70. Geburtstag : Die Leiden des alten Joschka Fischer

Der frühere Außenminister Joschka Fischer, aufgenommen im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Am 12. April 2018 feiert Fischer seinen 70. Geburtstag.
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Der frühere Außenminister Joschka Fischer, aufgenommen im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Am 12. April 2018 feiert Fischer seinen 70. Geburtstag.

Auch mit 70 ist er kein bisschen leise. Wo der Grünen-Star herkam und wo er heute steht

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12. April 2018, 12:00 Uhr

Er hat mächtig ausgeteilt, aber auch eingesteckt – und niemals aufgesteckt: Joschka Fischer, der heute 70 Jahre alt wird, ist ein Mann der Extreme und der Wandlungen. Heute kommt er eher milde und abgeklärt daher. Doch die Lust an der Debatte ist nicht erloschen. Neue Leiden plagen den alten Fischer.

Was ist er nicht alles gewesen: Messdiener, Hausbesetzer, radikaler Steinewerfer, Schrecken der Konservativen, umstrittener Übervater der Grünen, der erste Minister seiner Partei, Außenminister und Vizekanzler, Elder Statesman: Joschka Fischer hat viele Stationen und einen langen Marsch durch die Institutionen hinter sich. Aus der aktiven Politik hat er sich schon lange verabschiedet. Und doch ist er weiter ein gefragter Mann, als Berater etwa oder als Autor. Vor allem verbindet die Republik mit seinem Namen aber eine beispiellose politische Biografie. In Erinnerung bleibt unter anderem der „Turnschuhminister“, der 1985 betont leger zur Vereidigung als hessischer Umweltminister erschien. Er war anders als viele andere, kritischer, provozierender, verletzender und hat sich doch über Parteigrenzen hinweg Ansehen erworben. Der Versuch einer Annäherung.

Der Mann klarer Ansagen: Joschka Fischer nimmt kein Blatt vor den Mund. „Was die rechte Welle stark macht, ist der Opportunismus der Mitte. Diese Anpassung führt in den Abgrund“, warnt er im Oktober vergangenen Jahres mit Blick auf Populisten, Rechtsradikale und „Nazis“. In einem Interview geht er wenig später die „Alternative für Deutschland“ hart an. „Diese AfD ist ein komischer Verein. Sie wollen mit Nazis nichts zu tun haben, reden aber wie Nazis, denken wie Nazis. Was sind sie also? Eben.“

Deutlich bezieht Fischer auch Position, als 2012 über angebliche Verfehlungen des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff diskutiert wird. „Demnächst wird der Bundespräsident über Wasser wandeln müssen. Und dann wird man ihn fragen, ob er am Ende den Erwerb dieser Fähigkeit sich nicht hat subventionieren lassen“, wirft Fischer gewohnt mürrisch ein.

Unvergessen bleibt ein Zwischenruf im Bundestag. Im Jahr 1984 legt sich der Abgeordnete Fischer mit Parlamentsvizepräsident Richard Stückeln an. In einer kontroversen Debatte um „gekaufte“ Politiker in der Flick-Parteispendenaffäre fühlen die Grünen sich schlecht behandelt, und Fischer reagiert sauer: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Am nächsten Tag nimmt er den Satz zurück.

Der Mann der Wandlungen: „Ja, ich war militant“, räumt Fischer 2001 in einem „Stern“-Interview ein. „Wir haben Steine geworfen. Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig hingelangt.“ Der spätere Minister ist in den 1970er-Jahren in Frankfurt (Main) in der Hausbesetzer-Bewegung aktiv gewesen. Der „Stern“ veröffentlicht Fotos von 1973 und identifiziert Fischer als einen der mit Helmen ausgerüsteten Gewalttäter, der mit der Faust auf einen Polizisten einschlage.

Die Radikalisierung vieler Linker und erst recht der spätere Terrorismus lassen Fischer umschwenken. Seine Partei schwört er auf einen realpolitischen Kurs ein, einschließlich militärischer Einsätze, was ihm ebenfalls jede Menge Kritik und sogar einen tätlichen Angriff einbringt. Auf einem Sonderparteitag der Grünen in Bielefeld kommt es 1999 zu einem Zwischenfall. Fischer bekommt einen roten Farbbeutel an den Kopf. An seinem Plädoyer für eine deutsche Beteiligung am Nato-Einsatz im Kosovo ändert das nichts. Das Morden auf dem Balkan müsse beendet werden, fordert er. Andererseits widersetzt sich Fischer zusammen mit Kanzler Gerhard Schröder den Forderungen der USA, den Irak Saddam Husseins anzugreifen.

Große Anerkennung bekommt Fischer auch als Freund Israels. 2003 wird er mit der Buber-Rosenzweig-Medaille der christlich-jüdischen Gemeinschaften ausgezeichnet. Immer wieder bemüht er sich als Außenminister um eine Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern.

Der Abgang zum richtigen Zeitpunkt: 2005 hat er noch einmal energisch für eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition gekämpft – vergeblich. Im Jahr darauf legt er sein Bundestagsmandat nieder. „Ich hatte meiner Frau schon vor der Bundestagswahl 2005 versprochen, auch nach einem Wahlsieg nach einem Jahr zurückzutreten“, so Fischer unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“. Und: „Mit dem Ende von Rot-Grün war die Gelegenheit zum Ausstieg früher da, die habe ich genutzt. Wenn du einmal in der Alpharolle warst, dann gibt es kein Zurück in die zweite Reihe mehr, dann musst du ganz gehen. Nichts ist so schlimm wie Alte, die wie in einem neuguineischen Ahnenhaus die Toten ständig von oben auf die Jungen herunterschauen.“

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