales Problem der modernen Mediengesellschaft ernst genommen werden.“ Denn: „Der Anteil der Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, liegt seit einigen Jahren zwischen 20 und 40 Prozent der Bevölkerung“, sagt Seidler.

Das Spektrum an Verschwörungstheorien ist breit, es reicht von der Spaßtheorie der „Bielefeld-Verschwörung“, der zufolge die Stadt Bielefeld gar nicht existiert, bis hin zum mörderischen Wahn der Nationalsozialisten, die eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung am Werke sahen. Ihre Marktschreier sind mal tatsächlich bloß unbekannte Kauze, mal aber auch Bewerber um die US-Präsidentschaft wie Ross Perot, der hinter der US-Regierung ein „Secret Team“ vermutete, das eigentlich das Sagen habe, und mal Diktatoren wie Josef Stalin, der überall Trotzkisten am Werk sah, deren er sich in der „Großen Säuberung“ gewaltsam entledigte. Selten aber waren Verschwörungstheorien so allgegenwärtig wie derzeit.

 

Oft tauchen sie unvermittelt in der Facebook-Timeline auf, geteilt von einem Freund, den man in diesem Moment vielleicht doch lieber als entfernten Bekannten ansieht. Die rasante Entwicklung des Internets und sozialer Medien hat ihre Verbreitungsgeschwindigkeit immens beschleunigt. Und nirgendwo hat das Sprichwort „Wer suchet, der findet“ mehr Berechtigung als im Netz, diesem gigantischen Wühltisch der Ideen, seien sie auch noch so albern, abstrus oder abwegig. Kaum ein Ereignis, ein Unfall oder eine Naturkatastrophe, in deren Kielwasser nicht die passende Verschwörungstheorie heranschwappt – oft noch am selben Tag.

Nicht einmal das tragische Zugunglück von Bad Aibling blieb davor bewahrt, manchem als Kulisse für eine Verschwörungstheorie zu dienen (etwa: Der Unfall sei gezielt herbeigeführt worden, um eine Warnung an CSU-Chef Horst Seehofer zu richten, der sich zu sehr an den russischen Präsidenten Putin heranwanze). Und noch nie war es für ihre Erfinder so einfach, sich per Photoshop die nötigen „Beweise“ selbst zurechtzuzimmern und via Facebook in die Welt zu schicken.

Das Schlagwort der „Lügenpresse“ zeigt, wie schnell eine Verschwörungstheorie den Weg vom Muff der Hinterzimmer und Kneipentresen in den breiten öffentlichen Diskurs zurücklegen kann. Regelmäßig skandieren Anhänger der Pegida-Bewegung auf Kundgebungen den Kampfbegriff, der es nicht nur zum Unwort des Jahres 2014 gebracht hat, sondern sich, wie es der Zufall will, auch auf „Halt die Fresse“ reimt.

In unzähligen Internetposts werden Medien pauschal der Manipulation bezichtigt, und beinahe jeder zweite Deutsche (47 Prozent) versah in einer aktuellen Emnid-Umfrage die Medienberichterstattung mit dem Prädikat „unehrlich“. Das verschwörungstheoretische Buch „Gekaufte Journalisten“ des ehemaligen F.A.Z.-Redakteurs Udo Ulfkotte setzte sich wochenlang in den Bestsellerlisten fest. Den Medien, so scheint es, bricht das Vertrauen der Konsumenten massiv weg. Woher kommt das?

Der Leipziger Journalist und Medienwissenschaftler Uwe Krüger sieht in der teils tendenziösen Berichterstattung einer Reihe von Medien zur Ukraine-Krise ab dem Frühjahr 2014 eine Art Initialzündung dessen, was sich zu einer weit verbreiteten „Fundamentalkritik“ an der Medienlandschaft auswachsen sollte. Seidler wiederum möchte diesen Aspekt nicht überbewertet wissen: „Das pauschale Bild von der Lügenpresse kommt nicht von irgendwoher“, sagt der Forscher, die Berichterstattung etwa zur Ukraine-Krise habe „lediglich als Aufhänger fungiert“. Das Bild sei aber „über eine jahrelange Hochphase von Verschwörungstheorien in unserer Kultur bereits gut etabliert“.

Spätestens mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 erlebten entsprechende Theorien eine bis dahin ungeahnte Blüte, schossen entsprechende Bücher in Bestsellerlisten empor, wurden Mutmaßungen über die „wahren“ Hintergründe zum ganz normalen Partygespräch. Wie gut, zeigt etwa bild.de, das mit einer „Mystery“-Seite auf Klickfang geht. Schlagzeile: „Verhandelte US-Präsident Eisenhower mit Aliens?“

Allerdings sind solche Geschichten eher nicht gemeint, wenn von „Lügenpresse“ die Rede ist. Das Misstrauen ist laut Seidler auch gar nicht neu, es lasse sich historisch bis zum Aufkommen der Massenmedien zurückverfolgen. Und die Zahl derer, „die den Medien in großem Stil Lügen unterstellen oder zutrauen“, ist zuletzt auch „wahrscheinlich nicht wesentlich größer geworden“ – der Lügen-Vorwurf dafür lauter. Zum Beispiel von Menschen wie dem rechten Blogger Michael Mannheimer. Seine Aussage in einem beliebig herausgesuchten Blogpost: „Es ist nahezu alles gelogen, was uns von Regierung- und Medienseiten über die „Flüchtlinge“ […] anbetrifft (sic).“ Sein Beleg: ein in ein Bildchen gebasteltes angebliches Lügen-Geständnis des – namentlich nicht genannten – BBC-Nachrichtenchefs. Dass dieses „Geständnis“ nirgendwo anders thematisiert wird, macht die steile These in der Logik der Verschwörungstheoretiker nur noch stichhaltiger. Weil: Es lügen ja alle. Dass Mannheimer einem Team der TV-Sendung „Zapp“ vor kurzem kein einziges konkretes Beispiel für mediale Lügen nennen konnte, tut seiner Überzeugung oder der seiner Anhänger ebenfalls keinen Abbruch. Denn: Hätte er eines genannt, wäre es sowieso aus dem Beitrag geschnitten worden. Weil: Es lügen ja alle. Und so weiter.

