Historie : Die Inszenierung der Macht

Nazi-Führer Adolf Hitler bei einer Wahlkampfveranstaltung 1932 in Mecklenburg.
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Nazi-Führer Adolf Hitler bei einer Wahlkampfveranstaltung 1932 in Mecklenburg.

Maler, Theater- und Architekturliebhaber: Hitler nutzte seine Vorliebe für die Künste auch in seiner Karriere

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23. September 2015, 09:00 Uhr

Die Geschichte des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers füllt Bibliotheken. Allein über Hitler gibt es unzählige umfassende Studien und Biografien. Sie beschreiben seinen Aufstieg und Untergang, zeichnen Psychogramme, analysieren Strukturen der Herrschaft.

Mit „Hitler – Der Künstler als Politiker und Feldherr“ hat der Historiker Wolfram Pyta nun eine neue Studie über den Aufstieg des Diktators und sein Selbstverständnis als „genialer“ Feldherr vorgelegt. Dabei ist seine Studie keines der zahlreichen biografischen Werke, die auf Grundlage magerer persönlicher Dokumente beruhen.

Pyta bezieht in seinem Buch die Theater-, Literatur- und Musikwissenschaften sowie Kunstgeschichte mit ein und nutzt nach eigenen Angaben auch bislang nicht oder wenig beachtete Quellen. Ihm geht es um die Frage, inwieweit der Künstler Hitler und sein Verständnis von Kompositionselementen seinen Weg zur Macht begleiteten. Die Studie des Leiters der Forschungsstelle Ludwigsburg zur NS-Verbrechensgeschichte ist eine neue Facette im Dickicht der Detailanalysen und sicher keine Lektüre für Einsteiger.

Der Politiker Hitler ist ohne den Künstler Hitler nicht denkbar, ist Pyta sicher. Hitlers Interesse an Theater, Architektur und sein künstlerisches Wirken als Maler gaben ihm das Rüstzeug für massentaugliche Auftrittsformen in einer medial völlig veränderten Welt nach dem Ersten Weltkrieg.

„Da die Politik in Deutschland nach 1918 viel stärker einer visuellen und akustischen Kultur verhaftet war, konnte der Neupolitiker Hitler von seiner künstlerischen Grundausstattung enorm profitieren“, glaubt Pyta. Hitler nutzte radikal ästhetische Prinzipien auf dem Weg zur Macht. Im ersten Abschnitt beschreibt der Wissenschaftler zunächst Hitlers unpolitischen Werdegang. Hier bekommt er Pyta zufolge das Rüstzeug für seine spätere Karriere und den Aufstieg zum Diktator.

Sein Charisma fußt auf Inszenierungen wie den Nürnberger Reichsparteitagen, bei denen sein Redetalent mit Theater- und Architekturelementen verschmolz. Pyta stellt dabei heraus, dass Hitler vor seiner Entscheidung, Politiker zu werden und auch in den ersten Monaten danach keineswegs glühender Antisemit war. Vielmehr lasse „das Fehlen belastbarer Quellenzeugnisse den Schluss zu, dass er erst im Zuge seiner Politisierung 1919 Antisemit wurde, dann allerdings in einer Radikalität ohne gleichen“.

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beruhte Hitlers Charisma auf seiner Präsenz.

Dies wird mit dem Krieg anders. Neben seiner Stellung als charismatischer Führer verwirklicht er ein Geniekonzept, das den Gefreiten aus dem Ersten Weltkrieg zum uneingeschränkten Oberbefehlshaber machte. Hitlers Charisma verblasste nicht zuletzt wegen des Glaubens an sein Genie erst Ende 1944. „Der Charismatiker bedarf der symbolisch verdichteten Expression und kommuniziert auf interaktive Weise mit seiner Gefolgschaft. Das Genie hingegen hat sich seine Gefolgschaft gefügig gemacht, die sich mit bedingungsloser Treue und blindem Glauben dem ungezügelten Anspruch des Genies unterwirft.“

Auch in dieser Phase nutzt Hitler seine künstlerische Grundausrichtung. Mit dem Verlust militärischer Handlungsoptionen kommt der Architekt in ihm zum Zuge, unter anderem bei der Konzeption des Bunkerbaus am Atlantikwall.

Als Künstler, Politiker und mit seiner Machtvollkommenheit war der Ideologe Adolf Hitler dann in der Lage, „kompromisslos seine Kernziele zu verfolgen“ – die systematische Vernichtung der Juden.

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