Streitbar: Eingebautes Verfallsdatum : Die Kehrseite des Wachstums

Energieeffizienz wird mit einem immensen Müllberg bezahlt.
Energieeffizienz wird mit einem immensen Müllberg bezahlt.

In der Innovationsfalle: Immer kürzere Modellzyklen lassen Müllberge wachsen, analysiert Stephan Richter.

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09. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Weil Weihnachten und der 4. Advent in diesem Jahr zusammenfallen, fehlt dem Einzelhandel ein Verkaufswochenende. Grund zur Klage gibt es trotzdem nicht. Zumal vor dem Weihnachtsgeschäft der „Black Friday“ lag. Der Kaufrausch aus den USA ist endgültig in Deutschland angekommen und brachte die Schnäppchenjäger in Wallung. Früher wurden die Deutschen im Ausland belächelt, weil sie nach dem Vorbild der sparsamen schwäbischen Hausfrau jeden Cent zweimal umdrehten, bevor sie ihn ausgaben. Heute heizt der private Konsum hierzulande die Konjunktur an wie lange nicht mehr. Der „Black Friday“, der „schwarze Freitag“, sollte allerdings in Erinnerung an die Weltwirtschaftskrise 1929 auch Mahnung sein. So schnell, wie in Deutschland die politische Stabilität erodiert, kann auch der Wirtschaftsboom ins Wanken kommen.

Doch noch floriert das Geschäft. Wer auf die Angebote schaut, entdeckt dort vor allem Elektrogeräte vom Smartphone und Tablet-PC bis zum „All-in-one“-Fernseher oder Mini-Lautsprechern mit Sprachsteuerung. Zwar reden alle gern von Nachhaltigkeit und Energiesparen, doch auch bei der internationalen Klimakonferenz in Bonn konnten die gut 25 000 Teilnehmer nicht schnell genug Stecker finden, um ihre Smartphones und Computer aufzuladen. Darüber, dass immer kürzere Produktzyklen alle Anstrengungen zur besseren Energieeffizienz zunichtemachen, spricht keiner.

Das Umweltbundesamt hat vorgerechnet, welche Folgen der Kreislauf hat, den tatsächliche Innovationen, aber vor allem auch Scheininnovationen erzeugen. Für den Verbraucher – dafür sorgt schon die Werbung – ist nur das Neueste gut genug. Dabei lässt sich über viele angebliche Produktverbesserungen und Nachfolgemodelle trefflich streiten.

Was bringen vor allem neue Modelle mit niedrigerem Stromverbrauch, wenn ältere Geräte vorzeitig entsorgt und die Nutzungsdauer der neuen kürzer wird? So liegen nach Zahlen des Umweltbundesamtes Energieaufwand und Treibhausgaspotenzial bei einer Waschmaschine mit höchster Energieeffizienz, die nur fünf Jahre genutzt und dann entsorgt wird, um rund 40 Prozent höher als bei einem Gerät, das zwar mehr Strom verbraucht, aber dafür 20 Jahre im Einsatz ist.

So sehr sich ausgediente Produkte auch ausschlachten lassen: Restmüll bleibt immer. 


Was für die Haushaltsgeräte gilt, zählt erst recht für Computer und Smartphones. Hunderte von Millionen Handys, die vor zwanzig Jahren auf den Markt kamen, wurden weggeworfen, als das iPhone herauskam. Ähnlich ist es mit den Fernsehern. Die sperrigen Röhrengeräte sind in kürzester Zeit auf dem Elektromüll gelandet und von Flachbildschirmen abgelöst worden. Verbraucher, die bis zum 3D-Monitor mitgehalten haben, müssen jetzt auf Fernseher mit Internet-Anschluss umsteigen, um aktuell zu bleiben. Und wo, bitte, sind die Tablet-PCs der ersten, zweiten oder dritten Generation geblieben?

Alles spricht dafür, dass der Kreislauf in der Kommunikations- und Informationstechnologie noch an Geschwindigkeit zunehmen wird. Die digitale Revolution – verbunden mit Innovationssprüngen – macht’s möglich. So werden in einigen Jahren auch die UKW-Radios ausgedient haben. Das Digitalradio ist nicht mehr zu stoppen. Nicht mehr lange, dann werden die Sender die Ultrakurzwelle abschalten.

Noch größer werden die Müllberge beim Umstieg vom Verbrennungsmotor zum Elektro-Auto. So sehr sich ausgediente Produkte auch ausschlachten lassen: Restmüll bleibt immer. Die reichen Industrieländer haben das Problem verdrängt, indem sie jährlich über sieben Millionen Tonnen Schrott nach China verschifften. Doch dort will die Zentralregierung jetzt das Geschäft stoppen – trotz der Milliardeneinnahmen. Selbst Peking hat erkannt, dass eine intakte Umwelt nicht gegen Geld aufzuwiegen ist. Es lässt sich eben nicht alles recyceln.

Statt Öl wird immer mehr Strom verbraucht – erst recht, wenn das Elektroauto kommt. Die Freude, nicht mehr von den Öl-Scheichs abhängig zu sein, wird aber nicht lange wehren. Denn für die Produktion von Batterien und Akkus werden wiederum Rohstoffe benötigt, die es nur in Afrika und Asien gibt. So warnt die Deutsche Rohstoffagentur schon jetzt vor einer gewaltigen Rohstoffknappheit in Deutschland, wenn der Bau von Batterien für Elektroautos Fahrt aufnimmt. Aus dem Kongo stammen 60 Prozent des global benötigten Kobalts, aus China 70 Prozent des Graphits.

Eine ehrliche Ökobilanz, die die Kehrseite der Veränderungsdynamik berücksichtigt, würde jedes Etikett auf einem Elektrogerät entzaubern, auf dem die Energieeffizienz ausgewiesen wird. Es kommt eben nicht nur auf den aktuellen Verbrauch des jeweiligen Geräts selbst an, sondern bei der Schonung von Ressourcen auch auf die Lebensdauer des Produkts. Dabei müssen Hersteller oft gar nicht die Produktlebensdauer dadurch verkürzen, dass sie heimlich Sollbruchstellen in die Geräte einbauen. Es reicht die Werbepsychologie. Ihr gelingt es zum Beispiel spielend, Kaffeetrinkern klar zu machen, dass die gute alte Kaffeemaschine spätestens zum Weihnachtsfest auf den Müll gehört und ein neuer, zehnmal so teurer Kaffeeautomat ins Haus gehört. Dieser benötigt wenig umweltfreundliche Kaffeekapseln und ist vollgepfropft mit Elektronik, die bei einem Defekt nicht repariert, sondern ausgetauscht wird.

Ausgefeilte Werbepsychologie und die Verbrauchermanipulation im Internet steigern die sogenannte Adoptionsrate, sprich die Geschwindigkeit, mit der Verbraucher eine Innovation annehmen. Durch die Globalisierung verbreiten sich neue Produkte heute zudem weltweit fast gleichzeitig. Dauerte es vor Jahrzehnten noch Jahre, bis technologische Neuerungen von den USA nach Europa überschwappten, so erfolgt die Einführung von Smartphones der aktuellsten Generation heute auf allen Weltmärkten gleichzeitig. Das steigert den Absatz – aber eben auch das Aussortieren „veralteter“ Produkte. Wohin derartiges Wachstum führt, zeigte die Wissenschaftszeitschrift „Nature“ auf. Nach deren Berechnungen bringen alle Anstrengungen zur Reduzierung der Treibhausgase nichts, so lange immer mehr produziert und konsumiert wird, um das Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Vielleicht ist Weihnachten die Zeit zum Umdenken.

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