Interview mit Jutta Speidel : Die kümmert sich

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Jutta Speidel über Himmelbetten, Hunde und ihr Engagement für obdachlose Mütter und Kinder

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21. Juli 2018, 15:00 Uhr

Sie ist eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands, doch das ist nur die eine Seite ihres Lebens: Seit über 20 Jahren engagiert sich Jutta Speidel auf geradezu unglaubliche Art und Weise für obdachlose Frauen und deren Kinder. Gerade hat sie in München das zweite sogenannte Horizont-Haus eröffnet, in dem diesen Menschen die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglicht wird. Im noch unfertigen Restaurant des Hauses erzählt die 64-Jährige von einer Polonaise beim Ballett, Hansi Kraus und den Menschen, für die sie kämpft.


Frau Speidel, Ihr Vater war Patentanwalt. Fanden Sie das als Kind spannend?
Ja, und wie. Als ich klein war, bin ich mit dem Papi ganz oft mit der Straßenbahn ins Patentamt gefahren. Da gab’s eine Frau, die ich Tante Inge nannte, und die hatte mir immer schon in der sogenannten Auslegehalle etwas Tolles rausgesucht. Ich saß dann auf so einem Tresen, umringt von Patenten, und wenn mir eins besonders gefiel, dann hat sie es mir kopiert, damit ich es mit nach Hause nehmen kann. Ich hatte damals ein Himmelbett und dessen Wände waren gepflastert mit Patenten.

Aber Patente sind doch nur Schriftstücke, oder?
Ja, das sind Schriftstücke, aber mit Zeichnungen. Und die fand ich ganz toll. Besonders lange hatte ich in meinem Himmelbett ein Patent aus dem 18. Jahrhundert, da ging’s ums Bierbrauen. Es musste mir vorgelesen werden, weil es auf Altdeutsch war, und einen Satz aus diesem Patent habe ich bis heute noch im Ohr: „Von morgen a darf nemmend mehr in de Bach scheiße, weil der löbliche Magistrat übermorgen Bier braue tut.“ Sehr gut gefallen hat mir auch eine Stuhlgangerleichterungsmaschine. Das war eine Toilette, auf der man unten seine Füße abstützen konnte (lacht).

Bis zur Erfindung der Schauspielerin Jutta Speidel hat’s damals ja auch nicht mehr lange gedauert …
Meine Eltern haben mich mit vier Jahren ins Ballett gesteckt, obwohl ich sehr unbegabt war und X-Beine hatte. Ich sollte die Haltung meiner Beine verbessern und eine etwas grazilere Gangart bekommen. Dann kam die erste Aufführung, fast alle durften Tutus tragen, aber ich war in einer Gruppe, die nur eine Polonaise tanzen durfte und Dirndl tragen musste. Ich hab deshalb furchtbar geweint – und um mich zu trösten, hat meine Mutter an mein Unterhöschen ganz viele Spitzen angenäht, damit es aussieht, als würde ich eine Tutu-Unterhose tragen. Hinterher hat sie gesagt, ich hätte nur mit dem Popo ins Publikum getanzt, um ihm meine Rüschen zu zeigen. Spätestens da war klar: Ich wollte unbedingt auf die Bühne.

Sie haben dann schon als Schülerin Filme wie „Pepe, der Paukerschreck“ und „Hurra, die Schule brennt“ gedreht.
Ja, bei Pepe war ich als Statistin dabei. Und weil ich damals schon ein kleiner Schlaumeier war, habe ich mich so lange umgesetzt in dieser Schule, bis ich hinter Hansi Kraus saß. Den habe ich erstens verehrt und zweitens wusste ich: Wenn ich hinter dem sitze, dann bin ich immer im Bild. Und genauso war’s auch.

Auch wenn der Begriff Superstar damals noch nicht so inflationär verwendet wurde wie heute, waren Leute wie Theo Lingen oder Peter Alexander schon ziemlich hohe Hausnummern. Wie sind die einer Schülerin wie Ihnen begegnet?
Ich glaube, die haben mich gar nicht gesehen. Aber ich habe sie natürlich voller Ehrfurcht bewundert. Ich war ja so erzogen worden, dass man vor älteren Herrschaften einen Respekt hat und sich ihnen gegenüber anständig benimmt. Und ich habe genau geguckt, was die machen, und dann versucht, sie darauf aufmerksam zu machen, wie ich spiele. Aber ich fürchte, das ist mir nicht gelungen (lacht).

Haben Sie es jemals bereut, das Gymnasium vor dem Abi verlassen zu haben?
Ich hab schon manchmal gedacht, dass ich dieses Studentenleben ganz gern erlebt und Theaterwissenschaft oder so etwas studiert hätte. Ich hab’s auch mal als Gaststudentin versucht, aber dabei festgestellt, dass ich kein Theoretiker, sondern ein Praktiker bin.

Vieles können Sie im Leben ja nicht falsch gemacht haben, sonst würden Sie heute nicht sagen, dass Sie im nächsten Leben gern der Liebhaber oder aber der Hund von Jutta Speidel wären.
(lacht) Ich würde mich sogar für den Hund entscheiden. Bei dem ist die Frau Speidel toleranter.

Wie äußert sich das?
Es gibt immer leckeres Essen, es ist für alles gesorgt, das Bettchen ist immer frisch bezogen.

