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Berlin/Schwerin : Der Mann, der Lenins Geheimnis kannte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Nachricht und ihre Geschichte

svz.de von
erstellt am 01.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Die einen haben es in der DDR-Hauptstadt noch selbst in Augenschein genommen. Die anderen sahen zumindest den (nachgebildeten) Kopf des Monuments in „Good Bye, Lenin!“ aus dem Bild schweben – als Symbol für das Ende des Arbeiter- und Bauern-Staates. 2003 wurde der Film mit Daniel Brühl und Katrin Sass in den Hauptrollen uraufgeführt – und dann wurde es für ein Dutzend Jahre wieder still um das Berliner Lenin-Denkmal, das schon 1991 vom Sockel geholt worden war.

Doch jetzt ist es wieder da, oder richtiger: Der Kopf des Granit-Monuments wurde wieder ausgegraben – unter mysteriösen Umständen und an einem bis dahin geheim gehaltenen Ort, wie Anfang September deutschlandweit und auch in unserer Zeitung gemeldet wurde.

Jörg Haase kann darüber nur lächeln – denn er wusste von Anfang an, wo der Berliner Lenin zu finden war. Der 64-Jährige, der mittlerweile in Langen Brütz unweit des Schweriner Außensees zu Hause ist, leitete zu Wendezeiten das Forstamt Treptow, zu dem die Reviere im Südosten Berlins gehörten, darunter auch das, in dem jetzt Lenins granitene Überreste ausgegraben worden sind.

Im September 1991 hatte der Berliner Senat beschlossen, das denkmalgeschützte Lenin-Monument im Ostteil der Stadt zu entfernen. Der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) wollte in seiner Stadt kein Symbol einer „Diktatur, in der Menschen verfolgt und ermordet wurden“, haben.

Auch Jörg Haase hegt „keine großen Sympathien“ für Lenin: „Ich habe mit knapp elf Jahren die Teilung meiner Heimatstadt Berlin miterlebt“, erklärt er. „Die Mauer ging mitten durch die Familie: Mein Vater hatte drei bedeutend ältere Schwestern, die schon lange im Westteil der Stadt lebten – und plötzlich waren sie für uns unerreichbar.“ Das hätten Lenin und seine Erben zu verantworten gehabt, meint der bis heute für die Berliner Forstbehörde als Sachverständiger arbeitende Haase. Allerdings ist er auch davon überzeugt: „Als geschichtliches Dokument seiner Epoche hätte Lenins Denkmal einen anderen, angemessenen Umgang verdient.“

Es war 1991, so erinnert Jörg Haase sich, ausdrücklich gewollt, dass dieses Relikt der DDR zwar aus dem Berliner Stadtbild verschwand, aber auf ehemaligem DDR-Territorium blieb. Bereits im Frühjahr jenes Jahres seien deshalb die drei Forstamtsleiter im Ostteil der Stadt gefragt worden, ob sie Möglichkeiten zur Einlagerung des Denkmals hätten.

Die Leiterin des Forstamtes Buch, zu deren Verantwortungsbereich die einst zur Abwasserreinigung genutzten Berliner Rieselfelder gehörten, schlug vor, Lenin in einem Sumpfloch auf diesen Feldern verschwinden zu lassen. Der Köpenicker Forstamtsleiter brachte die Eichberge an der Grenze zu Erkner ins Gespräch. Er selbst, so Haase, favorisierte die Seddingrube im Revier Müggelheim. „Lange Zeit befand sich hier ein Übungsplatz der Ostberliner Volkspolizei – das ist übrigens auch der Grund dafür, dass das Gelände noch heute abgesperrt ist.“

Warum sich der Senat letztlich für „sein“ Revier entschied, weiß Haase nicht. Was er aber als Berliner natürlich mitbekam, waren die zahlreichen Proteste gegen den geplanten Abbau des Denkmals. „Damit sie nicht noch weiter ausuferten, wollte die Senatsverwaltung damals alles ganz schnell über die Bühne bringen, am liebsten binnen drei Tagen“, erinnert er sich. Das soll wohl auch Ausschreibungskriterium gewesen sei. „Ich kann das nicht belegen, aber es hieß, dass unter den Bewerbern ein Architekten-Kollektiv aus dem Osten war, das alle Schnittstellen des Denkmals kannte, weil einzelne Mitglieder schon beim Aufbau dabei waren. Den Zuschlag bekam aber eine Westfirma – und die musste dann feststellen, dass die Arbeiten viel schwieriger waren als gedacht– und deshalb auch sehr viel langwieriger…“, so Haase. Das sei beschämend gewesen und hätte den Protesten natürlich zusätzlichen Auftrieb gegeben.

Er selbst wusste, wann mit den Arbeiten begonnen werden sollte – und sei am Tag davor mit seinen drei Söhnen noch einmal zum Leninplatz gefahren, erzählt Jörg Haase. „Damit ihr später mal sagen könnt, ihr habt den Lenin noch einen Tag vorher stehen sehen“, habe er den Jungs gesagt.

Als dann als Erstes Lenins Kopf – 1,70 Meter hoch und 3900 Kilogramm schwer – abgetrennt und auf einem Tieflader abtransportiert wurde, habe er ihn in seinem Revier in Empfang genommen. Den Platz, wo Lenin seine letzte Ruhestätte finden sollte, hatte er am Rande einer früher zur Sandgewinnung genutzten, später teilweise mit Kriegsschutt wieder aufgefüllten Grube ausgewählt. „Peu à peu wurden dann dort nebeneinander auch alle anderen Teile abgelegt.“

Einmal wöchentlich sei er hinausgefahren, um nach dem Rechten zu sehen – und bemerkte schon bald, dass der vermeintlich geheime Ablageplatz längst kein Geheimnis und durch den Zaun aus DDR-Zeiten auch alles andere als gut abgesichert war. „So wie es gleich nach der Wende die Mauer-Spechte gab, gab es auch Lenin-Spechte, die sich einen Splitter als Erinnerung sichern wollten“, erzählt Haase. Jetzt, nachdem der Kopf geborgen wurde, hieß es, am linken Ohr hätte es Beschädigungen gegeben – „die stammten aus dieser Zeit“, weiß der Forstmann. Er selbst hätte seinerzeit mehrfach bei der Senatsverwaltung angemahnt, etwas zu tun. „Schickt doch mal ein paar Feuerwerker mit Dynamitpatronen“, habe er vorgeschlagen, sie hätten den Hang über den Teilen des Monuments zusammenstürzen lassen können, und alles wäre gut gewesen. Statt dessen habe man sich nach längerem Abwägen für die aufwändigere Variante entschieden und mit Lkws Sand anfahren lassen – eine meterdicke Schicht, „bei der auch den fanatischsten Andenkensammlern das Buddeln vergangenen wäre“, ist Haase überzeugt.

So musste denn jetzt, am 10. September, auch schweres Gerät anrücken, um Lenins Kopf aus vier Metern Tiefe wieder ans Tageslicht zu befördern. Der Rest seines Körpers aber bleibt in der Seddingrube – in dem Revier, das Jörg Haase noch heute wie seine Westentasche kennt.

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