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Boykott : „Die Banane wird überschätzt!“

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Aus der Onlineredaktion

Kein Bier und keine Bananen - der Kieler Historiker Martin Gerth arbeitet die Geschichte der Boykotts in Deutschland auf

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Eigentlich hätte Charles ein gutes Leben haben können. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich der junge Engländer im Westen Irlands niedergelassen, um das Gut eines britischen Landlords zu verwalten. Die Regeln waren klar: Die irischen Bauern bewirtschaften das Land, und Charles darf als Guts-Verwalter einen beträchtlichen Pachtzins einstreichen. Doch es kam anders. Die Bauern zahlten nicht. Der Ausfall der Kartoffelernte und harte Pachtbedingungen hatten sie bereits vorher zu immer stärkerem Widerstand zusammengeführt. Und Charles bot einen perfekten Gegenpart hierfür. Der Brite, so wird erzählt, war ein Menschenschinder und nicht mit diplomatischem Geschick gesegnet.

Schon kurze Zeit nach seinem Dienstantritt als Gutsverwalter hatte Charles Cunningham Boycott daher keine Pächter mehr. Niemand wollte für ihn arbeiten, niemand wollte ihm etwas verkaufen, und selbst die Post versagte ihm ihre Dienste. Um seine Ernte einzubringen, ließ Boycott schließlich arbeitslose Protestanten heranschaffen, die allerdings unter militärischen Schutz gestellt werden mussten, damit sie ihre Arbeit verrichten konnten. Der Einsatz der Soldaten kostete am Ende 10  000 Pfund, der Wert der Ernte lag gerade mal bei 350 Pfund.

Der Widerstand der irischen Bauern war damit auf ganzer Linie erfolgreich und setzte einen neuen Begriff in die Welt: Das „Boycotting“ war in Irland bald in aller Munde und breitete sich von dort schnell weiter aus, wie der Historiker Martin Gerth von der Universität Kiel erzählt: „Anhand von Zeitungsberichten lässt sich gut zeigen, wie der Begriff relativ schnell nach England springt und von dort nach Deutschland kommt.“

Hierzulande gelangt er bald darauf in anderem Zusammenhang zu erster Berühmtheit. 1894 ist im „Berliner Volksblatt“, dem Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die große Schlagzeile zu lesen: „Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boykottiertes Bier.“ Auslöser für den so genannten „Berliner Bierboykott“ war auch in Deutschland die Unzufriedenheit der Arbeiter in den größeren Brauereien. Dabei war es noch vergleichsweise mühsam, die neue Form des Arbeitskampfes zu organisieren. „Es mussten Boykottlisten gedruckt und regelmäßig aktualisiert werden. In diesen Listen wurden die Gaststätten aufgeführt, die zu meiden waren“, erzählt der Historiker Gerth. Und der vielleicht mühsamste Teil des Boykotts bestand darin, Ersatzbier aus den nicht boykottierten Brauereien für die durstigen Kehlen in den Kneipen heranzuschaffen. Erst nach acht Monaten einigten sich die Brauereien und die Arbeiter, die fortan höhere Löhne erhielten, weitergehende Forderungen aber nicht durchsetzen konnten. Am Ende, so meint Gerth, seien aber wohl beide Seiten, die durstigen und teilweise entlassenen Arbeiter sowie die gebeutelten Unternehmer, froh gewesen, als der Boykott ein Ende nahm.

Martin Gerth hat sich auf der Suche nach weiteren Beispielen für Boykotte in Deutschland durch unterschiedlichste Archive gearbeitet – mit überraschendem Ergebnis: „Am Ende hatte ich zu viele Boykotte.“ Und das, obwohl er sich bereits auf Boykotte ohne staatliche Beteiligungen, also zivilgesellschaftliche Bewegungen konzentriert hatte. Die aktuelle Tabelle, in denen Gerth die wichtigsten Boykotte und Hintergrundinformationen auflistet, umfasst 250 Beispiele.

Dabei lassen sich unterschiedliche Phasen ausmachen, in denen jeweils bestimmte Ziele in den Vordergrund traten. „Während des Kaiserreichs gab es Boykotte allem im Arbeitskampf, bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren jüdische Unternehmer und Geschäfte Ziel von Boykotten, und in den 70er Jahren wurden sie schließlich von unterschiedlichen Bewegungen für verschiedene moralische und soziale Anliegen eingesetzt.

In den 1920er Jahren konnte Gerth relativ wenige Boykotte finden, stieß aber auf ein besonders merkwürdiges Beispiel. „Es gab zu dieser Zeit Versuche, den nationalen Konsum anzuheizen, also zu sagen: ,Kauft nur noch deutsche Warenʻ.’“ Gleichzeitig wurden aber auch exotische Südfrüchte wie die Banane beworben. Um die heimische Wirtschaft gegen solch unerwünschte Konkurrenz zu schützen, machte ein kleiner Verein darauf aufmerksam, dass die guten altbekannten Produkte der südländischen Konkurrenz überlegen seien: „Die Banane wird überschätzt“ heißt es etwa in einer Anzeige, die darauf verweist, dass nur anderthalb geschälte Kartoffeln den gleichen Nährwert wie zwei Bananen besitzen.

