Medien : Die Macht der Bilder

Omran, in Aleppo aus Trümmern gerettet
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Omran, in Aleppo aus Trümmern gerettet

Das Foto des kleinen Omran aus Aleppo erschüttert die Welt – kann es etwas bewirken?

svz.de von
20. August 2016, 07:00 Uhr

Ein kleiner Junge sitzt blutverschmiert und voller Staub von Bombentrümmern in einem Rettungswagen. Das Bild von Omran aus Aleppo geht um die Welt. Auch das Bild des drei Jahre alten Aylan aus Syrien, aufgenommen im Spätsommer 2015, hat viele Menschen erschüttert. Seine Leiche wurde an einen türkischen Strand gespült. Es wurde eines der Symbolfotos der Flüchtlingskrise.

Was kann das Foto von Omran aus Aleppo bewirken? Sicher ist: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Sicher ist auch: Ein Omran allein kann den Krieg nicht stoppen. Der Medienethiker Alexander Filipovic meint: „Es kann viel bewirken, weil es dem Leid ein Gesicht gibt.“ Es erhöht aus seiner Sicht den Druck in der Öffentlichkeit und könnte der Politik einen Schub geben.

Die ethische Debatte um Omran ist anders als bei Aylan. Der Junge aus Aleppo wurde aus den Bombentrümmern gerettet, er hat überlebt. Bei Aylan wurde diskutiert, ob man ein totes Kind überhaupt so zeigen darf. Ist das respektlos? Nimmt es ihm seine Würde? Dass der chinesische Künstler Ai Weiwei das Bild des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen später am Strand einer griechischen Insel nachstellte, fanden manche ziemlich daneben.

Die Bilder aus Aleppo entstehen generell nicht ganz zufällig. Medien-Aktivisten suchen Motive mit dem Ziel, ikonische Bilder zu schaffen. Sie wissen sehr genau um die Wirkung, die von den Aufnahmen ausgehen kann. Im Fall von Omran war es das oppositionelle Aleppo Media Center, das am Mittwochabend nach einem Luftangriff ein Video aufnahm. Der Fotograf Mahmud Raslan war dabei.

Natürlich löse das Bild von Omran Mitleid aus, sagt Marion Müller, Professorin für Massenkommunikation an der Jacobs University Bremen. Aber es sei eine zweischneidige Sache: „Ein einmal gesehenes Bild können wir nicht löschen.“ Es bestehe die Gefahr der emotionalen Abstumpfung. Anders als im Sommer 2015, als es bei den Toten im Mittelmeer eine offensichtliche Möglichkeit zum Handeln gab, könne es diesmal eine Ohnmacht auslösen, nach dem Motto: „Wir schaffen es eigentlich nicht. Die Welt ist schlecht, wir können nichts tun.“

„Schockbilder erwecken Aufmerksamkeit und rütteln wach“, sagt Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland. „Aber sie überfordern oft auch und erzeugen Abwehr und Angst.“

Gibt es sie also, die Macht der Bilder? Sie ist begrenzt, sagt Karen Fromm, Professorin für Fotojournalismus in Hannover. Die Problematik solcher Aufnahmen sei, dass sie für die unterschiedlich-sten politischen, kommerziellen und religiösen Zwecke funktionalisiert würden. Auch bei dem „unendlich traurigen“ Bild von Omran sieht Fromm diese Gefahr. Und: „Es geht nie nur darum, dass etwas gezeigt wird, sondern immer auch darum, wie, wann, warum und wo etwas gezeigt wird und wer es zeigt. Und, was eben gerade nicht gezeigt wird.“

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