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Football : Der große Zirkus ist zu Gast

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Aus der Onlineredaktion

Football ist der liebste Sport der Amerikaner. Um noch mehr Geld zu verdienen, trägt die nationale Liga Punktspiele in Europa aus. Ein Besuch.

svz.de von
erstellt am 04.Nov.2017 | 16:00 Uhr

Im vergangenen März kochte die deutsche Fußball-Seele. Der Chef von Adidas, Kasper Rorsted, fragte in einem Interview, warum man in den nächsten Jahren das Finale des Vereinspokals, seit mehr als 30 Jahren in Berlin verankert, nicht auch in Shanghai ausspielen könnte. Der Aufschrei danach war so groß, dass sich der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes veranlasst sah, dem treuesten Sponsor öffentlich zu widersprechen. Nein, verkündete Reinhard Grindel, das würde es nicht geben.

Erzählte man diese Geschichte in Amerika, die Leute würden wohl vor lauter Lachen einen Moment lang vergessen, dass Donald Trump ihr Präsident ist. Sport war drüben schon immer anders. Dort ist er das Event mit viel Bohei, eine Gelddruckmaschine. Dafür ist den Amis kein Weg zu weit. Nicht mal der über den Atlantik. Und schon gar nicht bei ihrem Vorzeigeprodukt, dem Football, der 2016 einen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro machte, vier Mal mehr als die Bundesliga. Jedes Jahr schickt die nationale Football-Liga der USA, die NFL, ausgewählte Mannschaften während der laufenden Saison nach London. Dort spielen sie reguläre Partien, in denen es um Ligapunkte geht. Als würde der FC Hansa sein Spiel morgen gegen den Karlsruher SC nicht in Rostock, sondern in New York austragen. Die Bosse der Liga firmieren das als die „NFL London Games“, die London-Spiele. Man könnte es aber auch übersetzen mit: Der große Zirkus ist zu Gast.

Den drei Stralsundern Marc, Paul und Torsten, und auch den 74 234 anderen Zuschauern im Londoner Twickenham-Stadion ist dieser Umstand wohl bewusst. Ein Blick auf ihre Karten an diesem Sonntag müsste genügen. Für das Spiel der Wikinger aus Minnesota gegen die Browns aus Cleveland haben sie im Schnitt 80 Pfund für den Eintritt bezahlt, das sind 93,22 Euro. Viel Geld sei das und man könnte das schon kritisch betrachten, sagt Marc, der die Liebe zum Football bei einem Auslandssemester in Kanada entdeckte. „Aber es ist halt auch geil.“ Paul und Torsten stimmen ihm zu. Wann könne man so was mal erleben, nur einen vergleichsweise kurzen Flug entfernt? Es ist gegen halb elf Uhr am Morgen, von der Bahnstation Twickenham zum Stadion ist es ein guter Kilometer. Der Weg führt vorbei an geklinkerten Häusern, aufgereiht wie Soldaten beim Morgenappell, typisch englisch, jedes von ihnen hat einen kleinen Vorgarten. Lokale Händler verkaufen am Straßenrand Bratwurst, Bier und Fanartikel von den Mannschaften der Liga. Sie wollen teilhaben am großen Geschäft. Doch außerhalb des Stadions, der großen Manege, lässt sich nur schwer etwas verdienen. Die NFL hat um das Stadion einen Kreis gezogen, mit Gittern abgesperrt. Damit wollen sie das Tailgating nachahmen. Vor jedem Football-Spiel in den USA treffen sich die Fans auf Parkplätzen in der Nähe der Arenen, um sich bei Bier und Fleisch auf die Partie einzustimmen. Jeder bringt mit, was er will. In London gibt es den Eintritt zum Tailgating nur mit bereits bezahlter Karte. Mit reinnehmen darf man nichts.

Die abgesteckte Zone betreten, holen sich Marc, Paul und Torsten als erstes ein Bier. Wer keine Lust auf Scheine und Münzen hat oder zu faul war, den Euro in Pfund zu tauschen, der legt nach dem Bestellen einfach die Visa-Karte auf das Lesegerät und die umgerechnet 20 Euro für drei 0,6er-Biere sind bezahlt. Visa ist Premium-Sponsor der London-Spiele. Auch sonst ist alles choreografiert. Muss es auch. Die Organisatoren hatten den Fans geraten, gleich um 9.30 Uhr zu kommen, immerhin sei der Anstoß schon um 13.30 Uhr. Es gäbe viel zu entdecken. Auf der großen Bühne interviewt der Moderator ehemalige Spieler der Wikinger und der Browns, die extra eingeflogen wurden. Wer sich sportlich betätigen will, der kann auf einem Stück Kunstrasen sprinten, 40 Yards, genau 36,6 Meter, auf dieser Strecke wird in den USA die Schnelligkeit angehender Football-Spieler getestet. Oder man kann den Football, dieses lederne Ei, in ein bestimmtes Ziel werfen. Und sie verkaufen Fanartikel aller 32 Mannschaften der Liga, obwohl nur zwei von ihnen da sind; an einem überdimensionierten Stand, der mindestens 20 Meter lang ist, vor dem die Schlange erst kleiner wird, als das Spiel kurz vor dem Anpfiff steht. Marc, Paul und Torsten überlegen kurz, sich nicht auch etwas zu kaufen. Dann sagt Marc: „Kriege ich im Internet billiger.“

Im Stadion selbst liegen auf vielen der Sitzschalen Fahnen der Cleveland Browns und Tüten mit dem Logo der NFL, darauf ein langer Text, wie man sich bei den Nationalhymnen der USA und Englands verhalten solle. Hochhalten, dann nämlich entstünde ein schönes Bild. Und tatsächlich, die Minuten mit den Hymnen sind die emotionalsten Momente; die beiden Lieder live gesungen, jeder Zuschauer steht, ein Chor aus tausenden Kehlen.

Danach? Folgen fast drei Stunden Football. So lange dauert ein Spiel im Schnitt, vier Viertel á 15 Minuten, immer wieder unterbrochen durch die Schiedsrichter, die ihre Entscheidungen den Fans per Lautsprecher verkünden, Auswechslungen, Verletzungen. Ein richtiger Spielfluss, eine gewisse Dramaturgie, entsteht nur schwer. Wahrscheinlich der Grund, warum die Fans während des Spiels immer wieder aus dem Innenraum des Stadions gehen; für die nächste Zigarette, das nächste Bier, die nächste Tüte Popcorn. Womöglich ist Football deshalb ein Sport, der vor dem Fernsehen besser funktioniert. Vor allem für die NFL. Pausen in der Partie, das bedeutet Werbung auf den Bildschirmen.

Ach so, und das Spiel: War unterhaltsam. Spannung bis kurz vor Schluss. Die Wikinger besiegten die Browns mit 33 zu 16. Im nächsten Jahr wollen Marc, Paul und Torsten wiederkommen.

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