Schläft der Hund bei Ihnen im Bett?
Nein, der hat ein Körbchen. Er wird massiert, gestriegelt und auch mal zum Friseur begleitet – wobei: Das kann man natürlich auch als Mann haben. Ich bin eben eine Kümmerin.

Sind Sie auch streng mit dem Hund?
Konsequent, wobei meine Tochter sagen würde: Mama, du bist der inkonsequenteste Mensch, den es überhaupt gibt. Aber wenn ich zu dem Hund „Platz“ sage, dann erwarte ich auch, dass er Platz macht. Mein Hund Gino, der mich auch zu Theaterproben begleitet hat und im letzten November gestorben ist, hörte zum Beispiel auf den Satz „Nein, du spielst nicht mit“. Wenn ich das gesagt habe, hat er sich hingelegt (lacht).

Wie streng sind Sie denn zum Beispiel beim Bau dieses Hauses gewesen?
Ich bin nicht streng, aber sehr diszipliniert. Hier muss man schon klare Ansagen machen. Und trotzdem machen einige Handwerker, was sie wollen.

Was ist so richtig schief gelaufen?
Dass wir bei den Fenstermaßen einen Zahlendreher drin hatten. Der Typ von der Firma, die im gesamten Haus die Fenster eingebaut hat, hatte wahrscheinlich ein Bier zu viel getrunken und die Fenster dann statt in 2,36 Meter in 2,63 geliefert. Das war im Oktober, das Haus war eingerüstet, dann kam der erste Schnee, die Fenster wurden verklebt und wir haben den ganzen Winter durch voll geheizt, weil drinnen alles austrocknen musste. Dadurch hatten wir natürlich exorbitante Heizkosten.

Großartig. Für wen genau haben Sie dieses zweite Horizont-Haus gebaut?
Im ersten Haus vergeben wir die Wohnungen zeitlich begrenzt, hier sind sie dauerhaft. Es ist sozialer Wohnungsbau mit einer bezahlbaren Miete, und es sind 14 Familien von Haus eins ins Haus zwei gezogen. Mit ihnen ist ausgemacht: Ihr seid reif, um ein selbstständiges Leben zu führen. Darüber haben sie sich wahnsinnig gefreut – jetzt werden wir sehen, ob sie es auch wirklich schaffen.

Und Sie unterstützen die Menschen dabei?
Ja, sie haben die Möglichkeit, im Restaurant, bei der Kulturbühne oder auch im Kindergarten kleine Praktika zu machen, um zu sehen, worauf sie Lust haben. Wir haben einen Schulungsraum, in dem wir Sprach- und Computerkurse, Fortbildungen, Bewerbungstraining und alles Mögliche anbieten können. Und wir werden sie auch auffordern, diese Angebote anzunehmen. Dann können wir zusammen mit dem Arbeitsamt versuchen, eine Lehrstelle zu finden. Selbst ausbilden können wir hier nicht.

Wie ist das Profil der Bewohner? Welche Menschen leben hier?
Wir haben hier eine Art Mischgesellschaft. Es gibt 48 Wohnungen, von denen 16 uns gehören, die restlichen 32 gehören der Wohnungsbaugesellschaft. Unsere Frauen sind im ganzen Haus verteilt und können hier in allen Bereichen ein normales Leben führen. Haus eins ist ein Schutzraum, weil viele der Frauen auch mit Gewalterfahrungen zu uns kommen. Hier sind sie nicht mehr geschützt, hier kann man rein- und rausgehen. Und wer einen Partner hat, kann auch mit Partner hier wohnen.

Ihr Engagement für obdachlose Frauen und deren Kinder ist ja ein anderes als das derjenigen Promis, die mal für einen guten Zweck ihren Namen hergeben und einen Fototermin absolvieren. Sie machen das seit über 20 Jahren – was war die Initialzündung?
Vor 24, 25 Jahren, als es schick wurde, dass man als Schauspieler für Unicef oder so eingesetzt wurde, habe ich mir gedacht: Ich kenne niemanden von den Menschen, für die ich Geld sammle, die sind alle im Ausland. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass es unglaublich viel Elend gibt, auch bei uns und gerade nach dem Mauerfall. Ich bin dann durch puren Zufall auf Obdachlosigkeit in München gestoßen.

Was war das für ein Zufall?
Wir haben damals in der Akademiestraße in Schwabing gedreht, und unser Schminkmobil blieb früh morgens irgendwo auf der Strecke liegen. Unser Aufnahmeleiter hat dann bei einer Pension geklingelt und gefragt, ob’s da ein Zimmer gibt, in dem wir geschminkt werden können. Das gab’s. Wir sind reingegangen und ich dachte gleich: Was ist das denn? Ist ja grauenhaft. Es war eine Obdachlosenpension, in der obdachlose Kinder zwischen Pennern und abgerissenen Personen hausten. Da habe ich gedacht: Das geht überhaupt nicht. So etwas kann man weder in Hamburg, Berlin, München oder einer anderen deutschen Stadt akzeptieren.

Was macht Frauen und damit auch ihre Kinder hier obdachlos?
Zu 98 Prozent Gewalt, begleitet von Armut. Es gibt aber auch ganz viele, die trotz allem in der Situation bleiben und sich regelmäßig zusammenschlagen lassen. Die Kinder genauso, die kriegen das ja mit, die sind alle traumatisiert. Und am Ende machen sie es auch so.

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