Gefahr Wolfshunde : Der Wolf im Hundepelz

Viele Tierhalter wollen sich mit  einem Wolfshund ein bisschen Wildtierromantik ins Haus holen.
Viele Tierhalter wollen sich mit einem Wolfshund ein bisschen Wildtierromantik ins Haus holen.

Stramm und folgsam wie ein deutscher Schäferhund, ausdauernd wie sein scheuer Vorfahr: Mischlinge aus Wildtier und Hausrasse sind gerade schwer angesagt. Doch sie sind lebensbedrohlich.

svz.de von
11. November 2017, 16:00 Uhr

Der Wolf und das Zebra – die beiden sind eigentlich nicht zu verwechseln. Aber im alles entscheidenden Punkt gehen sie deckungsgleich zusammen: Als Haustiere fallen sie zu 100 Prozent aus. Das Zebra ist zwar dekorativ, es spielt bei berühmten spanischen Designermöbeln als Fellbezug für Polster eine Rolle – und es kann in der Sportlichkeit mit Rennpferden mithalten. Aber geritten hat es noch niemand. Sein Eigensinn lässt sich nicht mit Dressur beibiegen. Sein Selbstbewusstsein schließt jede gemeinsame Sache mit Menschen aus. Zebras sind scheu, bissig, angriffslustig und ohne jede Empathie für Zweibeiner. Genau wie Wölfe. Beide sind nicht domestizierbar – die Wildnis ist im Erbgut verankert.

Echte Wölfe waren dem Menschen über Jahrhunderte so nah wie Figuren aus „Grimms Märchen“. Jetzt kehren sie in die deutschen Wälder zurück und – sie rücken uns als modische Haustiere auf den Pelz, mit Stammplatz auf der Couch. Während Dutzende Wolfsrudel durch das Bundesgebiet streifen, ist es der Reiz des Wilden, des Originalen und manchmal auch der Reiz der Gefahr, der unbedarfte Hundehalter fasziniert. Es gibt kein gänsehauthaltigeres Zuchtangebot auf dem Markt als Hunde, die ein Gutteil Wolf in sich haben. Oder Wölfe, die mit ein bisschen Hundegenetik besänftigt sein sollen.

Es dürstet die Leute nach hochprozentigem Wolfsblut im Haushund

„Anfang der Neunziger gab es einen Höhepunkt bei der Wolfsmix-Nachfrage. Danach ebbte das ab. Jetzt ist sie wieder stärker denn je“, sagt Michael Eichhorn, ein Hundeexperte. Eichhorn hat in Verhaltensstudien Wölfe und Wolfsmischlinge erforscht und beschrieben. Er züchtet in der Pfalz die einzige Hunderasse mit hoch dosiertem Einschlag aus der Wildnis, die in Deutschland legal ist: den sogenannten Tschechoslowakischen Wolfshund. Der Züchter und Hundetrainer sieht sich mehr und mehr „Individualisten“ gegenüber, die ihm erklären, „nicht in den Retriever-Topf geworfen werden zu wollen“. Leute, die es nach hochprozentigem Wolfsblut im Haushund dürstet.

Der erste Tschechoslowakische Wolfshund wurde 1955 geboren – in den Kasernen der tschechischen Armee. Die Grenzsoldaten brauchten einen Hund, der stramm und folgsam an der Leine hing wie der Deutsche Schäferhund. Aber dazu so instinktsicher und ausdauernd wie der Wolf. Der „Tscheche“ ist das Ergebnis einer Kreuzung aus Karpatenwolf und Deutschem Schäferhund. In seiner Ahnentafel findet sich der letzte Wolf Anfang der 80er-Jahre. Obwohl nur wenige Generationen vom wilden Urahn entfernt, sei vielen inzwischen sogar der Tschechoslowakische Wolfshund zu sehr auf den „Hund“ gekommen, sagt Eichhorn.

Und so streunen seit einigen Jahren Wolfsmischlinge durch den grauen, illegalen Markt in Deutschland. Auf etwa 1000 schätzt Eichhorn ihre Zahl, Tendenz stark steigend. Die Halbwölfe sind kaum menschenverträglich, ängstlich im Umgang, aggressiv gegenüber anderen Hunden. Viele dieser Tiere kommen aus den USA.

