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100 Jahre Schlacht von Verdun : Die „Hölle auf Erden“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 100 Jahren begann die Schlacht von Verdun. Sie tobte vom 21. Februar bis zum 19. Dezember 1916, gilt als längste der Weltgeschichte: Über 700 000 Soldaten fielen, wurden verwundet oder blieben nach der beispiellosen Materialschlacht vermisst.

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erstellt am 21.Feb.2016 | 05:00 Uhr

Die wohl größte Schlacht der Menschheitsgeschichte begann vor 100 Jahren mit dem Feuer der damals größten Kanonen der Welt: Am 21. Februar 1916 eröffneten exakt um 8 Uhr 12 die im Wald vor Warphemont stehenden 38-cm-Schnellladekanonen L/45 das Feuer auf das 13 Kilometer entfernte Verdun. Der neunstündige Artillerieschlag von bislang ungekannter Intensität sollte im feststeckenden Stellungskrieg die Wende zugunsten des deutschen Heeres einleiten – doch schon der Auftakt offenbarte das völlige Scheitern aller Pläne des kaiserlichen Generalstabes und das totale Versagen der Rüstungsstrategie.

Für Kaiser Wilhelm II. lag Deutschlands Zukunft auf dem Meer. Deshalb wurde seit 1897 die Flotte gegenüber dem Heer bei der Zuteilung von Mitteln bevorzugt. Die 38-cm-Geschütze waren daher ursprünglich die Hauptbewaffnung der Großkampfschiffe der Bayernklasse – dem Punkstück der Kaiserlichen Marine. Allerdings wurden von den vier geplanten Schlachtschiffen nur die „Bayern“ und die „Baden“ fertig gestellt. Die für die jeweils vier Zwillingstürme der nicht fertig gestellten Schiffe vorgesehenen Schnellfeuergeschütze der Firma Krupp (bis zu drei Schuss pro Minute / Reichweite bis zu 48 Kilometer) wurden deshalb für den Landeinsatz umgebaut. Organisiert wurde dies von Vizeadmiral Maximilian Rogge, nach dem die Kanonen die Bezeichnung „Langer Max“ erhielten.

Der Mangel an schwerer und überschwerer Feldartillerie war zum einen der Fehlrüstung geschuldet, machte sich zum anderen allerdings auch nur durch das Scheitern der generellen Kriegsstrategie bemerkbar – dem Fehlschlag des sogenannten „Schlieffenplans“. Darin fasste der Generalstab die Überlegungen für die zu erwartenden Feldzüge zusammen. Nach dem siegreichen Ende der deutschen Einigungskriege (1864-71) gegen Dänemark, Österreich und Frankreich zeichnete sich für das neuentstandene Deutsche Reich durch die entstehende russisch-französische Allianz sehr rasch die Gefahr eines Zwei-Fronten-Krieges ab.

Zwar versuchte Bismarck mit dem deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag von 1887 dem zu entgehen. Der auf drei Jahre abgeschlossene Geheimvertrag sicherte beiden Staaten für den Fall eines Krieges mit einer dritten Großmacht die gegenseitige Neutralität zu. Bismarcks Nachfolger Caprivi lehnte die Erneuerung des Vertrages nach seinem Ablauf 1890 aber ab. Daraufhin schloss Russland 1892 eine geheime Militärkonvention mit Frankreich, aus dem sich der Zweierbund zwischen Frankreich und Russland entwickelte (1894). Hieraus und aus der Entente cordiale (1904) zwischen Frankreich und Großbritannien entstand 1907 mit dem Vertrag von Sankt Petersburg die „Triple Entente“.

Der deutsche Generalstab musste nun einen Plan für einen Zweifrontenkrieg vorbereiten. Anstatt jedoch darauf hinzuarbeiten, einen Krieg an zwei Fronten zu vermeiden, war der Generalstab bestrebt, einen solchen zu gewinnen.

Zunächst plante Helmuth Karl Bernhard von Moltke für den Fall eines Zweifrontenkrieges einen „Ostaufmarsch“, der eine strategische Defensive vorsah. Das Heer sollte zu etwa gleichen Teilen auf Ost und West verteilt werden. Das Deutsche Reich würde hiernach im Westen in der Defensive bleiben und den zu erwartenden französischen Angriff im gut zu verteidigenden Festungsgürtel in Elsass-Lothringen abwehren.

