Interview: Ingo Zamperoni : Der Widerstand ist weiblich

„Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni über die USA, Donald Trump und deutsch-italienische Fußballgefühle.

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19. Mai 2018, 16:00 Uhr

Ingo Zamperoni ist ein Sonnyboy mit Tiefgang. Bester Laune, strahlend und im T-Shirt empfängt der „Tagesthemen“-Moderator seinen Gast im Hamburger Büro, um über das Land zu sprechen, das ihm am Herzen liegt: die USA. Drei Jahre hat er als ARD-Korrespondent von dort berichtet und nun sein zweites, sehr lesenswertes Buch über eine zerrissene Nation geschrieben: „Anderland“.

Herr Zamperoni, Ihr Vater ist Italiener, Ihre Mutter Deutsche – sind Sie froh, dass es bei der WM diesmal nicht zum Duell Deutschland gegen Italien kommen kann?
(lacht) Das ist wirklich das einzig Gute am unfassbar kläglichen Versagen der Squadra Azzura in der WM-Qualifikation: Es bleibt mir erspart, dass Deutschland auf Italien trifft und ich wieder in so eine innere Zerrissenheit gerate. Die Amerikaner sind ja auch nicht dabei, also kann sich die ganze Familie auf „Die Mannschaft“ konzentrieren.

An Ihrer inneren Zerrissenheit haben 2012 ein paar Millionen Zuschauer teilhaben können, als Sie in den „Tagesthemen“ während der Pause des EM-Halbfinals Italien gegen Deutschland beim Stand von 2:0 für Italien mit süffisantem Lächeln sagten „Möge der Bessere gewinnen“.

Das süffisante Lächeln wurde mir ja unterstellt, ich meine bis heute: Da war nichts. Das Problem war der Halbzeitstand. Ich hatte mir vorher etwas möglichst Unverfängliches zurechtgelegt, weil ich ja wusste, dass es brisant ist. Ich dachte, gegen „Möge der Bessere gewinnen“ könne doch keiner was sagen.

Und dann gab’s waschkörbeweise Protestschreiben der Zuschauer.

Ja ja, ich war „Verlierer des Tages“ in der „Bild“-Zeitung und habe jede Menge Protestbriefe und -mails bekommen. Es gab sogar einen Anrufer, der hier auf dem Band hinterließ: Pass mal auf, wenn Du unterwegs bist. Guck Dich lieber mal um. Ich hab das aber nicht ernst genommen und es ist ja auch nichts passiert. Heute würde die Reaktion wahrscheinlich noch viel heftiger ausfallen.

Also: Für wen schlägt denn Ihr Herz, wenn Italien gegen Deutschland spielt?
Ich verstehe nicht, warum mir die Leute nicht abgenommen haben, dass ich tatsächlich für beide war und bin. Ich sitze nicht zwischen zwei Stühlen, sondern auf zwei Stühlen.

Im Fußball haben meist die Italiener gewonnen – bei der Wahl Ihres Vornamens hat sich aber offensichtlich die deutsche Mutter gegen den italienischen Vater durchgesetzt.

Mein Vorname sollte kurz sein, weil der Nachname ja schon so lang ist. Er sollte auch zeigen, dass ich sowohl Deutscher als auch Italiener bin, und Ingo ist ja schon sehr deutsch. Aber: Durch das o am Ende so wie bei Mario ist es auch für Italiener leicht auszusprechen.

Zumindest macht der Ingo jetzt Sinn.
Genau, die italienische Verwandtschaft kann ganz gut damit umgehen, auch wenn das I vom Ingo immer sehr langgezogen wird: Iiiingo.

Was ist sonst noch italienisch an Ingo Zamperoni?
Natürlich die Liebe für den Fußball und fürs Eis: Gelato ist ganz klar eine meiner Schwächen. Und vielleicht ein gewisser Sinn für Ästhetik. Ich freue mich, wenn Dinge nicht nur gut funktionieren, sondern auch gut aussehen. Mein Rennrad zum Beispiel, natürlich mit einem italienischen Rahmen.