Die Halter sind mit den Halbwölfen regelmäßig überfordert

Dort dürfen sie legal gezüchtet werden. Bis zu 4000 Euro werde für einen solchen Mischling bezahlt, zum Beispiel einem Mix zwischen Husky und Wolf, „je mehr Wildblut, desto teurer das Tier“, sagt Eichhorn. Als Welpen seien die Tiere noch unkompliziert. Die Probleme fangen mit vier Jahren an, wenn die Mischlinge geschlechtsreif werden. Schöne, scheue Hunde sind es meistens, die Eichhorn dann zum Training gegeben werden. Die Besitzer sind regelmäßig mit den Halbwölfen überfordert.

Der Grund für diese Probleme, sagt der britische Zoologe und Verhaltensforscher John Bradshaw, liegt auf der Hand: Es sind Zehntausende Jahre von Zucht – die die Menschheit mit dem Hund verbinden. Und uns umgekehrt vom Wolf trennen. Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass der Hund dem Menschen viel ähnlicher ist als angenommen. Der Verhaltensforscher Brian Hare vom Leipziger Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie fasst das so zusammen: „Wir sind sicher, dass im Verlauf der Domestizierung viele sozial-kognitiven Fähigkeiten der Hunde mit denen des Menschen verschmolzen sind.“ Das fängt an bei der Kommunikation. „Ein Wolf verständigt sich mit über 60 verschiedenen Mienen“, sagt Dorit Feddersen-Petersen, Verhaltensforscherin am Kieler Institut für Haustierkunde, „der Schoßhund hat nur noch vier bis fünf. Stattdessen hat er sich darauf verlegt, sich über die Stimme auszudrücken.“

Die meisten Belllaute zählen Verhaltensforscher beim Bullterrier: Belegt sind zwölf verschiedene Arten, mit denen er seinen Willen kundtun kann – die Skala reicht vom halblauten Hecheln, über Bellen, Jaulen bis hin zum Vibrationsknurren. Das Bellen ist für Norbert Sachser, Verhaltensbiologe aus Münster, eine typisch menschliche Adaption: „Wer in der Natur zu laut ist, wird gefressen.“ In Gegenwart des Menschen ist es umgekehrt: Wer Futter will, muss sich bemerkbar machen. „Die meisten Hunderassen sind darauf gezüchtet, anhänglich zu sein, weil anhängliche Tiere leichter trainierbar sind“, sagt Bradshaw. „Hunde achten auf uns und versuchen zu verstehen, was wir ihnen mitteilen wollen. Das ist ihr Schicksal. Lässt man einen kleinen Welpen wählen, ob er sich lieber einem Menschen zuwenden soll oder einem Artgenossen, dann entscheidet er sich für den Menschen. Kein anderes Tier würde das tun, schon gar nicht der Wolf.“

Der Hund hat sich auf sein Herrchen eingestellt, nicht umgekehrt – Wölfen lassen sich solche Fähigkeiten nicht antrainieren

Michael Eichhorn hat es ausprobiert. Er hat einen Wurf Wölfe aufgezogen – parallel zu einigen Hundewelpen. Die Unterschiede haben sogar ihn überrascht: einerseits freundlich schwanzwedelnde Draufgänger – daneben ängstliche, aggressive Wolfsjunge, unzähmbar, ungelehrig und so familientauglich wie Kojoten. „Drei Dinge, die man wissen muss: Ein Wolf wird niemals stubenrein. Ein Wolf lässt sich nicht einsperren, und ein Wolf wird niemals einem Menschen gehorchen“, sagt Eichhorn. Wölfe wie Wolfsmischlinge, auch wenn sie Erfahrung mit Menschen haben, sind gefährlich – so fiel der Wolfshund von Dieter Thomas Heck einen Freund des Moderators an. Der Mann ist lebenslang behindert.