Verschwörungsgläubigen geht es dabei nicht nur um – teils auch berechtigte – Kritik an der Berichterstattung zu bestimmten Themen, sondern um weit mehr. Denn ohne „Lügenpresse“ gibt es überhaupt keine Verschwörungstheorie – sie alle basieren auf der Annahme, dass die „wahren“ Hintergründe über Jahrzehnte, teilweise gar Jahrhunderte erfolgreich geheim gehalten werden.

Um also die Welt im Ungewissen über die „Wahrheit“ zu lassen, sind demnach monströse Lügengespinste nötig – und die können nur überdauern, weil die Medien sie nicht aufdecken. „Der Kern jeder Verschwörungstheorie ist die große Medienverschwörung“, resümiert Seidler, der zu diesem Thema seine Dissertation verfasst hat. Sprich: Ohne die Annahme einer Komplizenschaft zwischen Strippenziehern und Schmierfinken fällt jede Theorie über ruchlose Ränke diffuser Mächte lautlos in sich zusammen. „Wenn Medien als totaler Manipulationsapparat imaginiert werden, kann im Umkehrschluss alles mögliche an Erzählungen als eigentliche Realität proklamiert werden“, fasst Seidler zusammen.

Das alles mag man als Tändelei sehen, die sich in der abgeschlossenen und skurrilen Welt der Bescheidwisser abspielt. Wenn zwei von fünf Bürgern anfällig für Verschwörungsglauben sind, heißt das aber auch, dass sie sich von demokratischen Werten entfremden. „Verschwörungstheorien etablieren einen Wahrnehmungsstandard, der den Glauben an demokratische Systeme, und zwar mit Referenz auf die Medien, vollends unterläuft“, formuliert es Seidler. Gerade von der Mär der orchestrierten Medien-Manipulationen gehe daher eine besondere Gefahr aus: „Es haben sich schon immer bestimmte Bewegungen des Bildes der ‚Lügenpresse‘ bedient, um Anhänger zu rekrutieren.“ Seidler verweist auf die Nationalsozialisten, die den Kampfbegriff der „Lügenpresse“ ebenfalls verwendeten, bevor sie die „Lügenpresse“ nach der Machtübernahme auf Linie trimmten.

Davor allerdings „operierte die NS-Bewegung ja keinesfalls mit Gleichschaltung, sondern ganz wesentlich mit der Unterstellung einer Gleichschaltung seitens ihrer Gegner“ – ein Vorwurf, der im Jahr 2016 erschreckend vertraut klingt. Die Nazis „inszenierten sich als Widerstandsbewegung gegen eine jüdische Verschwörung, die zuallererst eine liberale Medienverschwörung sein sollte“. Mit dem Anspruch, gegen eine solche Verschwörung vorzugehen, ließen sich dann weitere Anhänger sammeln: „Die effizienteste Propaganda ist immer die, die sich als Gegenpropaganda versteht.“


Erfolg mit Paranoia Vor allem die Pegida-Bewegung und die AfD setzen das Motiv, einsamer Kämpfer gegen die große Verschwörung von Eliten, Politik und Medien zu sein, gezielt ein. AfD-Chefin Frauke Petry bedient, wie auch andere Parteispitzen, den Lügen-Vorwurf regelmäßig, auch wenn sie lieber von „Pinocchio-Presse“ spricht. Schneidet die Partei bei Umfragen oder Wahlen schlechter als erhofft ab, wittern Mitglieder sogleich Wahlfälschungen; der Einzelfall verschwundener Stimmzettel in Bremen dient dann als Beweis für das große Generalkomplott der etablierten Parteien gegen die AfD. Selbst bei den für die Partei triumphalen Ergebnissen der Landtagswahlen vom 13. März gab es entsprechende Verdächtigungen. Die beinahe programmatische Paranoia schadet der AfD offensichtlich nicht, wie die jüngsten Wahlergebnisse zeigten. „Lügenpresse“ ist ein Pauschalvorwurf, der sich aus Sicht Verschwörungsgläubiger leicht belegen, von Ungläubigen aufgrund der inneren Verschwörungslogik aber nur schwer widerlegen lässt.

Was also tun? Wichtig wäre vor allem, dass Konsumenten die Funktionsweise der Verschwörungstheorien verstehen, sagt der Sozialpsychologe Sebastian Bartoschek. Eine Stärkung der Medienkompetenz wäre sicher hilfreich, meint Seidler. Allerdings dürfe sich diese dann auch nicht auf den Hinweis beschränken, Medien kritisch zu beäugen: „Das ist ja nur eine naseweise Gratis-Empfehlung, die niemand besser verinnerlicht hat als die sogenannten Verschwörungstheoretiker selbst.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen