Friedrich Wilhelm Raiffeisen : Der Revolutionär der Solidarität

Andenken an einen wichtigen Sozialreformer: Eine Stele steht vor dem Fachwerkhaus in der Raiffeisenstrasse in Weyerbusch, in dem Friedrich Wilhelm Raiffeisen am 30. März 1818 geboren wurde.
Andenken an einen wichtigen Sozialreformer: Eine Stele steht vor dem Fachwerkhaus in der Raiffeisenstrasse in Weyerbusch, in dem Friedrich Wilhelm Raiffeisen am 30. März 1818 geboren wurde.

Er beendete eine Hungersnot und kämpfte gegen Ausbeutung: Vor 200 Jahren wurde Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren, der Gründer der Genossenschaft.

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24. März 2018, 16:00 Uhr

Im Anfang war das Backhaus. Und ein junger Bürgermeister, der sich der Obrigkeit widersetzt und hungernden Kindern und ihren Eltern hilft. Das Backhaus in dem kleinen Westerwald-Ort Weyerbusch ist ein schlichter Fachwerkbau, eher eine Hütte, aber es wird zum Symbol für eine Bewegung: Die Genossenschaften.

Der junge Bürgermeister heißt Friedrich Wilhelm Raiffeisen, am 30. März 1818, also vor 200 Jahren, im Westerwald geboren. Wie bei vielen gibt es auch bei ihm diese eine Tat, die wie ein Schlüssel zu seinem Leben passt: Er lässt das Backhaus bauen, besorgt Mehl und beendet eine Hungersnot, die wir uns heute kaum vorstellen können. Solche Wohltaten gibt es oft in seiner Zeit der industriellen Revolution und eines zügellos wuchernden Kapitalismus. Doch Raiffeisen belässt es nicht bei Almosen und kurzer Hilfe. Er entwickelt ein praktisches System gegenseitiger Hilfe, er schreibt Statuten für die Solidarität, die ohne Gewalt und Umsturz auskommen. Man könnte diesen Mann einen friedlichen Revolutionär der Solidarität nennen.

Aus dem Backhaus wächst der „Weyerbuscher Brodverein“, danach entstehen Hilfsvereine in Flammersfeld, die Darlehnskasse in Heddesdorf, schließlich Vereinigungen, Zentralkassen, eben die Organisationen, die die Unesco vor kurzem zum Welterbe erklärte: In Genossenschaften verbünden sich heute über 20 Millionen Menschen in Deutschland – und fast eine Milliarde weltweit.

Wer ist dieser Friedrich Wilhelm Raiffeisen? Geboren wird er im selben Jahr wie Karl Marx, der heute ungleich prominenter ist – obwohl er als Verlierer in die Geschichte eingegangen ist. Raiffeisen wächst unter einfachen Verhältnissen im Westerwald auf, kann nicht einmal die Höhere Schule besuchen, meldet sich deshalb schon mit 17 zum preußischen Militär, aber muss vorzeitig die Uniform ausziehen wegen eines Augenleidens. Preußen behält den entlassenen Unteroffizier im Staatsdienst und gibt ihm ein Bürgermeister-Amt. Schon nach wenigen Monaten setzt Raiffeisen seine Karriere aufs Spiel, eben im Backhaus-Eklat, in dem schon seine Lebensstrategie deutlich wird: Er beweist Zivilcourage, indem er sich widersetzt.

Das Mehl fürs Backhaus soll nach Weisung des Landrats nur der bekommen, der bezahlen kann: Nur, wie sollen die Armen zahlen, die nichts haben? Dem Rauswurf und dem Karriereende wegen Subordination entgeht er mit einer List: Er lässt die Wohlhabenden seines Dorfs eine Kommission gründen, die Mikro-Kredite für die Armen finanzieren.

Diese List prägt fortan sein Wirken: Raiffeisen flicht um sich ein Netz von meist vermögenden Gleichgesinnten und nutzt Lücken im System von Staat und Wirtschaft; wird eine Lücke geschlossen, schlüpft er durch die nächste. Er bekommt mächtige Gegner wie Schulze-Delitzsch, der in Sachsen auch Genossenschaften gründet, einflussreich als Abgeordneter im preußischen Reichstag sitzt und sich zum Konkurrenten erklärt. Aber er hat ebenso einflussreiche Freunde wie den Fürsten zu Wied, der nebenan im Neuwieder Schloss auf den Rhein schaut und in Berlin Audienzen bei Kronprinz und Kaiser bekommt.