Nun gibt es nicht nur den italienischen Teil Ihrer Familie, sondern seit Ihrer Heirat auch einen amerikanischen. Nach der Lektüre Ihres Buches muss ich fragen: Wie ist das Verhältnis zum Schwiegervater?
Der hat mir gerade heute wieder einen Kommentar geschickt, der erklärt, warum Trump gar nicht so schlimm ist wie die liberale Presse meint. Unser Verhältnis ist eigentlich sehr gut, wir reden ja nicht ständig über Politik, sondern umgehen das Thema meistens. Auch weil meine Frau nicht mehr mit ihrem Vater über Politik reden möchte.

Warum?
In den USA gibt es diese zwei großen politischen Lager, die weiter auseinander driften. Es ist so kompromisslos geworden, als ob in einem Land zwei verschiedene Planeten existierten. In den USA kann man nicht taktisch wählen, da gibt es keine möglichen Koalitionen, sondern nur die einen oder die anderen. Viele Amerikaner wählen nur wegen einer Sache, zum Beispiel wegen der Waffengesetze – diese Wähler nennt man „one issue voter“. Mein Schwiegervater findet Trump eigentlich abstoßend, aber er meint auch, dass die USA einen Geschäftsmann brauchen, der die Steuern senkt, damit Unternehmen investieren können und mehr Leute Arbeit finden.

Eine Geschichte mit Hillary Clinton hat sich ganz in der Nähe des Hauses abgespielt, in dem Sie als ARD-Korrespondent in Washington wohnten: Pizzagate. Man hat Clinton tatsächlich verdächtigt, einen Kinderporno-Ring zu betreiben – und das ausgerechnet im „Comet Ping Pong“, der Stammpizzeria der Familie Zamperoni.
Ja, das war der Wahnsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch und es war durchaus normal, dass Helikopter über unser Haus flogen, auf Grund der Nähe zum Regierungsviertel. Aber diesmal stand ein Polizei-Hubschrauber quasi direkt über unserem Haus. Und in unserer kleinen Nebenstraße standen plötzlich jede Menge von Autos. Ich dachte zunächst, auf der Hauptstraße hätte es einen Rohrbruch oder so etwas gegeben und der Verkehr sei umgeleitet worden.

Was war passiert?
Diese abstruse Verschwörungstheorie, Hillary Clinton betreibe in besagter Pizzeria einen Kinderporno-Ring, hatte sich über rechte Kreise im Internet verbreitet. Der hat man zu dieser Zeit einfach alles zugetraut, als wäre sie der Teufel in Person. Und dann ist jemand von North Carolina mit seiner Knarre mehrere Stunden nach Washington gefahren, ist rein in die Pizzeria, hat ein Schloss aufgeschossen und wollte misshandelte Kinder befreien. Am Ende hat er sich relativ schnell festnehmen lassen.

Gibt’s die Pizzeria heute noch?
Ja, zum Glück, wir waren auch wieder da bei unserem letzten Besuch in Washington. Ein toller Laden, die Tische sind ausgesägte Tischtennisplatten, daher auch der Name „Comet Ping Pong“. Auf den Monitoren laufen Tischtennisspiele, die Kids haben jede Menge Platz zum Toben, es gibt gute Pizza, tolles Craft Beer und die Stimmung ist so großartig, dass meine Frau ihren 40. Geburtstag da gefeiert hat.

Ihr Buch macht Donald Trump dem Leser nicht sympathischer, wohl aber seinen Erfolg nachvollziehbarer.
Diese Erkenntnis habe ich bei meiner Reise durchs „Anderland“ gewonnen. Seine Wahl ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wir Deutsche machen es uns ein bisschen zu einfach, und Trump macht es uns ja auch leicht, ihn zu kritisieren. Aber wenn man mal dieses ganze Getöse, diese polternde, ungehobelte, teilweise proletenhafte Art wegnimmt, dann macht er pragmatisch doch vieles, was in den Augen seiner Anhänger ankommt. Viele sagen auch: er hätte es ja gar nicht nötig gehabt zu kandidieren, sondern jeden Tag golfen können. Aber er macht diesen Job, weil er sein Land liebt und etwas dafür tun möchte.