Dass die Banane zumindest im Westen Deutschlands diese rufschädigende Kampagne unbeschadet überstanden hat, ist bekannt. Und so konnte sie auch ein halbes Jahrhundert später wiederum Gegenstand eines Boykotts werden. Dieses Mal traf es allerdings nur südafrikanische Bananen und aus gänzlich anderem Grund: Um das Apartheid-Regime in Südafrika nicht zu unterstützen, wurde in Deutschland und anderen Ländern zum Verzicht auf südafrikanische Früchte aufgerufen. „Wenn Bananen, dann aus Nicaragua – Unterstützt die Unabhängigkeit Nicaraguas und boykottiert die Unterdrückung Südafrikas“ heißt es in einem Flyer dazu.

Ein besonders bekannter und folgenreicher Boykott-Slogan stammt ebenfalls aus den 1970ern: Für die Behauptung „Nestlé tötet Babies“ wurden Aktivisten zwar zu einer geringen Geldstrafe verurteilt. Die inhaltlichen Vorwürfe aber wurden von einem Gericht anerkannt. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern hatte als „Milchschwestern“ getarnte Angestellte in Entwicklungsländer geschickt und dort für Flaschenmilch geworben. Weil die hygienischen Standards bei der Flaschensäuberung aber nicht ausreichten und das Milchpulver aus Kostengründen oft viel zu stark verdünnt wurde, habe Nestlé mit seinen Verkaufsmethoden „den Tod oder bleibende geistige und körperliche Schäden Tausender von Kindern“ verursacht, urteilte das Gericht 1976. In der Folge entsandte Nestlé keine Milchschwestern mehr, und es wurde ein Kodex verabschiedet, der irreführende Werbung für Babynahrung untersagte.

Ähnlich erfolgreich verlief ein sehr bekannter Boykott aus dem Jahr 1995. Damals stand der Shell-Konzern in der Kritik, weil er den alten Öltank, Brent Spar, in der Nordsee versenken wollte. Nach einem Boykott von Shell-Tankstellen, zu dem auch die Junge Union aufgerufen hatte, entschied sich der Ölkonzern dazu, den Tank an Land zu schleppen und dort zu entsorgen. Der Boykott, so Martin Gerth, sei zu dieser Zeit bereits ein sehr weit verbreitetes Phänomen gewesen, das nicht nur von sozialdemokratischen oder linken Strömungen ausgegangen, sondern mit sehr unterschiedlichen Zielen von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen eingesetzt worden sei.

Mit Wertungen hält sich der Historiker zurück. Man neige schnell dazu, in den Boykotten grundsätzlich etwas Positives zu sehen. Doch jeder Boykott teilt Konsum in „guten“ und „schlechten“ ein. Welche Maßstäbe bei dieser Bewertung eingesetzt werden, darf durchaus hinterfragt werden. Auch der Erfolg von Boykotten könnte oft nicht so einfach beurteilt werden, meint Gerth.

Bei der verhinderten Versenkung der Brent Spar etwa kam im Nachhinein heraus, dass die Umweltorganisation Greenpeace beim Boykottaufruf mit falschen Informationen gearbeitet hatte und eine Versenkung nach Ansicht von Experten kaum negative ökologische Folgen gehabt hätte. Zudem habe Esso, ein Konzern, der ebenfalls an der Brent Spar beteiligt war, an dem Boykott des Konkurrenten vermutlich verdient, meint Gerth. Und schließlich kann nie ausgeschlossen werden, dass ein Konzern trotz oder gerade wegen eines Boykotts am Ende von einem positiveren Image oder zumindest von der Aufmerksamkeit profitiert.

Das bekam auch Charles Cunningham Boycott zu spüren. Als er von Irland nach Amerika flüchtete, berichtete unter anderem die New York Times über die Ankunft des plötzlich populären Gutsverwalters, der die Welt um ein neues Wort bereichert hatte. Wer heute seinen Namen in eine Suchmaschine tippt, wird von der Zahl der Ergebnisse erschlagen. „Heute gibt es Seiten im Internet, da können Sie sich aussuchen, wen Sie boykottieren wollen“, sagt Gerth. „Einen Grund gibt es immer.“ Und mit den neuen Medien natürlich auch ganz neue Wege und Möglichkeiten, den Boykott zu gestalten. Aber damit müssen sich andere beschäftigen, meint Gerth. Die Gegenwart ist nichts für einen Historiker.





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