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Atom-Gau 1986 : Die Enkel von Tschernobyl

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Katastrophe vor 30 Jahren war der bisher schwerste Unfall in einem Atomkraftwerk. Der Schweriner Volkbert Keßler hilft seit zehn Jahren betroffenen Kindern

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erstellt am 26.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Als in Tschernobyl heute vor 30 Jahren das Unfassbare geschah, war Yana Kychak noch gar nicht geboren. Erst zehn Jahre später kam das Mädchen in der Ukraine zur Welt. Zehn Jahre, nachdem ein Test außer Kontrolle geriet und der Reaktor Vier des Kernkraftwerkes explodierte. Und dennoch wurde sie durch den Gau für immer gezeichnet. Ein gewaltiger Tumor wucherte in ihrer rechten Wange – eine Folgeerkrankung der Tschernobyl-Katastrophe.

„Es gibt viele Yanas“, sagt Volkbert Keßler aus Schwerin, während er das Bild der heute 20-Jährigen betrachtet. Damit meint er nicht den Namen, sondern die Kinder, die durch die Spätfolgen der Atomkatastrophe erkranken – auch heute noch. Die Wange der jungen Frau auf dem Foto ist noch immer verzerrt. Alle zwei Jahre muss Yana zur Kontrolle nach Deutschland. Der Tumor, er könnte zurückkommen. Doch Yana hat Glück. Sie lebt. Heute studiert sie in der Ukraine Jura. Das alles hat sie auch Keßler zu verdanken.

 

Rate der Krebserkrankungen extrem hoch

Von ihrer Geburt an wuchs der Tumor in Yanas Gesicht. Ihre Mutter hatte in der Nähe des Unglücksortes gelebt. Die Geschwulst wurde immer größer. Mit zehn Jahren kam Yana durch die niedersächsische Hilfsorganisation „Hof Schlüter“ schließlich nach Deutschland. Prof. Dr. Bschorer, Chefarzt der Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie von der Schweriner Klinik operierte Yana und gab ihr ein neues Gesicht. Während der Genesung lebte die junge Ukrainerin bei Keßler und seiner Frau Margitt.

Doch nicht alle Kinder haben so viel Glück wie Yana. Die Explosion im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl gilt neben Fukushima als bisher schwerster Unfall bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die Rate der Krebserkrankungen und Missbildungen ist in dem Land nach wie vor extrem hoch. Seit 1990 wurden mehr als 6000 Fälle von Schilddrüsenkrebs in Weißrussland, Russland und der Ukraine gemeldet – eine weit höhere Zahl, als statistisch gesehen zu erwarten ist. Wie viele Menschen an den Folgen des Unglücks gestorben sind, ist umstritten. Experten gehen von Zehntausend Todesfällen aus.

Unter den Folgen leiden vor allem die 600    000 Liquidatoren, die eingesetzt wurden, um die Schäden der Katastrophe zu mindern. 134 der Arbeiter wurden so stark verstrahlt, dass sie an akuter Strahlenkrankheit litten. 28 von ihnen starben innerhalb von Tagen und Wochen. Den Opfern will heute Präsident Petro Poroschenko mit einem Besuch an der Reaktorruine gedenken. Rund 75 Meter ragt das stillgelegte Atomkraftwerk in die Höhe. Im Inneren der Anlage lodert noch immer das „ewige Höllenfeuer“: etwa 200 Tonnen Uran. Ein Betonmantel soll die Umgebung vor dem Strahlengift schützen. Doch 40 Prozent der Sperrzone um den Reaktor herum sind aufgrund des Plutoniums mit 24 000 Jahren Halbwertzeit für immer verstrahlt.

Volkbert Keßler engagiert sich seit zehn Jahren für Kinder aus der Ukraine. 

Foto: Lisa Kleinpeter
Volkbert Keßler engagiert sich seit zehn Jahren für Kinder aus der Ukraine. Foto: Lisa Kleinpeter
 

Medizinische Behandlungen sind oft zu teuer

Bila Zerkwa liegt 200 Kilometer südlich von Tschernobyl. Die Armut der Stadt mit 200    000 Einwohnern ist hier besonders groß. Viele ukrainische Familien würden in kleinen Behausungen wohnen. Teilweise ohne fließendes Wasser. Ein großes Problem sei die medizinische Versorgung. Teure Behandlungen können sich die meisten nicht leisten.

Seit 2004 hilft hier die Stiftung „Hof Schlüter“. Zweimal im Jahr reist der Gründer Peter Novotny selbst in die Stadt. Dann warten Mütter vor seiner Unterkunft. Sie wollen, dass er ihre Kinder mitnimmt und sie heilt. Einmal zeigte ihm ein Vater die Röntgenaufnahme vom Gesicht seiner vierjährigen Tochter. Ein haselnussgroßer Tumor war zu sehen. Novotny holte das Mädchen nach Deutschland, brachte sie zum Arzt. Doch es war zu spät. Der Tumor war ohne Behandlung zu groß geworden. Das Kind starb nur wenig später. Novotny muss noch heute mit den Tränen kämpfen, wenn er davon erzählt. Er kann nicht allen helfen. Doch er kann es versuchen.