Wie weit sich Wolf und Hund in Jahrtausenden voneinander entfernt haben, zeigt auch die direkte Konfrontation: eine Eskalationskette, die meist darin gipfelt, dass sich der Wolf aus dem Staub macht. Das Nichtverhältnis beginnt mit der Kommunikation. Das Gebell eines Hundes kapiert ein Wolf nicht. Kein Wunder – auch in seinen Gefühlsäußerungen ist uns der Hund viel näher als seinen eigenen Vorfahren. „Hunde kenne Freude, Angst, Nervosität und ein schlechtes Gewissen“, sagt die Biologin Friederike Range von der Universität Wien, „sie wissen genau, welches Verhalten bestraft wird, und reagieren ängstlich in Erwartung der Folgen.“ Der Hund hat sich auf sein Herrchen eingestellt, nicht umgekehrt. Wölfen lassen sich solche Fähigkeiten nicht antrainieren – wie Versuche der Universität Budapest ergaben. Dort lockten volle Fressnäpfe, zu denen der Weg aber nur über den Menschen führte. Auch nach Wochen war bei den Wölfen der Groschen nicht gefallen, während die Hunde fressgierig auf ihre Halter fixiert waren: „Die Wölfe verstehen den Menschen nicht als Schlüssel zum Futter“, schreiben die Forscher. „Sie sehen nur das Fleisch.“

Die Halbwölfe sind nicht das einzige Beispiel dafür, wie mehr und mehr Tierhalter in Deutschland sich Wildtierromantik ins Haus holen wollen. „Der Trend geht auch bei Katzen zum Wildnismix“, sagt der Verhaltensforscher Dennis Turner. Eine Mode, die „verboten gehört“. Liebhaber zahlen bis zu 12 000 Euro für eine Bengal- oder eine Savannen-Katze. Je mehr Steppe im Blut, desto teurer das Tier. „Ethisch sind solche Kreuzungen nicht vertretbar“, sagt Turner, der in der Schweiz ein Institut für Haustierpsychologie leitet. „Weder Mensch noch Tier haben etwas davon.“ Doch es scheint eine Ausnahme zu geben. Studien auf einer sibirischen Pelztierfarm bringen ans Licht, dass noch sehr junge Füchse den Menschen fast ebenso gut verstehen wie Hunde. „Von Menschen aufgezogene Wölfe muss man erst darauf trainieren, Zeigegesten korrekt zu deuten. Zahme Füchse verstehen sie auf Anhieb“, sagt der Tierpsychologe Adam Miklósi von der Eötvös Lorand University, Budapest.

Seit mehr als 40 Jahren züchten die Forscher aus einer Pelzfarm in Nowosibirsk Füchse mit dem Ziel, die Antwort auf eine Frage zu finden: Wie rasch sind Wildtiere zu domestizieren? Die Methoden sind seit Jahrzehnten gleich geblieben: Eine Füchsin wirft Junge. Wenige Wochen später beginnen die Forscherzüchter die Auslese. Dabei stellt sich ein Pfleger vor den Käfig, öffnet die Tür und versucht, den Fuchs zu berühren. Die Reaktion entscheidet – die freundlichsten Tiere werden zu Paaren zusammengestellt. Das Ergebnis hat die Forscher verblüfft: zahme Füchse, die sich wie hyperaktive Hundewelpen beim Anblick ihres Herrchens benehmen – wildes Winseln, Bellen, Schwanzwedeln. Entscheidend ist, wie die Tieraugen das Gesicht des Menschen erforschen – „erstaunlich, wie sie in den Gesichtern zu lesen versuchen“, sagt Miklósi. Und nur wenige dreieckig gespitzte Lauscher: Die Ohren der zahmen Füchse klappen nach vorne, Schwänze biegen sich nach oben, im braunen Fell schimmern Flecken. Charles Darwin wäre begeistert. In seiner „Entstehung der Arten“ schrieb er: „Es gibt nicht ein einziges domestiziertes Tier, das nicht zumindest in einigen Ländern hängende Ohren ausbildet.“

Sind Füchse die besseren Hunde? Die Forscher sind von der überlegenen Fuchsintelligenz überzeugt. Aber Intelligenz war den frühzeitlichen Hundezüchtern offenbar nicht wichtig. Sie wollten vor allem Stärke. Das ist teilweise bis heute geblieben. Hunde und auch Wolfshunde sind nicht nur zum Bellen gut. Sondern auch zum Beißen.

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