Expedition ins Eis : Der Stoff, aus dem die Helden sind

Vor dem Überlebenskampf im ewigen Eis: Fotograf Frank Hurley (l.) und Schiffsarzt Alexander Macklin an Bord der „Endurance“.
Vor dem Überlebenskampf im ewigen Eis: Fotograf Frank Hurley (l.) und Schiffsarzt Alexander Macklin an Bord der „Endurance“.

Am 21. November 1915 versank die „Endurance“ im antarktischen Weddellmeer – die Mannschaft konnte erst nach 635 Tagen gerettet werden.

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14. November 2015, 16:00 Uhr

„Männer für gefährliche Fahrt gesucht. Geringe Heuer. Bittere Kälte. Lange Monate absoluter Dunkelheit. Ständige Gefahr. Sichere Rückkehr ungewiss. Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall.“ Mit dieser Zeitungsanzeige suchte der britische Abenteurer Ernest Shackleton Anfang des 20. Jahrhunderts Freiwillige für eine Expedition in das Südpolarmeer.

Nur etwa 180 Kilometer hatten ihn wenige Jahre zuvor noch von einem Eintrag in die Geschichtsbücher getrennt. Nur zu gerne wäre er der erste Mensch gewesen, der einen Fuß auf den Südpol setzt. Doch er hatte seine Nimrod-Expedition 1909 nicht nur abbrechen, sondern am 11. März des Jahres 1912 auch noch erfahren müssen, dass ihm Roald Amundsen zuvor gekommen war: Der Norweger stand jetzt an seiner Stelle in den Geschichtsbüchern als erster Mensch am Pol.

Aber Shackleton war kein Mensch, der schnell aufgab. Wenn der Pol nun schon erobert sein sollte, dann wollte er wenigstens der erste sein, der den Südkontinent komplett durchquerte. Für eben diese „Imperiale Transantarktische Expedition“ suchte er nun Freiwillige, die bereit waren, das Martyrium auf sich zu nehmen.

5000 Bewerbungen erhielt er daraufhin. 56 Männer wählte Shackleton davon für sein Vorhaben aus. Dass er wieder scheitern würde und bald schon mitsamt seinen Männern ums nackte Überleben kämpfen müsste, konnte da noch niemand ahnen. Obwohl das Ziel mehr als nur ambitioniert war. 2900 Kilometer Eiswüste galt es in bitterster Kälte zu überwinden. Er selbst wollte mit dem Dreimastschoner „Endurance“ ins antarktische Weddellmeer vorstoßen, um dann in der Vahselbucht anzulanden und zum Pol zu marschieren, während das zweite Schiff, die „Aurora“, von Tasmanien aus in das Rossmeer vordringen sollte, um auf dem antarktischen Festland Vorratsdepots für Shackletons Expeditionstrupp anzulegen.

Das war zumindest der Plan, als die „Endurance“ am 5. Dezember des Jahres 1914 von Südgeorgien aus in See stach. Doch schon nach nur zwei Tagen geriet Shackletons Expedition erstmals in schweres Packeis. Die „Endurance“ konnte sich zwar wieder befreien und weiterfahren, doch schon bald steckte sie erneut fest.

Am Morgen des 19. Januars 1915 notierte Shackleton in das Bordbuch: „Das Eis hat während der Nacht das Schiff umschlossen. An ein Fortkommen ist nicht zu denken.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht wissen, dass das der Anfang vom Ende war. Meterdicke Eisschollen drückten unablässig gegen die Holzplanken des Schiffes und drohten es zu zerquetschen. Ganze neun Monate lang konnte die „Endurance“ diesem Martyrium standhalten, und machte dabei ihrem Namen alle Ehre, der ins Deutsche übersetzt so viel bedeutet wie „Ausdauer“. Immer wieder versuchten die Männer den 43 Meter langen Dreimastschoner mit Eissägen und Äxten frei zu bekommen. Ohne Erfolg. Am 19. Oktober 1915 schoben sich große Eisschollen unter das Schiff, woraufhin es sich in wenigen Sekunden um atemberaubende 30 Grad zur Seite neigte. Den von der Kälte und dem langen Warten zermürbten Männern wurde nun schlagartig klar, dass sie ein echtes Problem hatten, wenn auch Shackleton noch am Abend des gleichen Tages mit Galgenhumor in das Bordbuch eintrug: „Das Dinner in der Offiziersmesser war eine recht merkwürdige Angelegenheit.“

Doch die Katastrophe ließ sich nicht mehr abwenden. Am 24. Oktober begannen die Bordwände zu brechen und eiskaltes Polarwasser drang in das Innere des Schiffes ein. Am 27. Oktober war die „Endurance“ endgültig verloren. „Es fällt mir schwer, meine Gefühle niederzuschreiben“, notierte Shackleton und ließ das Schiff evakuieren, Vorräte und Ausrüstungsgegenstände auf das Eis umladen und Zelte errichten. Das Thermometer zeigte minus 22 Grad. Doch in Sicherheit waren die Männer jetzt keineswegs, denn es wurde wärmer und das meterdicke Eis schmolz. Am 21. November 1915 sank das aufgegebene Schiff endgültig.