Neun 40-Tonner voll beladen mit Krankenhausbedarf

Neun 40-Tonner voll beladen mit Krankenhausbedarf hat er in die Ukraine geschickt, vier Rettungswagen, zwei Kleinbusse und 1300 Krankenhausbetten. Die Fenster der örtlichen Klinik in Bila Zerkwa ließ er austauschen und vieles mehr. Seit sieben Jahren organisiert er außerdem die Erholungsurlaube für die Kinder. In der letzten Woche geht es immer nach Schwerin. Hier übernimmt Volkwart Keßler seit acht Jahren die Organisation. Woran es am meisten fehlt? „An allem“, sagt Novotny.

In zwei Wochen reisen Novotny und Keßler gemeinsam nach Bila Zerkwa. Die beiden wollen dieses Mal in dem örtlichen Kinderheim eine Küche bauen. „Bisher haben sie dort nur eine große Wanne, in der sie den Abwasch erledigen“, sagt Keßler. Für ihn ist es der erste Besuch in der Ukraine nach dem Reaktorunglück. „Mir liegt das sehr am Herzen“, sagt der Renter. „Zufrieden ist man nie. Es gibt so viel, was noch zu tun ist.“

Bergungsmannschaften sind im Mai 1986 nach der Reaktorkatastrophe mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Archiv
Bergungsmannschaften sind im Mai 1986 nach der Reaktorkatastrophe mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Archiv
 

Protokoll des GAUs

  • 25. April 1986, 23.10 Uhr: Die Mannschaft beginnt, Reaktor Nr. 4 testweise herunterzufahren. Das Experiment war kurz unterbrochen worden, weil aus der Hauptstadt Kiew mehr Strom verlangt worden war.
  • 26. April, 00.28 Uhr: Die Leistung sackt auf unter 30 Megawatt (MW, ein Prozent der Nennleistung) ab. Der Reaktor wird schnell instabil.
  • 26. April, 1.23.43 Uhr: Die Leistung erhöht sich plötzlich auf über 300 000 MW. Die Temperatur steigt, das Kühlmittel verdampft.
  • 26. April, 1.23.40 Uhr: Das Personal drückt vergeblich Notfallknopf A3, um die fatale Kettenreaktion zu unterbrechen.
  • 26. April, 1.23.43 Uhr: Die Brennelemente reißen und reagieren mit dem Wasser. Der Reaktor ist außer Kontrolle.
  • 26. April, 1.23.47 Uhr: Es kommt zum «Größten Anzunehmenden Unfall» (GAU). Zwei Explosionen zerstören den Meiler, vermutlich ausgelöst durch riesige Mengen Wasserstoff. Durch die Detonationen reißt das Dach auf. Radioaktive Partikel steigen auf und verbreiten sich über Europa.
  • 26. April, 1.28 Uhr: Erste Feuerwehrleute treffen ein. Sie tragen keine Schutzkleidung. Viele überleben die Katastrophe nur um wenige Wochen.

>> Offizieller Bericht

Infografik: Atom-Reaktoren in Europa | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Panik im Westen, Beschwichtigungen im Osten

Erst Tage nach dem Unglück kamen selbst die „Aktuelle Kamera“ des DDR-Fernsehens nicht umhin, dürftige Informationen über den Reaktorunfall in Tschernobyl zu veröffentlichen. Als die Aufregung über die Nuklear-Katastrophe  über das Westfernsehen auch den Osten erreichte, war in den   DDR-Medien zumindest von einer „Havarie“ die Rede, bei der ein Reaktor „beschädigt“ worden sei – eine Vier-Satz-Meldung am Ende der Aktuellen Kamera.  In DDR-Medien kein Wort von der  atomaren Wolke, die gen Westen über Europa zog, von einer möglichen Kontamination von Gemüse, Milch oder Pilzen. Im Westen wurden die Spielplätze geschlossen, im Osten  beschwichtigten hochrangige DDR-Wissenschaftler. Das Amt für Atomenergie und Strahlenschutz der DDR versicherte, dass „keinerlei gesundheitliche Gefährdungen bestanden oder bestehen“. Der Ministerrat der UdSSR ließ die Zuschauer des DDR-Fernsehens wissen: „Spezialtrupps, die mit modernster Technik und wirksamsten Mitteln ausgerüstet sind, entaktivieren die Flächen in Tschernobyl“. Bilder zeigten später: Mit einfachen Schaufeln mussten Tausende so genannte Liquidatoren arbeiten. Ein zerstörter Reaktorkern, freigesetzte Radioaktivität: Zwar standen in der DDR Reaktoren nach sowjetischer Bauart. Für  das Amt für Atomenergie und Strahlenschutz der DDR war das Überprüfen der Kernkraftwerke nach Tschernobyl dennoch „nicht relevant.“

Friedensfahrt nahe des Katastrophengebiets

Schlechte Karten für Radamateure: Zehn Tage nach der Katastrophe startete die 39. Friedensfahrt in Kiew, 100 Kilometer südlich des Unglücksortes.  Nachdem wegen Tschernobyl Belgien, die Bundesrepublik, Großbritannien, Italien, Jugoslawien, Niederlande, Rumänien, Schweiz und USA ihre Mannschaften zurückgezogen hatten, gingen nur 64 Fahrer  auf die  Tour – eine Halbierung der Starterzahl. Die Fahrer der DDR  wussten nicht, worauf sie sich einließen. Olaf Ludwig erinnert sich, dass es nicht zu durchschauen war, was an den Informationen dran war: „Mir kam es damals so vor, als würde die Situation von den DDR-Medien untertrieben und von den Westmedien übertrieben.“

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