Report : Die bittere Seite der Schokolade

„Für mich war es normal“:  Die neunjährige Moahé hat jahrelang auf der Kakaoplantage ihres Vaters gearbeitet.
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„Für mich war es normal“: Die neunjährige Moahé hat jahrelang auf der Kakaoplantage ihres Vaters gearbeitet.

Die meiste Schokolade in Deutschland kommt aus Westafrika. Dort arbeiten immer mehr Kinder in den Kakaoplantagen. Das schadet dem Image der Schokohersteller. Firmen wie Nestlé engagieren sich gegen Kinderarbeit. Doch sie knausern bei der Umsetzung.

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10. Januar 2018, 21:00 Uhr

Die neunjährige Moahé hat in der Kakaoplantage ihres Vaters Unkrautvernichtungsmittel versprüht. Morgens und abends schleppte das zierliche Mädchen Wasserbehälter vom Dorfbrunnen nach Hause, die schwerer waren als sie selbst. „Mir hat davon immer der Nacken sehr wehgetan“, erinnert sich das Mädchen. Moahé war bis vor Kurzem eines von rund zwei Millionen Kindern, die in der Elfenbeinküste und in Ghana im Kakaoanbau arbeiten, damit Kunden in Deutschland und anderswo ihre Schokolade genießen können. „Ich wusste ja nicht, dass die Arbeit etwas Schlechtes ist. Für mich war es normal“, sagt Moahé entschuldigend.

Doch wo Kinderarbeit anfängt, endet meist die Kindheit: Sie gefährdet die Gesundheit der Kinder, kann ihr Wachstum hemmen und schlägt sich in der Regel negativ auf ihre Schulbildung durch. Doch wegen einer Mischung aus Unwissen, Tradition und Armut hält sich die Kinderarbeit in den Dörfern Westafrikas.

Von hier kommt rund zwei Drittel des weltweit produzierten Kakaos, der dann von Herstellern wie Mars, Nestlé, Lindt & Sprüngli, Mondelez, Ferrero und anderen verarbeitet wird. Und nirgends auf der Welt wird so viel Schokolade verzehrt wie in der Schweiz und in Deutschland: Jedes Jahr rund zehn Kilogramm pro Kopf. Der meiste Kakao dafür wird aus der Elfenbeinküste und Ghana importiert.

Moahé hat in ihrem Leben erst ein einziges Mal Schokolade probieren können. „Sehr süß“, sagt sie mit breitem Grinsen. Die Kakaobohnen dafür kommen zum Beispiel aus ihrem Heimatdorf Konan Yaokro im Süden der Elfenbeinküste, doch Geld für Schokolade hat hier kaum jemand. Der Ort mit etwa 500 Einwohnern ist nur über einen holprigen Feldweg zu erreichen, es gibt keinen Strom und kein fließend Wasser. Aber Konan Yaokro verfügt über das ideale Klima für die begehrte Frucht des Kakaobaums. Moahé, ihre vier Geschwister und ihre Eltern leben hier in einem kleinen Haus auf etwa 20 Quadratmeter Wohnfläche. Davor trocknen die Kakaobohnen. Auch Moahés Vater hat schon als Kind auf der Kakaoplantage seiner Eltern gearbeitet. Sein Vater habe die Hilfe gebraucht, sagt der heute 35-jährige Fabrice Amangoua. „Ich kann nicht mal meinen Namen schreiben, weil mein Vater mich deswegen nie zur Schule geschickt hat.“ Dieses Los will er seinen Kindern auf jeden Fall ersparen. Doch er dachte sich nichts dabei, die Kinder trotzdem ein bisschen arbeiten zu lassen. „Ich wusste nicht, dass es nicht in Ordnung ist.“