Die Zeit drängte. Fast sechshundert Kilometer weit entfernt lag der nächste Außenposten der Zivilisation, Paulet Island, wo eine schwedische Expedition eine Schutzhütte errichtet hatte und Vorräte lagerten. „Das Land mit allen Expeditionsteilnehmern zu erreichen“, war das Ziel, das Shackleton sich steckte.

Der Kampf um das nackte Überleben hatte begonnen. Am 30. Oktober machten sich 28 Männer mit 49 Hunden auf den langen und gefährlichen Weg zurück in die Zivilisation. Die Eisschollen türmten sich meterhoch auf und versperrten ihnen den Weg. Zudem sanken die Männer bis zu den Knien in den schmelzenden Nassschnee ein. Auf diese Art gab es kein Durchkommen. Nach mehreren Versuchen mussten sie aufgeben und wohl oder übel bei bitterer Kälte im ewigen Eis kampieren – mehrere Monate lang. Doch bald schon wurden die Nahrungsmittel knapp und Shackleton ließ die Hunde erschießen, um sie nicht auch noch durchfüttern zu müssen.

Dann die nächste Katastrophe: Am 8. April 1916 zerbrach die Eisscholle, auf der die Männer ihr Camp errichtet hatten, und sie mussten sich notgedrungen in die mitgenommenen Beiboote retten. Jetzt konnten sie nur noch versuchen, mit den drei verbliebenen Rettungsbooten die nächstmögliche Zuflucht anzusteuern: „Vor diesem Hintergrund scheint es mir eine Frage auf Leben und Tod zu sein, dass wir Clarence Island oder die Nachbarinsel Elephant Island erreichen“, notierte Shackleton. Gerettet waren sie aber auch dort nicht. Auf Hilfe konnten sie nur in Südgeorgien hoffen – fast 1500 Kilometer weit entfernt.

Eines der Boote musste also mit den stärksten und motiviertesten Männern dorthin fahren, mitten hindurch durch die eisige Kälte und meterhohe Wellen, während die anderen auf Elephant-Island ihr Lager aufschlagen sollten und auf Rettung warten. Doch Shakleton gelang das Unmögliche: Er schaffte es wirklich bis nach Südgeorgien, allen Gefahren zum Trotz. Kaum angelandet, gab es allerdings schon wieder das nächste Problem: Die bewohnten Walfangstationen befanden sich auf der anderen Seite der Insel. Hier, wo Shackleton mit seinen Getreuen an Land gegangen war, lebte keine Menschenseele. Es half also alles nichts: Die ausgehungerten, halb erfrorenen und völlig entkräfteten Männern mussten die gesamte Insel zu Fuß überqueren. Doch Shackelton gab nicht auf. Am 20. Mai des Jahres 1916 hatte er es wieder einmal geschafft: Ein erster kleiner Trupp seiner gescheiterten Expedition war zurück in der wenigstens halbwegs zivilisierten Welt der Walfangstation Stromness. Es sollte allerdings noch ganze vier Anläufe brauchen, um auch die Expeditionsteilnehmer retten zu können, die auf Elephant-Island zurückgeblieben waren. Immer wieder verhinderte dickes Packeis das Durchkommen. Bis dann endlich am 30. August alle restlichen Expeditionsteilnehmer mehr oder weniger wohlbehalten, aber zumindest doch am Leben, vom zur Hilfe eilenden Shackleton und der von ihm gescharterten „Yelcho“ sicher an Bord genommen werden konnten – nach 635 Tagen im Eis.

Ernest Shackletons Expeditionstrupp der „Endurance“ verlor in der überaus gefährlichen und nahezu ausweglosen Situation nicht ein einziges Menschenleben. Die sogenannte „Ross Sea Party“, die mit der „Auroa“ die Vorratsdepots anlegen sollte, hatte allerdings drei Tote zu beklagen. Der gesamten „Imperialen Transantarktischen Expedition“, und vor allem Shackleton selbst, blieben Anerkennung, Ruhm und Ehre aber lange Zeit verwehrt, denn ihre heldenhafte Heimkehr ging in den Wirren des inzwischen ausgebrochenen 1. Weltkrieges unter.

Der britische Polarforscher Apsley Cherry-Garrard sagte später einmal bewundernd: „Für die Organisation einer Expedition gebt mir Scott. Für eine Spritztour zum Pol gebt mir Amundsen. Aber wenn ich richtig in der Klemme stecke und nicht wieder heraus finde, dann gebt mir bloß Shackleton.“

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