Urania : Die Macht der Tränen

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Für die einen handelt es sich lediglich um Kühlwasser für erhitzte Herzen, für die anderen um einen der mächtigsten sozialen Klebstoffe in unserer Gesellschaft: die Tränen.

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16. Dezember 2017, 15:40 Uhr

Santa Claus weint. Reibt sich die roten Augen, atmet durch, weint. Stück für Stück erzählt er seine traurige Weihnachtsgeschichte: Die Geschichte von dem todkranken fünfjährigen Jungen, der noch einmal den Weihnachtsmann sehen wollte. Der mit Mühe sein letztes Weihnachtsgeschenk auspackt, mit dem er nie spielen wird. Der den ins Krankenhaus geeilten Santa Claus schließlich um Hilfe bittet und stirbt, bevor dieser ihm antworten kann. Der stattliche Mann in roter Robe und mit Zwirbelschnurrbart, der von Dienst wegen für glückliche Augen zuständig ist, erzählt und weint.

Die Geschichte ließ kaum jemanden kalt. Sie wurde tausendfach erzählt und wird viele Menschen zu Tränen gerührt haben, als sie vor einem Jahr um die Welt ging. Warum aber weinen wir über das Schicksal eines Jungen, den wir nie kannten und dessen Familie wir nie kennenlernen werden? „Vollkommen überflüssig“ – wäre vermutlich der Kommentar Charles Darwins hierzu gewesen. Für den Begründer der Evolutionstheorie war die Sache noch ganz klar: Tränen sind dazu da, die Augen zu reinigen und feucht zu halten, emotionale Tränen dagegen sind evolutionär betrachtet vollkommen sinnlos: „Wir müssen das Weinen als zufälliges Ergebnis ansehen, so sinnlos wie die Tränenausscheidung von einem Schlag außerhalb des Auges“, schrieb er 1872.

Tatsächlich gibt es mindestens zwei Arten von Tränen: Zum einen – und darüber besteht kein Zweifel – brauchen die Augen Tränenflüssigkeit, um nicht auszutrocknen oder um Fremdkörper zu beseitigen. Die emotionalen Tränen aber, die fließen wenn wir Schmerz empfinden, wütend, traurig oder gerührt sind, gelten bis heute als Rätsel und waren Gegenstand verschiedenster Theorien.

Tränen reinigen die Seele? Nicht unbedingt.

Im 16. Jahrhundert etwa gab es die Idee, dass ein Herz, das sich emotional heißgelaufen hatte, mit Wasserdampf gekühlt werden musste. Dieser Wasserdampf steigt der Vorstellung zufolge anschließend in den Kopf und wird dort in Form von Tränen entsorgt.

Dass es beim Weinen vor allem um eine Art „emotionales Aufräumen“, eine Befreiung aufgestauter Gefühle geht, war auch bis vor kurzem noch eine der vorherrschenden Meinungen. Weinen galt demnach als gesund, weil es kathartisch, also emotional reinigend sei. „Antidepressives Gesichtspinkeln“, nannte das der Psychologe Cord Bennecke dies einmal. Wirklich nachweisen konnte bisher jedoch noch niemand, dass Weinen gesund ist. Studien zeigten eher das Gegenteil: Menschen, die geweint hatten, fühlten sich hinterher nicht besser.

In den letzten Jahren hat sich die Aufmerksamkeit zunehmend von der weinenden Person auf die Frage gerichtet: wie kommunizieren wir über Tränen, welche zwischenmenschliche Wirkung haben sie? Der niederländische Psychologe Ad Vingerhoets beschäftigt sich seit Jahren mit der Bedeutung von Tränen und ist sich sicher, dass Darwin vollkommen falsch lag. Ihm zufolge sind es die Tränen, die uns im Laufe der Evolution zu den ultrasozialen Lebewesen gemacht haben, die wir heute sind: Wer weint, zeigt und bestätigt sich selbst, ein mitleidendes Wesen zu sein. Ein Wesen, das sich im Gegensatz zu Tieren nicht nur um den Nachwuchs, sondern im besonderen Maße auch um Alte, Kranke und Schwache sorgt. So gesehen ist Nächstenliebe etwas zutiefst Menschliches.

Der Ursprung der Tränen liegt Vingerhoets zufolge in der Hilflosigkeit unserer Nachkommen: Im Vergleich zu Tierkindern, die zumeist „gebrauchsfertig“ geboren werden, benötigen Menschenkinder jahrelange Unterstützung: Ein menschliches Gehirn entwickelt sich 20, 25 Jahre lang, bis es fertig ist. Ähnlich lang dauert es, bis die Zweibeiner auch im übertragenen Sinn auf eigenen Füßen stehen. Das heißt, die Kindheit ist eine sehr lange und sehr verwundbare Phase, die einen stärkeren sozialen Zusammenhalt der Menschen erfordert. Kinder sind darauf angewiesen, von Erwachsenen beschützt und geliebt zu werden. Fehlt es ihnen an irgendetwas, dann weinen sie.

