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Streitbar : Die Kehrseite des Vollkasko-Staates

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Alles sauber und bakterienfrei in unserer schönen neuen Welt. Aber haben wir keine anderen Sorgen?, fragt Autor Jan-Philipp Hein.

von
erstellt am 11.Jul.2015 | 12:00 Uhr

Auf Facebook macht seit geraumer Zeit das Bild einer Tafel die Runde, auf der geschrieben steht: „Wann genau ist aus Sex, Drugs & Rock’n’Roll eigentlich Laktoseintoleranz, Veganismus & Helene Fischer geworden?“ Nun, das war vielleicht an dem Tag, an dem das erste Mal ein Rauchverbot in der Gastronomie erwogen wurde. Es kann aber auch sein, dass es um die Erfindung des Veggiedays herum war. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch an diesen Publikumsrenner der Grünen zur Bundestagswahl im Jahr 2013.

Vielleicht war es aber auch die Phase, in der sich die Altersstruktur der Bevölkerung grafisch von der Glockenform hin zur Zwiebel und schließlich zur Urne, die auch als „überspitzte Zwiebelform“ bezeichnet wird, wandelte. Oder einfacher gesagt: die Phase, in der aus einer Gesellschaft der Babyboomer eine Gesellschaft der boomenden Pflege- und Seniorenbranche wurde.

Da wir nicht wissen, wer diese verzweifelte Frage auf eine Tafel schrieb, können wir nur versuchen zu erahnen, welche Synapsen sich beim Verfasser küssten und welche Pärchen eigentlich antagonistisch sein sollen. Helene Fischer vs. Rock’n’Roll ist noch klar. Aber was ist mit Sex? Soll der 2015er Sex nun Veganismus oder doch die Laktoseintoleranz sein? Für die Laktoseintoleranz spricht die aseptische Aura, mit der Sex in den Medien inszeniert wird, nämlich meist falten-, haar- und pickelfrei. Jedenfalls so seltsam weit weg vom Naturprodukt wie MinusL(aktose)-Milch von Kuhmilch. Aber auch der Veganismus könnte gemeint sein. Fleischverweigerung ist schließlich nicht nur ein Trend in Küchen und auf Tellern, sondern auch in Schlafzimmern und Betten. Das wollen uns jedenfalls einige Jugendmagazine und öffentlich-rechtliche Nischensender erzählen, die gerade berichten, welche Stars sogenannte „Purity Ringe“ tragen, mit denen sie ein Bekenntnis gegen vorehelichen Sex ablegen wollen und dass es in den USA (wo sonst?) einen Keuschheitspartytrend gäbe. Oder vielleicht doch Helene Fischer...?

Ist ja auch egal. Der Ernst wird uns noch einholen. Im Moment machen wir noch Witze und kritzeln Albernheiten auf Tafeln. In ein paar Jahren werden die Wortführer der wenigen jungen Bevölkerungsschichten womöglich Brandreden dieser Art halten oder solches auf die Rückseiten von Orchestermuscheln in Kurorten sprayen:

„Wann genau ist aus unserem Land eine Seniorenverwahranstalt geworden? Wann haben wir aufgehört, die Zukunft zu gestalten, neugierig zu sein, zu forschen, Spaß am Wettbewerb zu haben? Wieso haben wir als eine der wichtigsten und größten Industrienationen auf einmal was gegen Freihandel? Geht’s noch? Wir wollen was mit der Welt zu tun haben und nicht mit Frau Fischer und ihren Enkeln allein gelassen werden! Ich habe einen Traum, in dem geht es wild, schmutzig und gefährlich zu...!“

Denn sonst schaufeln wir uns unser eigenes Grab. Zwar langsam, aber doch stetig. Das ist die Kehrseite des Vollkasko-Staates, der durch Ge- und Verbote und verordnete Versicherungen und Vorsorgemaßnahmen alle momentan denkbaren Risiken minimieren will. Alles sauber und bakterienfrei. Wo (noch) keine Verbote möglich sind, übernehmen die Meinungsführer und Trendsetter aus den Redaktionen, Agenturen und Produktentwicklungsabteilungen den Job als Vorhut. Laktose ist gefährlich? Aber sicher! Da gibt’s doch diese Studie zu, deren Ergebnisse wir auf die Rückseiten unserer Joghurtdeckel drucken. Ach und Bio-Lebensmittel sind wirklich besser? Klar doch! Weiß doch jeder! Allzu eilfertige Landesregierungen schreiben sich dann schon mal in ihre Koalitionsverträge, dass Speisen in öffentlichen Kantinen und Mensen natürlich voller bio und mit wenig Fleisch sein sollen. Man kann ja mal gucken, ob die Wähler schon so weit sind. Das Veggieday-Desaster hat gezeigt, dass die Grünen noch besser ein oder zwei Wahlkämpfe bis dahin verstreichen lassen.