Die Wahl hat ja für Sie persönlich die Rückkehr nach Deutschland markiert. Frust oder Freude für einen ehemaligen USA-Korrespondenten?
Ich verhehle gar nicht, dass USA-Korrespondent seit dem Volontariat immer mein Traumjob war. Und es waren tatsächlich drei unfassbare Jahre, gerade mit diesem Wahlkampf und den Wahlen. Beruflich und privat eine tolle Zeit.

Sind Sie froh, dass Ihre Kinder jetzt nicht in einem Land aufwachsen, dessen Präsident Rücksichtslosigkeit, Frauenverachtung, Rassismus, Lügen und Beleidigungen vorlebt?
Nach der Wahl sagten viele Eltern an der Grundschule meiner Kinder in Washington: wir versuchen, unseren Kindern Toleranz zu predigen, Rücksichtnahme und Verständnis beizubringen. Und dann schafft es jemand mit den gegenteiligen Attributen bis ins höchste Amt des Landes. Welche Botschaft sendet das aus? Aber wenn wir geblieben wären, hätten meine Kinder auch gesehen, welche Reaktionen es darauf gibt, dass man sich engagiert und sagt: Hey, wir müssen was tun für das Land, das wir haben wollen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, der Widerstand sei weiblich.
Viele Frauen in den USA fühlen sich angestachelt von diesem Präsidenten. Es bewerben sich so viele Frauen wie noch nie um Kongressmandate, regionale Abgeordnetenstellen und Bürgermeisterämter, weil sie meinen, dass Protest allein nicht reicht, sondern dass sie aktiver werden und dagegenhalten müssen.

Für welche Partei wäre Trump angetreten, wenn er sich in Deutschland zur Wahl gestellt hätte – die AfD?
Sein Motto war ja „America first“, und die AfD hat unausgesprochen „Deutschland first“ auf ihre Fahnen geschrieben. Insofern gibt’s da schon Parallelen.

In etlichen Ländern, nicht nur den USA, gibt es eine Tendenz, die Demokratie quasi von innen auszuhöhlen, indem demokratisch gewählte Machthaber demokratische Grundregeln missachten oder außer Kraft setzen. Russland, Türkei, Polen, Ungarn…
Ich glaube, dass das Modell der liberalen Demokratie, wie wir sie uns vorstellen, unter Druck gerät. Wenn in Polen die Unabhängigkeit der Justiz von einer legitim gewählten Regierung geschliffen wird und die Mehrheit der Bevölkerung das auch noch befürwortet, frage ich mich schon, was denn am Ende übrig bleibt. Wir leben in einer Phase, in der sich viele Leute wieder auf autoritäre Tendenzen zurückziehen. Dahinter steckt eine Wagenburgmentalität mit dem Bedürfnis, mal wieder für Ordnung zu sorgen und die Zugbrücke hochzuziehen. Das ist durchaus eine Parallele zwischen den USA und Europa. Die Gefahr für eine Demokratie ist heute nicht der Staatsstreich, der Angriff von außen, sondern das Ausnutzen demokratischer Mittel, um die freie liberale Demokratie in die Schranken zu weisen.

Der Irrwitz des Donald Trump ist so alltäglich geworden, dass Sie in Ihrem Buch vom „new normal“ schreiben. Gewöhnen wir uns an das vor zwei Jahren noch Undenkbare?
Das ist in der Tat das Problem. Einerseits kann man sich zwar nicht ständig aufregen, andererseits fängt man irgendwann an zu sagen: Naja, so ist das halt oder so ist der halt. Das gilt ja teilweise auch für Europa. Und irgendwann ist eine Grenze verschoben, die man nicht mehr zurückschieben kann. Plötzlich sind Sachen möglich, bei denen man früher vor Empörung geschrien hätte. Es gibt aber Dinge, bei denen man sich empören muss.

Zum Beispiel?
Wenn Trump nicht nur die freie Presse, sondern auch die Justiz in Frage stellt und die Leute denken, da habe er ja eigentlich Recht, hat das einen Effekt: Es untergräbt das Vertrauen in die Institutionen. Eine gewisse Grundskepsis ist notwendig und auch gesund in einer Demokratie, aber wenn es vom obersten Repräsentanten dieser Demokratie kommt, ist es schon sonderbar.

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