Pestizid-Verbot : Der stille Tod der Bienen

Am Bienensterben sind neben Parasiten auch Pestizide schuld.
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Am Bienensterben sind neben Parasiten auch Pestizide schuld.

EU-Kommission erwägt Verbot von drei Pestiziden zum Schutz der Insekten

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11. April 2017, 05:00 Uhr

Die stille Harmonie der gelb-schwarzen Insekten gibt es nur noch in alten Kinderliedern. Tatsächlich kämpfen die Bienen europaweit ums Überleben. Als im Vormonat der deutsche Imkerverband zur Jahrestagung nach Berlin lud, machten erschreckende Zahlen die Runde: Von den etwa 700 000 Bienenvölkern, die der Verband hierzulande bisher zählte, haben rund 120 000 den Winter nicht überlebt. Auch wenn daran eingeschleppte Parasiten wie die Varroa-Milbe nicht ganz unbeteiligt sind, geben viele Fachleute Pestiziden eine erhebliche Mitschuld.

Der Warnruf ist bei der Brüsseler EU-Kommission angekommen. Deren Sprecher betonte gestern gegenüber unserer Zeitung, für Präsident Jean-Claude Juncker und die übrige Kommission habe das Thema „oberste Priorität“. Konkrete Schritte werden vorbereitet: Sollten die Mitgliedstaaten zustimmen, könnten drei Pestizide, die der Gruppe der Neonikotinioden zugerechnet werden, noch in diesem Jahr verboten werden. Von den drei Präparaten Clothiandin und Imidacloprid aus dem Hause Bayer sowie Thiamethixam von Syngenta gehe ein „hohes Risiko“ für die Tiere aus, heißt es in einem Arbeitspapier der Brüsseler Behörde. Die Substanzen können seit 2013 ohnehin nicht mehr ohne Auflagen genutzt werden. Sollte der Ständige Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel, in dem die Experten der Kommission und der EU-Länder sitzen, im Mai einem formellen Vorstoß zustimmen, dürfen die Pestizide ab November 2017 nur noch innerhalb geschlossener Gewächshäuser benutzt werden.

Für die beiden Chemie-Konzerne wäre das ein erheblicher Rückschlag. „Wir lehnen den Vorschlag der Europäischen Kommission ab“, hieß es vor wenigen Tagen aus der Bayer-Zentrale. Noch läuft eine Klage, die beide Hersteller gegen das bestehende Teilverbot eingereicht haben. Die Häuser berufen sich darauf, dass es keine hinreichenden Beweise gebe, die ein Verbot begründen würden. Auch viele Landwirte hoffen, dass Brüssel sich die Nutzung weiter erlaubt, weil sie die Stoffe als Beizmittel für ihr Saatgut, aber auch als Spritzmittel während der Wachstumsphase von Pflanzen brauchen.

Bei der zuständigen EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit (Efsa) im italienischen Parma hat man bereits Risiken der drei Präparate für die Honigbienen ausgemacht. Doch ihr Schlussbericht wird nicht fertig sein, wenn die EU-Kommission im Mai möglicherweise für ein Verbot plädiert. Damit droht der Gemeinschaft nach dem Streit um die Zulassung von Genmais wohl ein weiterer monatelanger Krach der Experten.

Kritiker verweisen gerne auf Frankreich. Die dortige Regierung hatte 2016 beschlossen, die einschlägigen Substanzen ab 2018 vollständig zu verbieten. In Deutschland wie in der ganzen übrigen EU gilt ein teilweises Anwendungsverbot lediglich für Raps und Getreide.

 
 

Kommentar "Verzwickte Lage" von Detlef Drewes

Wie gut kann eine wissenschaftliche Empfehlung sein, die auf einer instabilen Datenbasis aufgebaut wurde? Vor diesem Problem werden die Experten der Mitgliedstaaten und der EU-Kommission wieder stehen, wenn sie über das Verbot der Pestizide zum Schutz der Bienen entscheiden müssen. Es stimmt: Die Fachleute der EU-Agentur haben hinreichende Hinweise dafür gefunden, dass die drei Neonikotinoide die Insekten nicht nur schädigen, sondern je nach Art der Aufnahme auch töten. Nichtstun wäre fatal. Möglicherweise aber ebenso schicksalhaft wie der Verzicht auf Pestizide, die seit 30 Jahren die Nutzpflanzen vor Schädlingen schützen? Eine sachgerechte Diskussion ist ohne belastbares Datenmaterial nicht machbar. Die Kommission muss sagen, was Sache ist. Eine gute Lösung ist das nicht.

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