1891 wurde jedoch Alfred Graf von Schlieffen Generalstabschef, der schon in seiner ersten Denkschrift im April 1891 die Strategie seiner Vorgänger umdrehte. Hintergrund: Russland hatte sein Eisenbahnnetz im Westen ausgebaut und eine Reihe von Festungen errichtet, die sogenannte Narew-Linie. Schlieffen glaubte deswegen nicht an die Möglichkeit eines schnellen Sieges über Russland. Er forderte eine deutsche Mobilmachung in kürzester Frist und setzte darauf, zunächst Frankreich in einem kurzen Feldzug zu schlagen, bevor die russische Armee vollständig mobilisiert werden konnte. Nach dem Sieg gegen Frankreich im Westen könnte Deutschland seine Truppen im Osten gegen Russland konzentrieren.

Allerdings: Frankreichs Ostgrenze von Verdun bis Belfort war nach 1871 durch die Barrière de fer gegen Deutschland immer stärker befestigt worden. Einen Frontalangriff auf diese Verteidigungslinie schloss Schlieffen aus. Er orientierte sich an der Schlacht von Cannae, in der Hannibal ein zahlenmäßig überlegenes römisches Heer geschlagen hatte, indem er es von den Flanken und Rücken her angriff. Die deutschen Truppen sollten entsprechend den französischen Festungsgürtel westlich von Metz und Straßburg umgehen und ein Umfassungsmanöver ausführen. Vorgesehen war eine Zangenbewegung. Den Hauptteil würde der rechte Flügel bilden, durch Belgien und das Großherzogtum Luxemburg ins nordfranzösische Hinterland vorstoßen, sich dann nach Süden wenden, die untere Seine überschreiten und sich nach Osten eindrehen. Dort sollte er die französischen Kräfte, die vom deutschen linken Flügel im befestigten Terrain Lothringens bekämpft wurden, im Rücken fassen. Am 8. Dezember 1912 gab Wilhelm II. im Kriegsrat seine prinzipielle Zustimmung. Für die notwendigen Truppentransporte wurden in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe strategischer Bahnlinien gebaut.

Der Schlieffen-Plan war jedoch mit Kriegsausbruch längst überholt. So berücksichtige die Annahme, Frankreich könne – analog zu 1870/71 – innerhalb weniger Wochen geschlagen werden, weder die damalige waffentechnische Überlegenheit der deutschen Truppen, noch die neuen militärischen Entwicklungen, welche durch die Kombination einfacher Laufgräben mit eingegrabenen Maschinengewehren die Verteidiger klar im Vorteil vor den ungeschützt anrennenden Angreifer setzten, wie der Russisch-Japanische Krieg 1905 deutlich aufzeigte. Zudem hatte es selbst 1870 nach dem Sieg bei Sedan noch drei Monate gedauert, um Frankreich zur Kapitulation zu bewegen. Während dieser Zeit waren die deutschen Truppen vor Ort gebunden.

Weiterhin glaubte der deutsche Generalstab, Russland benötige sechs bis acht Wochen zur Mobilisierung. Die Möglichkeit, dass dies schneller geschehen könnte, wurde niemals ernsthaft diskutiert. Die Quittung erhielt das deutsche Heer nach der verlorenen Marneschlacht (5. bis 12. September 1914), als die Truppen zwar bis zu 120 Kilometer tief nach Frankreich vordringen konnten, die strategische Initiative jedoch verloren ging und das Frontgeschehen nach dem Rückzug an die Aisne im Stellungskrieg erstarrte. Parallel dazu mussten immer mehr Verbände an die Ostfront abgezogen werden.

Moltke wurde am 14. September 1914 seines Postens enthoben und durch Generalleutnant Erich von Falkenhayn ersetzt. Im Winter 1915 begann die Oberste Heeresleitung (OHL) mit der Planung einer Offensive für das kommende Jahr. Sie kam zu der Überzeugung, dass Großbritannien aus dem Krieg getrieben werden musste, da es durch seine exponierte maritime Lage und durch seine industrielle Leistungsfähigkeit der Motor der Entente war. Auf Basis dieser Überlegungen wurde Italien als unwichtiges Angriffsziel verworfen, ebenso wie Russland. Weitere Schauplätze in Nahost oder Griechenland wurden als bedeutungslos bezeichnet.