Ad Vingerhoets ist nun der Meinung, dass das lautlose Weinen evolutionär den Vorteil hatte, dass Kinder es direkt an die Bezugsperson richten konnten, ohne dass etwa Feinde oder Angreifer durch Schreien auf die hilflose Lage aufmerksam geworden wären.

Wer schnell weint, verhält sich sozialer und zeigt mehr Empathie. 

Zu Beginn hätten die Kinder durch das Schließen der Lider wortwörtlich auf die Tränendrüse gedrückt und so mit einem weinenden Gesicht aktiv ihre Hilfsbedürftigkeit zur Schau stellen können, meint Vingerhoets. Im Laufe der Evolution habe sich dieser Prozess automatisiert. Die Tränen kämen nun in bestimmten Situationen ganz von allein. Die Augen schließen wir dabei jedoch noch immer oft.

Wie mächtig diese Tränen sind und welche starken Hilfsreflexe sie auslösen, weiß jede Mutter und jeder Vater. Doch wenn die These stimmt, dass in der Evolution zunächst Kinder das Weinen entwickelten, muss es irgendwann von den Erwachsenen übernommen und erweitert worden sein: Denn wir weinen nicht mehr nur, wenn wir uns selbst hilflos fühlen, sondern auch als Reaktion auf den Kummer anderer. Wir weinen über das Schicksal eines unbekannten Jungen, wir überwinden manchmal sogar mächtige soziale Grenzen und nehmen Wildfremde in den Arm, wenn sie bitterlich weinen.

Tränen signalisieren zumeist Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verlust und führen selbst in konfliktbeladenen Situationen oft dazu, dass Aggressionen verschwinden und der Weinende getröstet wird. Wer weint, hisst quasi die weiße Flagge. Um einmal in den – hier zumeist zutreffenden – Rollenklischees zu bleiben: Der Chef, der seine Mitarbeiterin anbrüllt, wird in aller Regel etwas sanftere Töne anschlagen, wenn diese beginnt zu weinen. Andererseits wird sie womöglich versuchen das Weinen zu unterdrücken, denn es symbolisiert dem Chef und eventuell anderen Anwesenden, dass hier jemand hilflos ist, sich ungerecht behandelt fühlt und dies nicht mehr mit Worten, sondern nur noch mit Tränen ausdrücken kann. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Personen, die leicht weinen, als weniger kompetent wahrgenommen werden. Wer gemein ist, könnte das Verhalten „kindisch“ nennen und wäre damit wieder bei Vingerhoets These vom Ursprung des Weinens.

Doch wir weinen nicht nur in Situationen, in denen wir uns hilflos oder ungerecht behandelt fühlen, wir weinen vor allem bei Verlusten – sei es durch Tod oder durch Trennung von einer geliebten Person, einem geliebten Ort. Es sind Situationen, die nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene existenziell sind, in denen auch sie meist Trost und Zuspruch, den Zusammenhalt durch Verwandt- und Bekanntschaft suchen. Dabei ändern sich die Ursachen des Weinens im Laufe des Lebens.

Während Kinder etwa schnell weinen, wenn sie körperlichen Schmerz erfahren, ist dies bei Erwachsenen nur selten der Fall. Dafür weinen Erwachsene häufiger, wenn sie „mitleiden“, also die Geschichte eines krebskranken Jungen lesen, einen rührenden Film sehen oder weinende Angehörige bei einer Trauerfeier trösten. Auch hierin sieht Ad Vingerhoets einen Beleg für seine These, dass die Tränen sich zu einer Art sozialem Klebstoff in unserer Gesellschaft entwickelt haben.

Weinen ist intim und erzeugt Nähe. „Insofern sind mitleidende Tränen auch Signale an uns selbst, um uns an unsere ultrasoziale Natur zu erinnern und eine gute Moral zu pflegen.“ Denn der soziale Klebstoff hält nur, wenn nicht nur Hilfe empfangen, sondern auch zur Verfügung gestellt wird. In dieser Selbstvergewisserung, dass Tränen den Zusammenhalt stärken, könnte auch ein Grund für den positiv wahrgenommenen „Katharsis-Effekt“ beim Weinen liegen. Es gehe weniger um eine Selbstreinigung, meint Ad Vingerhoets, als um den empfangenen Trost durch ein Gegenüber und um eine Bestätigung dafür, in einem gut funktionierenden sozialen Gefüge zu leben.

Insofern sei es auch positiv zu sehen, wenn wir zu Tränen neigen: „Wir tendieren dazu den Begriff ‚Sentimentalität‘ in der Kultur mit Schund und unseriösen Dingen zu assoziieren. Tatsächlich aber sind in diesen sentimentalen Reaktionen auch extrem wichtige Werte wie Altruismus oder Opferbereitschaft gekoppelt“, sagt Vingerhoets. Das zeigen auch verschiedene Studien, die nachweisen konnten: Menschen, die gar nicht weinen, ziehen sich oft zurück, sind häufiger aggressiv oder wütend und bekommen auch selbst weniger Unterstützung und Hilfe von anderen.Wer schnell weint, verhält sich dagegen sozialer und zeigt mehr Empathie. Tränen sind also im doppelten Sinne menschlich. Auch die von Santa Claus.

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