Fruchtpüree für Kinder : Der Quatsch mit den Quetschies

Extraportion Vitamine?Kinder sollten Obst lieber essen - und nicht nuckeln.
Extraportion Vitamine? Kinder sollten Obst lieber essen – und nicht nuckeln.

Die kleinen Beutel mit Obstmus sind bei Eltern beliebt - aber ungesund.

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04. März 2018, 09:00 Uhr

Nein, den Lolli, der dekorativ an der Supermarktkasse liegt, bekommt der quengelnde Einjährige nicht. „Kein Naschi“, bestimmt seine Mutter. Kaum hat sie bezahlt, gibt es aber etwas anderes: einen „Quetschie“ – einen Plastikbeutel mit Fruchtpüree, das sich herrlich in den Mund drücken lässt. „Eine Portion Obst“ steht auf der bunten Tüte. Dass der Kleine sich aber vor allem gerade eine ordentliche Portion Zucker reindrückt, ahnt Mama nicht.

Quetschbeutel – kurz Quetschies – sind enorm angesagt. Dutzende Hersteller bieten neben püriertem Obst auch Gemüse, Pudding, Quark und Getreidebrei in den Beutelchen an. Und Eltern greifen gern zu.

Schließlich sind die Tüten äußerst praktisch: in kleinen Portionen verpackt und wiederverschließbar, drückt man sie dem Kind einfach in die Hand, statt Äpfel zu schnibbeln, bei denen sich die Lütten womöglich über die Schale oder das unterwegs braun gewordene Fruchtfleisch beschweren. Zudem versprechen die Päckchen eine Extraportion Vitamine.

„Viele Eltern halten Quetschies für gesund“, erklärt Ernährungsexpertin Selvihan Koç. „Sie denken, sie täten ihrem Kind etwas Gutes.“ Doch das ist ein Irrglaube. Der Hinweis „ohne Zuckerzusatz“, mit dem viele Hersteller werben, bedeutet nämlich lediglich, das kein Zucker zusätzlich hinzugefügt wurde.

Die Tütchen enthalten aber schon per se Fruchtzucker – und das in rauen Mengen. „Gerade Quetschies haben einen hohen Fruchtzuckergehalt, denn sie enthalten viel größere Obstmengen, als ein Kind auf einmal essen würde“, erläutert Selvihan Koç.

Bis zu 15 Gramm fruchteigenen Zucker nascht das Kind mit einem Quetschbeutel weg – und damit so viel wie fünf Würfelzucker. Dafür aber enthalten die Päckchen weniger Vitamine und Mineralstoffe als frisches Obst. Stattdessen sind in manchen noch Aromen und Zusatzstoffe enthalten.

Außerdem ist der Spaß schlecht für die Zähne, denn diese werden durch das Saugen vom Matschobst umspült – die Gefahr für Karies wächst. Und noch aus einem weiteren Grund ist es besser, Obst zu essen als zu trinken. „Kauen ist wichtig für die Speichelbildung und die Ausbildung der Kiefermuskulatur“, betont Selvihan Koç. So stehe das viele Nuckeln an Trinkflaschen oder Quetschbeuteln im Verdacht, mitverantwortlich für Sprachstörungen zu sein.

Und noch ein negativer Nebeneffekt lässt sich bei Quetschies beobachten: Abgesehen davon, dass sie relativ teuer sind und viel Verpackungsmüll produzieren, verführen sie Eltern dazu, ihren Kindern diese ständig zwischendurch in die Hand zu drücken. Dabei ist das so beliebt gewordene Snacken – hier eine Reiswaffel, da ein bisschen Saft – Unsinn.

„Essensfreie Zeiten sind wichtig, damit Mahlzeiten vom Kind bewusst wahrgenommen werden. Ständig zwischendurch zu essen kann auch ein Türöffner für Übergewicht sein“, erklärt Selvihan Koç. Quetschies hält sie daher für unnötig. „Sie sollten eine Ausnahme bleiben.“ Also: Lieber Geld sparen, der Gesundheit dienen – und Äpfel schnibbeln.

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