So blieb ein Angriff an der Westfront als einzig denkbare Alternative übrig: Die Positionen der Briten in Flandern waren mittlerweile jedoch so stark ausgebaut, dass Falkenhayn eindeutig die französische Front als entscheidenden Kriegsschauplatz vorschlug. Er argumentierte: „Frankreich ist in seinen Leistungen bis nahe an die Grenze des noch Erträglichen gelangt – übrigens in bewundernswerter Aufopferung. Gelingt es, seinem Volk klar vor Augen zu führen, dass es militärisch nichts mehr zu hoffen hat, dann wird die Grenze überschritten, England sein bestes Schwert aus der Hand geschlagen werden.“ Falkenhayn hoffte, dass auf den Zusammenbruch des französischen Widerstands der Rückzug der britischen Streitkräfte folgen würde. Der strategische Plan erhielt den Namen „Chi 45“ – nach dem damals gültigen Geheimschlüssel die Bezeichnung für „Gericht“. Weihnachten 1915 erteilte Kaiser Wilhelm II. die Erlaubnis für die Offensive.

Welche Ziele Falkenhayn mit dem Angriff auf Verdun verfolgte, wurde von ihm niemals offen ausgesprochen (wohl aber sprach er wiederholt vom „Weißbluten des Feindes“ im engeren Umfeld höchster militärischer Kreise – damit meinte er wohl Abnutzungsschlacht). Die Einnahme der Stadt durch deutsche Truppen hätte zwar negative Auswirkungen auf die französische Kriegsmoral gehabt, doch hätte sich Verdun nicht als Ausgangspunkt für einen entscheidenden Angriff auf Frankreich nutzen lassen können. Die Entfernung zur französischen Hauptstadt Paris beträgt 262 Kilometer – im damaligen Stellungskrieg nahezu unüberwindbar.

Der deutsche Angriff begann, nachdem der eigentliche Angriffstermin am 12. Februar wegen des eiskalten und nassen Wetters mehrfach verschoben worden war, am 21. Februar 1916. Diese Verzögerung des Angriffs sowie Berichte von Überläufern gaben der französischen Aufklärung die Zeit und die Argumente, den Oberbefehlshaber Joseph Joffre zu überzeugen, dass ein groß angelegter Angriff vorbereitet wurde. Hastig zog Joffre aufgrund der unwiderlegbaren Beweise für deutsche Konzentrationen an der Front frische Truppen zur Unterstützung der verteidigenden französischen 2. Armee zusammen. Am bedrohten Ostufer der Maas konzentrierten die Franzosen ihrerseits etwa 200  000 Verteidiger, die einer deutschen Übermacht von etwa 500  000 Soldaten der 5. Armee gegenüberstanden.

Zuerst machte der Angriff sichtbare Fortschritte, Fort und Dorf Douaumont wurden erobert, Fort Vaux kapitulierte am 7. Juni. Mit der Anfang Juni an der Ostfront begonnenen Brussilow-Offensive mussten jedoch deutsche Truppen abgezogen werden, im Okober und November eroberten die französischen Truppen die verlorenen Gebiete zurück. Auf einer Fläche von kaum zehn Quadratkilometern gingen insgesamt 26 Millionen Spreng- und über 100  000 Giftgasgranaten nieder – 700  000 Mann fielen, wurden verwundet oder gelten seitdem als vermisst. Das Schlachtfeld verwandelte sich aufgrund des massiven Einsatzes von Geschützen auf engem Raum innerhalb weniger Wochen in eine Kraterlandschaft, in der von Wäldern nur Baumstümpfe verblieben. Zeitweilig wurden über 4000 Geschütze eingesetzt. Durchschnittlich 10  000 Granaten und Minen gingen stündlich vor Verdun nieder.

Bereits auf dem Weg zur vordersten Linie verloren zahlreiche Einheiten weit über die Hälfte ihrer Männer. Kaum ein Soldat, der vor Verdun eingesetzt wurde, überstand die Schlacht, ohne zumindest leicht verwundet worden zu sein. Die Soldaten mussten häufig stundenlang ihre Gasmasken tragen und mehrere Tage ohne Nahrung auskommen. Das Schlachtfeld wurde von ihnen als „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ oder schlichtweg „die Hölle“ bezeichnet. Obwohl die im Juli 1916 begonnene Schlacht an der Somme mit deutlich höheren Verlusten auf beiden Seiten verbunden war, wurden die monatelangen Kämpfe vor Verdun zum deutsch-französischen Symbol für die tragische Ergebnislosigkeit des Stellungskriegs. Verdun gilt heute als Mahnmal gegen Krieg und dient der gemeinsamen Erinnerung und vor der Welt als Zeichen der geglückten deutsch-französischen Aussöhnung.

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