Er kämpft gegen die Wucherer, gegen Ausbeuter in den Fabriken und wettert: „Eine gewisse Sorte von Menschen vernichtet Existenz nach Existenz und bedroht das Bestehen der ganzen menschlichen Gesellschaft auf das Ernsteste.“ Demokratie führt er in die Wirtschaft ein, ohne das Wort in den Mund zu nehmen: Jeder in einer Genossenschaft spricht mit, entscheidet ohne Ansehen der Person und hat eine Stimme, unabhängig vom Wert seines Vermögens. Die Genossenschaft bildet heute immer noch die einzige bedeutende Unternehmensform, die Demokratie verwirklicht – auch mit allen Nachteilen, denn die Mehrheit trifft nicht immer die klügsten Entscheidungen.

Raiffeisen will mit seinem Darlehnskassen-Verein in Heddesdorf auch entlassenen Strafgefangenen helfen und Kindern in Notlagen, er will Bibliotheken gründen, um die Bildung auf dem Land zu heben – doch die Mitglieder bremsen ihn aus, Raiffeisen muss sich der Mehrheit beugen. Auch dem autoritären Staat sind die Genossenschaften ein Dorn im Auge: Ihm ist suspekt, wenn sich Menschen ohne seinen Segen zusammenschließen und demokratische Verfahren ausprobieren.

Raiffeisens Denken strahlt aus bis in unsere Gegenwart: Er entwirft einen alternativen Kapitalismus, der nicht aus einem gewaltsamen Umsturz ersteht, sondern auf Vertrauen und Hilfsbereitschaft gründet. Den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen, das lehrt Raiffeisen: Statt grenzenloser Konkurrenz und Zerstörung, heute als Disruption gefeiert, statt Ellenbogen und Egoismus holt er das Robin-Hood-Prinzip wieder ins Leben der Gesellschaft: Einer für alle, alle für einen.

Raiffeisen will die Kluft zwischen Arm und Reich beseitigen: Genossenschaften sorgen dafür, dass Eigentum breit gestreut wird, Konkurrenten sich als Partner begegnen und verbindliche Kontrolle eine Pleite fast unmöglich macht. Wahrscheinlich steht deshalb die Blütezeit der Genossenschaften noch vor uns – in der Solidarität der Bürger, in der globalen Gesellschaft des Teilens, der „sharing economy“.

Raiffeisen ist ein Kämpfer, der viel ertragen muss: Seine Frau stirbt früh nach der Geburt des siebten Kindes; drei seiner Kinder sterben in den ersten Monaten; er selber ist oft krank und wird vorzeitig in den Ruhestand geschickt mit einer schmalen Pension. Er kann nicht mehr lesen, muss alles diktieren: Seine älteste Tochter Amalie, die sich in seinen Assistenten verliebt, darf nicht heiraten, er braucht sie als seine Sekretärin.

Er kämpft gegen die Politiker, die ihm das Leben schwer machen: Genossenschaften dürfen nicht als eigenständige Unternehmen auftreten. Erst 1867, zwei Jahre nach Raiffeisens Pensionierung, erlässt der Reichstag das erste Genossenschafts-Gesetz. Endlich ist es einfach, eine Genossenschaft zu gründen – und bleibt es bis heute. Nach einer Änderung von 2006, die das Genossenschafts-Recht auf die EU ausrichtete, müssen sich in Deutschland nur noch drei Leute für eine Gründung zusammenschließen und füreinander haften wollen.

Wie oft bei großen Persönlichkeiten entdeckt man bei Raiffeisen eine Unbekümmertheit und einfache Menschenliebe, gepaart mit einem bedingungslosen Gottvertrauen: Müssten nicht alle Menschen edel sein, freundlich und gut, hilfsbereit, gerecht und verantwortungsvoll? In seinen letzten Lebensjahren, da er fast erblindet ist, entwirft er noch einmal Statuten, aber diesmal für einen Laien-Orden. Zur Gründung dieses Caritas-Ordens kommt es ebenso wenig wie zur Verleihung der Ehrendoktor-Würde, gedacht für die Feier zum 70. Geburtstag. Wenige Tage vorher stirbt er, den seine Wegbegleiter „Vater Raiffeisen“ nennen.

Raiffeisen heute
Unter dem Namen Raiffeisen sind heute mehr als  330 000 Unternehmen zusammengefasst, die sich weltweit mit landwirtschaftsnahen Produkten und Finanzdienstleistungen befassen, und zwar in den Geschäftsbereichen Banken, Genossenschaften, Verbände und Immobilienmakler.
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