Hiroshima : Die Atombomben-Lüge

 
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NDR-Reporter Klaus Scherer deckt in seinem Buch „Nagasaki“ auf, warum der Abwurf der beiden nuklearen Bomben nicht kriegsentscheidend war

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06. August 2015, 12:00 Uhr

Fast könnte man meinen, das Ergebnis seiner Recherchen habe sein Weltbild erschüttert. Nicht von ungefähr scheint Klaus Scherer im Vorwort seines Buches „Nagasaki“ darauf hinzuweisen, dass er gern als ARD-Korrespondent in den USA gearbeitet habe. Aber genauso lange lebte der Grimme-Preisträger auch in Japan. Und beide Länder verbindet ein Ereignis, das bis heute von dem Mythos lebt, dass erst die zwei Atombomben, die am 6. und 9. August 1945 Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche legten und weitaus mehr als 100 000 Menschen das Leben kosteten, das japanische Königreich zur Kapitulation gezwungen hätten. Scherer und namhafte Historiker aus den USA und Japan widersprechen. Japan hätte auch ohne die Bomben aufgegeben, sagen sie. Dass sie dennoch fielen, habe ganz andere Gründe gehabt. Darüber sprach Rüdiger Otto von Brocken mit Klaus Scherer.

Herr Scherer, was hat Sie darauf gebracht, dass an der Version, ohne die Bomben-Abwürfe hätte Japan den Krieg nicht beendet, etwas faul sein könnte?

Der NDR beauftragte mich vor einem Jahr damit, zu den Rückblicken auf den Weltkrieg eine Doku über das Kriegsende im Pazifik beizusteuern. Ich wollte dabei die Frage klären, warum eigentlich noch eine zweite Atombombe fiel und so auch Nagasaki einmal ins Blickfeld rücken. Als ich mit US-Historikern darüber sprach, antworteten die ziemlich schnell, dass von Anfang an zwei Bomben geplant gewesen seien, da es zwei Modelle gab, eine Uranbombe und eine Plutoniumbombe. Und dass Amerika vorherige Optionen, den Krieg zu beenden, bewusst nicht verfolgt habe. Damit wurde klar, dass ich das Thema viel weiter fassen musste. Aber auch, dass wir da an einem Mythos rütteln würden.

Wer sind die Hauptverantwortlichen für dieses Menschheits-Desaster, und wie konnte die Legende so lange als vermeintliche Wahrheit durchgehen?

Als Oberster Kriegsherr natürlich US-Präsident Truman, der aber offenbar sehr willig zwei Beratern folgte. Zum einen seinem Außenminister Byrnes, zum anderen dem militärischen Leiter des Manhattan-Geheimprojekts, das den Bombenbau vorantrieb, General Groves. Der schrieb ihm, nachdem er die aufwendigere Plutoniumbombe in der Wüste New Mexicos getestet hatte, dass der wahre Test nun im Krieg gegen Japan erfolgen müsse. Aber auch Stalin spielte eine Rolle, denn er hatte Japan lange im Glauben gelassen, er würde einen Frieden vermitteln.

Sie schreiben, als er Befehl gab, die Bombe auf Hiroshima fallen zu lassen, glaubte Truman, seine Pläne seien komplett aufgegangen.

Er erfuhr davon auf der Rückreise von der Potsdamer Konferenz, wo er auch Stalin getroffen hatte. Er sprang auf, jubelte und rief, das sei das Größte der Geschichte. Warum war er so ausgelassen? Er glaubte, er hätte nun Stalin als Sieger ausgebootet, Japan zur Kapitulation gebombt und zugleich seiner Armee eine verlustreiche Invasion der japanischen Hauptinseln erspart. Er irrte aber. Moskau griff doch noch an, und eine Invasion, sagen die Historiker, wäre nie nötig geworden. Denn Japan sei längst am Boden gewesen. Ausschlaggebender für die Kapitulation sei aber Stalins Wortbruch gewesen.

Gab es Widerstände gegen den Abwurf? Und wenn ja, warum hatten die Gegner letztlich keine Chance?

Die Pläne waren zwar selbst in der Militärführung und in der Regierung nur wenigen bekannt, dennoch gab es Japan-Kenner, etwa im US-Außenministerium, die Truman drängten, Japan den Erhalt des Kaiserhauses zu garantieren. Da dies Tokios letzte Forderung sei, würde es die Kapitulation sehr erleichtern. Truman schlug das in den Wind. Auch gab es Physiker im Manhattan Project, die eine Petition verfassten, die Bombe nicht gegen Menschen einzusetzen, sondern vor Beobachtern eine Demonstration der neuen Waffe im Pazifik durchzuführen. Robert Oppenheimer, der wissenschaftliche Leiter, sorgte dafür, dass die Petition den Präsidenten nie erreichte. Und der Kriegsminister rechtfertigte sich 1946 mit dem zynischen Satz: Wir hatten keine Bombe zu verschwenden.

Ihr Buch trägt den Titel „Nagasaki“. Wenn spätestens nach der Zerstörung Hiroshimas unübersehbar war, welch verheerende Wirkung diese Waffe hat, warum musste dann noch eine zweite Bombe fallen?

Viel spricht dafür, dass man gerade die teure Plutoniumbombe, nun da sie fertig war, auch im Krieg einsetzen und die Zerstörungskraft akribisch messen wollte. Sie galt als Zukunftsmodell.

Und warum auf Nagasaki, die seinerzeit weltoffenste Stadt Japans, in der auch sehr viele Christen lebten?

Die Stadt wurde vom Piloten nur ausgewählt, weil die Nachbarstadt Kokura unter Wolken lag. Auch über Nagasaki war der Himmel bedeckt, dann sah der Bombardier durch ein Wolkenloch die Kathedrale und wusste, er war über Stadtgebiet. Hätte er das Stadtzentrum getroffen, wären noch mehr Menschen umgekommen.

Was hat Sie bei den Recherchen am meisten erschüttert?

Kaum etwas ging mir so nah wie die Schilderungen der Zeitzeugen, die damals als sechs- oder zehnjährige Kinder mit viel Glück überlebten und die danach buchstäblich durch die Hölle gingen, über Tage, Wochen und Jahre.
 

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