Dann aber könnte es zu spät sein. Dann könnte es sein, dass solche Themen nicht mehr die Agenda bestimmen. Was, wenn es wirklich ernst wird und Wahlkämpfe im Zeichen einer neuen globalen Finanz- und Konjunkturkrise und einer lokalen Generationenauseinandersetzung stattfinden? Wenn es nicht darum geht, ob das Gemüse biozertifiziert ist oder konventionell hergestellt wurde? Sondern wenn es darum geht, ob Unternehmen in Nachfragekrisen sich kostspielig und mit hohen Abfindungen von älteren Arbeitnehmern trennen, die dann gerade noch so in einigermaßen erträgliche Rentenbezüge rutschen. Das Nachsehen haben dann nämlich junge Arbeitnehmer, die flott entlassen und wenig abgesichert sind. Die überalterte Gesellschaft wählt seit Jahren die Parlamente, die nicht nur solche Regelungen geschaffen haben, sondern wahrscheinlich auch wissen, dass ein niedrigeres Renteneintrittsalter akut Zustimmung bei der Mehrzahl der Wähler schafft. Sie erinnern sich an die Urnenform bei den Bevölkerungsillustrationen? Passt doch! Und irgendwann danach? Die Sintflut.

Wer will, könnte die Vorboten einer solch schweren globalen Krise jedenfalls leichter erkennen als ernährungsbedingte Mangelerscheinungen von Schulkindern, die keine Biotomaten zum Demeter-Blattsalat in der Mensa bekommen. Das Griechenland-Drama kann sich blitzschnell zu einer wirklich schweren Krise auswachsen – bekanntlich ist Ökonomie viel Psychologie. Und Dramen schlagen auf die Psyche, das gilt im privaten wie im globalen Maßstab.

Außerhalb Europas brennt es so sehr, dass Griechenland sich dagegen wie ein Strohfeuer ausnimmt. In China brechen seit dreieinhalb Wochen die Aktienkurse ein. Der Wertverlust beträgt ein Vielfaches der griechischen Schulden, die gerade in Europa verhandelt werden. Seltsamerweise verschwindet das nur geographisch ferne China mit knapp eineinhalb Milliarden Einwohnern und deren weltweiten Einflüssen hinter der Krisenbewältigungskulisse, die für Griechenland und seine knapp elf Millionen Einwohner aufgestellt wurde – jedenfalls aus unserer Perspektive.

„Global denken, lokal handeln“ – mit dieser als Weisheit getarnten Plattitüde malträtieren uns Öko- und Umweltfreaks seit Ewigkeiten. Ausfluss dieser Haltung sind Fressverordnungen in Universitäts-Mensen oder Einkaufsorgien in Bio-Supermärkten. Die Welt hat davon nichts, Deutschland lokal auch nicht. Wirklich global gedacht wären wahrscheinlich Strategien, die jungen Generationen Lebenswelten ermöglichen, die denen entsprechen, als ein Wirtschaftswunder stattfand: Weltoffenheit gegen lokales Klein-Klein, Freihandel gegen Regionalfetisch und Wettbewerb bis es schmerzt. Damals hörte man halt auch Elvis und die Beatles und nicht Helene Fischer.

Vor der größten Herausforderung stehen in Deutschland nicht die jungen Generationen. Es sind die Älteren, die begreifen müssen, dass nicht all’ ihre Privilegien gut für die nicht so vielen anderen sind. Sollte das klappen, wird auch keiner mehr gegen Helene Fischer, veganes Bio-Wasser und Sojamilch stänkern. Sollte das nicht klappen, wird die junge Generation sich was einfallen lassen müssen. Aber das müssen alle jungen Generationen. Nicht nur, wenn sie in der Minderheit sind.

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