Streitbar : Der Tod der Jugendidole

Wir erinnern uns nicht an Filme, Helden oder den Geschmack eines Mixgetränkes, wir erinnern uns an ein Lebensgefühl, analysiert Jan-Philipp Hein.

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14. Juni 2015, 09:30 Uhr

Kennen Sie das? Dass das ganze Leben in Haptik-Schubladen gesteckt wird? Abschnitt für Abschnitt. Nach Umzügen, Partnerschaften, Freundschaften. Dass man Jahre nach einer großen Liebe zwar noch den Geruch ihres Hausflures präsent hat, sich aber an die Augenfarbe der Schönen nicht mehr erinnern kann und auch noch einen Moment braucht, um auf ihren Namen zu kommen? Dass allein das Geräusch einer anfahrenden U-Bahn in einem Spielfilm sofort Heimatgefühle weckt? Dass man wehmütig wird, wenn im Nachtprogramm eine Uraltfernsehserie wiederholt wird und man sich nicht gedanklich auf die Handlung einlässt, sondern auf den Lebensabschnitt, in dem man die Folgen zum ersten Mal gesehen hat?

Bestimmtes Essen, Musikstücke, Bücher, Kneipen, Filme, Schauspieler oder Weggefährten, die nicht unbedingt Freunde fürs Leben sein müssen, können zu gedanklichen Ankern werden, zu Symbolen, die immer wieder aufpoppen, wenn es um bestimmte Phasen des eigenen Lebens geht.

Manche dieser Symbole sind sterblich. In diesen Tagen wird viel gestorben. Pierre Brice wurde 86 Jahre alt, James Last auch. Elisabeth Wiedemann 89. Die alte Dame war die letzte Überlebende eines wunderbaren Ensembles, dem auch Diether Krebs, Hildegard Krekel und natürlich Heinz Schubert alias „Ekel Alfred“ angehörten.

„Ein Herz und eine Seele“ gehörte zur Hochphase des Lagerfeuer-Zeitalters des Fernsehens, als „Content“ nicht „on demand“ abgerufen wurde, sondern eine Familie sich vor dem damals noch sündteuren Kasten versammelte, um die Kleinbürgersatire gemeinsam zu sehen ... man hatte ja auch nicht überall „Devices“, mit denen man „Das Erste“ oder das dritte Programm empfangen konnte. So musste man auch, um Pierre Brice als Winnetou zu sehen die ARD konsultieren oder gleich nach Bad Segeberg reisen.

Die Idole dieser Zeiten lebten in Büchern, Magazinen, dem Walkman und dem Fernseher. Stereoanlagen gab es damals auch noch. Mehr nicht. Keine Smartphones, kein Facebook, kein Youtube. Die Ikonen dieser analogen Zeit funktionieren in der Moderne auch nicht mehr. Ihr veraltetes Betriebssystem läuft nicht auf Android, iOS und Twitter. „Ein Herz und eine Seele“ auf dem Flatscreen – naja... Lothar Matthäus war ein Held in den 80ern und ist eine Witzfigur im Jetzt. Selbst Helmut Schmidt muss vom Sockel, seit autoritäre Knochen aus der Mode geraten sind. Franz Beckenbauer... oh je. Boris Becker ist auch ins Panoptikum der tragischen Gestalten eingezogen, fängt sich aber langsam, seit er wieder als Trainer im Tenniszirkus unterwegs ist – immerhin. Gibt es die „Bravo“ noch? Kann auch weg! Ein Schatten ihrer selbst.

Die sich jetzt häufenden Todesfälle der einstigen Legenden sind der Beginn der gedanklichen Zeitreisen. Wir ziehen die Schubladen wieder auf. Sehen wir dann Ekel-Alfred seine „dusselige Kuh“ anpflaumen, schimmert durch das Kammerspiel das eigene Leben von damals durch. Wer waren wir damals, was haben wir gefühlt und gemacht als es noch zwei deutsche Staaten gab, die sich auch im Alltag radikal unterschieden – nicht nur politisch, sondern überall. Kleidung, Reinigungsmittel, neue Autos, Verwaltungstrakte – alles roch anders, klang anders, fühlte sich anders an.

