Empirische Ästhetik : Die Geschmacksfrage

Melanie Wald-Fuhrmann  und Prof. Winfried Menninghaus erforschen, wie Musik oder Gedichte auf Menschen wirken und warum sie ihnen gefallen oder auch nicht.
Melanie Wald-Fuhrmann und Prof. Winfried Menninghaus erforschen, wie Musik oder Gedichte auf Menschen wirken und warum sie ihnen gefallen oder auch nicht.

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut erforschen, wem was warum gefällt

svz.de von
16. August 2016, 12:00 Uhr

Eine Minikamera filmt die Gänsehaut am Arm, Sensoren an den Fingerkuppen messen den Hautleitwiderstand, eine Pulsuhr am Handgelenk zeichnet die Herzfrequenz auf. Wenn Testpersonen am Max-Planck-Institut (MPI) für empirische Ästhetik in Frankfurt Kunstwerke genießen, ist das nicht nur Genuss. Musik hören, Filme gucken oder Gedichten lauschen geschieht hier im Dienste der Wissenschaft. In dem Institut erforschen Forscher verschiedener Fachbereiche durch Befragen, Beobachten und Vermessen ein Thema, an dem Freundschaften zerbrechen und Beziehungen scheitern: Geschmack.

Auf den ersten Blick sieht das „ArtLab“ des Instituts aus wie ein normaler Konzertsaal: Theatersessel, Bühne, Schallschutz. Doch der Raum ist gespickt mit Technik, die die Reaktionen des Publikums aufzeichnet. Es gibt Kameras für Gestik und Mimik, Mikrofone für Applaus oder Raunen. Bei Bedarf werden Tablet-Computer verteilt, auf denen die Zuhörer Fragen beantworten.

Die Forscher nähern sich ihrem Thema von verschiedenen Seiten: Wie wirkt ein Text, ein Musikstück, ein Bild, ein Film auf uns? Ästhetik definieren die MPI-Mitarbeiter als „die Wissenschaft von der Wahrnehmung und Bewertung“.

Herzschlag, Atemtiefe, das Hochziehen einer Augenbraue oder das Aufrichten der kleinen Härchen am Arm – messen kann man das sicher, aber welchen Zusammenhang gibt es zwischen Körperreaktionen und ästhetischem Empfinden? Dafür kombinieren die Forscher die objektiven Daten, die der Körper liefert, mit den subjektiven Auskünften der Teilnehmer.

Was der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus und die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann herausfinden, geht weit über „Das finde ich schön“ oder „Das gefällt mir nicht“ hinaus. „Die Geisteswissenschaften stellen ästhetische Theorien auf. Wir überprüfen sie“, sagt Wald-Fuhrmann.

Zu einer verblüffenden Erkenntnis kam ein Mitarbeiter des Instituts, als er das Publikum von Trash-Filmen befragte: Wer schaut sich solchen Mist an, war die Ausgangsfrage. Es waren überdurchschnittlich gebildete Zuschauer, die sich für ein breites Spektrum an Kunst und Medien interessieren. Sie langweilen sich bei Mainstream-Filmen und haben Spaß, Anti-Filme mit ironischer Distanz zu betrachten, die miese Machart zu analysieren, Zitate und Anspielungen zu entdecken.

Auch andere gängige Thesen werden infrage gestellt: Die Grundlage für unseren Musikgeschmack werde in der Kindheit gelegt und unser Musikgeschmack sei schichtabhängig, so die Lehrmeinung. Neue Studien legen aber nahe, dass der Geschmack heute flexibler ist als früher: Gerade Gebildete hören alles Mögliche, sind immer öfter „musikalische Allesfresser“, wie Wald-Fuhrmann sagt.

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