Mit steigenden Bevölkerungszahlen wird die Anzahl der Jungen und Mädchen, die auf Kakaoplantagen arbeiten, indes immer größer. In der Elfenbeinküste ist deren Zahl zwischen 2009 und 2014 um rund 50 Prozent auf 1,2 Millionen Kinder gestiegen, wie eine Studie der Tulane Universität in New Orleans im Auftrag des US-Arbeitsministeriums herausfand. In Ghana ging die Zahl der Kinderarbeiter im gleichen Zeitraum leicht auf 0,9 Millionen zurück. Die Studie beruhte auf einer Befragung von knapp 2300 Haushalten in beiden Ländern. Kinderarbeit ist in der Elfenbeinküste eigentlich verboten: Das Tragen schwerer Lasten, etwa von Kakaosäcken, das Sprühen giftiger Chemikalien wie Insektiziden oder die Handhabung von Macheten zum Unkrautjäten oder Aufschlagen der Kakaofrüchte widersprechen dem Gesetz. Leichte Arbeiten wie Einsammeln einzelner reifer Kakaofrüchte oder die Hilfe beim Trocknen der Bohnen sind aber weiter erlaubt.

Eine der Organisationen, die sich vor Ort für Kinder einsetzen, ist die Internationale Kakaoinitiative (ICI). Sie hat in Konan Yaokro und knapp 2700 weiteren Dörfern ein erfolgreiches System zur Bekämpfung von Kinderarbeit eingerichtet, zumeist im Auftrag von Nestlé. Der Dreh- und Angelpunkt des Systems sind in den Dörfern verankerte Mitarbeiter wie Serge Alain Affian. Der 30-jährige Kakaobauer hat in Konan Yaokro für ICI jeden Haushalt besucht, um zu sehen, wie viele Menschen unter einem Dach leben und was sie machen. Dabei erklärt er, wieso Kinderarbeit schlecht ist und wie ICI ihnen helfen kann. Wenn es wie bei Moahé Fälle von Kinderarbeit gibt, arbeitet er zusammen mit ICI eine Lösung aus, etwa um die Kinder wieder in die Schule zu bringen. Für Affian ist das eine Herzensangelegenheit. Er hat als Kind auf der Plantage seines Vaters gearbeitet, als seinem Bruder die Machete ausrutschte und ihn mit voller Wucht am Unterarm erwischte. „Danach konnte ich nicht mehr in die Schule gehen. Ich konnte nicht mal mehr einen Kugelschreiber halten“, sagt Affian. „Das soll keinem anderen Kind mehr passieren.“

Um sicherzustellen, dass keine Kinder auf den Plantagen schuften, arbeitet ICI Hand in Hand mit den Abnehmern der Bauern, den Kooperativen. Der Kakao aus Konan Yaokro etwa geht über eine Kooperative im nahen N’Douci an den US-Rohstoffhändler Cargill, der den Kakao dann an Nestlé verkauft. Der Schweizer Lebensmittelkonzern kauft über das System mit ICI inzwischen nach eigenen Angaben jährlich rund 47 000 Tonnen Kakaobohnen. Das entspricht etwa elf Prozent des weltweit pro Jahr von Nestlé gekauften Kakaos. „In unserer Lieferkette darf es keine Kinderarbeit geben“, sagt der zuständige Nestlé-Manager, Yann Wyss. Nun gehe es darum, das 2012 mit ICI in der Elfenbeinküste begonnene System so auszuweiten, dass in einigen Jahren aller angekaufter Kakao ohne Kinderarbeit hergestellt sein würde. Dass der Kinderarbeit in Westafrika so schwer beizukommen ist, liegt auch an strukturellen Faktoren. Viele Kakaobauern bebauen nur ein paar Hektar und haben so oft nicht genug Einkommen, Helfer einzustellen, weswegen Familie und Kinder herangezogen werden. Doch die Akzeptanz stieg, sobald sie sahen, dass ICI Hilfe anbot.

Die Elfenbeinküste mit 24 Millionen Einwohnern gehört einem UN-Index zufolge zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Die Kakaobauern sind den Kräften des Weltmarktes ausgeliefert: Eine Tonne Kakaobohnen kostete 2014 in New York noch etwa 3200 US-Dollar, inzwischen sind es nur noch 1900 US-Dollar. Die Regierung federt die Schwankungen etwas ab. Im Vorjahr bekamen Bauern einen Fixpreis von knapp 1700 Euro pro Tonne, jetzt nur noch 1100 Euro.

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