Wir schrieben Poesiealben voll, jeder musste wissen, wer Antoine de Saint-Exupéry war und aus seinem Büchlein „Der kleine Prinz“ zitieren können. Heute kennt man coole Blogger auf Tumblr und hinterlässt einen Status auf der Facebookwall. Helmut Kohl und Erich Honecker waren keine Regierungschefs, sondern Naturgesetze, das Gender-I noch kein Thema, weil echte Probleme gelöst werden mussten. Das Waldsterben etwa oder das sich stetig vergrößernde Ozonloch.

Die Welt von damals, sie dreht sich heute nur noch in öffentlich-rechtlichen Spartenkanälen weiter. Seit es das Testbild nicht mehr gibt, mehr als drei Sender empfangbar sind und rund um die Uhr gesendet werden muss, ist ja Platz im Fernsehen. Jeder Depp kommt mittlerweile auf den Bildschirm. Und wenn die alle mal durch die Arena geschleift wurden, schält sich halt wieder Magnum in knallengen Jeans aus dem geliehenen Ferrari und ermittelt im hawaiianischen Paradies. Wie schön. Aber wir sind nicht dort, sondern in unseren Vorleben mit den damaligen Vorlieben, wenn wir das sehen.

Ist die Welt heute besser geworden? Natürlich ist sie das. Waldsterben? Wurde verhindert. Das Problem ist einfach erledigt. Unsere Flüsse und Seen sind sauber und nicht mehr vom Kollaps oder Umkippen bedroht. Auch das Ozonloch haut keinen mehr vom Hocker. Die Technologien haben das Leben zwar beschleunigt aber noch mehr haben sie es vereinfacht. Internet, SMS, E-Mail, Mobilfunk – welch Segen. Und dabei leben wir auch noch ressourcenschonender und umweltbewusster. Wir haben sogar Zeit für eingebildete Allergien wie Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit. Eine Gesellschaft, in der so etwas Trend wird, schwelgt im Luxus.

Aber wo sind die Ikonen hin? Ist Bastian Schweinsteiger heute das, was Franz Beckenbauer einmal war? Kann man Dirk Nowitzki mit Boris Becker vergleichen? In der individualisierten Welt sind alles überragende Persönlichkeiten selten geworden. Nicht nur Gott ist tot, auch seine Stellvertreter. Sogar der Papst deutet menschliche Züge und Fehlbarkeit an. Angela Merkel gilt als gute Verwalterin oder grundsolide Polithandewerkerin. Aber als „Lotsin“ wie einst Helmut Schmidt würde sie niemand bezeichnen. Autoritäten sind out.

Außerdem ist das Lagerfeuer aus. Der Fernseher als Spielstätte eines linearen Programms weniger Veranstalter war einmal. Alleine vor dem iPad oder einem Livestream können wir uns beim Bewundern eines Sportlers oder Schauspielers nicht mehr gegenseitig hochschaukeln. Dass noch jedes Smartphone fernsehtauglich ist und wir Serien nicht Folge für Folge im ZDF, sondern am Stück auf Netflix sehen, hat uns vom Gruppenglotzen emanzipiert. Doch für „Wetten, dass...“ und andere TV-Hochämter, die familiäre Großereignisse waren, ist jetzt eben auch kein Platz mehr.

Gleichzeitig sehnen wir uns aber nach diesem Gemeinschaftserlebnis. Wer sich sonntags ab Viertel nach acht auf Twitter im deutschsprachigen Raum rumtreibt, wird vom #Tatort-Hashtag erschlagen. Früher regten wir uns über Mitgucker auf, die jede Szene kommentierten und den Film zerquatschten, heute sind wir mit einem Auge auf dem Bildschirm und mit dem anderen auf unseren mobilen Endgeräten dabei und wollen wissen, was der Rest der Welt von den laufenden Mordermittlungen im Ersten Deutschen Fernsehen hält.

Diese Welt fühlt sich anders an. Es ist das Klicken beim Ein- und Ausschalten moderner Multimediageräte, das heute ein gedanklicher Anker sein könnte. Wenn wir die erste iPhone-Generation von vor acht Jahren sehen, denken wir an den Übergang zur atomisierten Welt, an das erstickende Lagerfeuer, das Ende der Samstag-Abend-Shows, daran, dass verwackelte Bilder und Schnee heute ruckelige Livestreams sind und Moderatorentypen wie Thomas Gottschalk nicht wiederkehren werden. So wie die Showtitanen starben Jahrzehnte zuvor bereits die Fernsehansager. Mal sehen, wer das Youtube-Zeitalter überlebt...

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