Nachruf : „Der Größte, der Beste“ – der Rebell

Triumph: Herausforderer und Ex-Weltmeister Sonny Liston (USA) liegt schwer getroffen am Boden.  Fotos: dpa
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Triumph: Herausforderer und Ex-Weltmeister Sonny Liston (USA) liegt schwer getroffen am Boden. Fotos: dpa

Er war DER Boxer. Ästhet im Ring. Großspurige Sprüche, Entertainer. Vor ernsten Themen duckte sich Muhammad Ali nicht weg. Am Wochenende starb er. Der Mythos bleibt.

svz.de von
05. Juni 2016, 21:00 Uhr

Mit einem roten Fahrrad hat alles begonnen. Als dem zwölfjährigen Cassius Clay, wie Muhammad Ali damals noch hieß, in seiner Heimatstadt Louisville sein neuer Drahtesel geklaut wurde, hatte er nur einen Wunsch: Den Dieb prügelst du windelweich! Vom Polizisten, dem er sein Leid wegen des Diebstahls klagte, bekam er den Tipp: Versuch’s doch mal mit Box-Training. Gesagt, getan.

Fortan setzte der talentierte Ali unter Anleitung seine Fäuste ein. Sechs Jahre später war er Olympiasieger, weitere vier Jahre darauf Weltmeister bei den Profis im Schwergewicht. Da war Ali längst klar: „Ich bin der Größte!“ Der Fahrraddieb war längst vergessen. Der Leitspruch „I am the Greatest“ wurde erst belächelt, später beklatscht. Er hat zwar ein großes Maul, hieß es, aber er hat recht mit seiner Selbsteinschätzung: Er ist tatsächlich der beste Boxer.

Und er wurde zu einer Stimme der Unterdrückten, der Diskriminierten. Selbst die Schüttellähmung, die ihn später in den Rollstuhl zwang und ihn nicht mehr zu Wort kommen ließ, änderte nichts an seinem Mythos als bedeutendste Sportpersönlichkeit. Als er 1996, schwer gezeichnet von der Krankheit, das Olympiafeuer in Atlanta entzündete, war die Welt gerührt.

Muhammad Ali war „Sportler des Jahrhunderts“. Seinen Namen kennen sogar Kinder, die ihn niemals boxen sahen. Sie alle trauern nun um „The Greatest“. Am Wochenende starb er in einem Krankenhaus bei Phoenix an einer Blutvergiftung infolge der Parkinson-Krankheit, die 32 Jahre zuvor bei ihm diagnostiziert worden war. Er hinterlässt neun Kinder, viermal war Ali verheiratet gewesen.

Rumble in the Jungle

Einige seiner Kämpfe werden der Welt für immer im Gedächtnis bleiben. Video-Aufzeichnungen von früher werden wie Kunstwerke zelebriert.„Rumble in the Jungle“ und „Thrilla in Manila“ sind Begriffe, die Sportfans rund um den Erdball noch heute zum Schwärmen bringen. Ali war ein Künstler im Ring. Sein leichtfüßiger Kampfstil und die einzigartigen Reflexe machten ihn weltweit zum Mythos.

„Seine Taktik war für die Gegner überraschend. Er verfügte über eine einmalige Technik und eine extreme Schnelligkeit“, sagt Box-Manager Wilfried Sauerland über Ali, den er einige Male traf. Siege über Sonny Liston, Joe Frazier, Ken Norton, George Foreman wurden weltweit bejubelt. „Ich habe die Welt durchgeschüttelt“, verkündete er nach dem erstmaligen Gewinn des WM-Titels.

Der in der DDR aufgewachsene frühere Schwergewichtsboxer Axel Schulz erinnert sich: „Ich hatte als Knirps vom Boxen noch keine Ahnung. Aber meine Eltern haben mich nachts zum Fernsehen geweckt und gesagt: Ali boxt. Das war riesig.“

Alis Anziehungskraft resultiert aber nicht nur aus seiner einmaligen sportlichen Brillanz. Der Mann hatte Charisma, konnte die Menschen in seinen Bann ziehen. Er war Top-Verkäufer in eigener Sache, ein unvergleichliches Marketing-Talent. Er war vorlaut, ließ manchmal kein gutes Haar an seinen Gegnern.

Ali eckte an

Ali spaltete mit seinen Wortschwall-Attacken, war ein Narziss, zog im konservativen Amerika auch Hass auf sich. Dazu trug bei, dass er 1964 zum Islam übertrat und seinen, wie er sagte, Sklavennamen Cassius Clay ablegte. Den Mächtigen bot er die Stirn. Rassismus und Vietnam-Krieg prangerte er an, opferte dafür sogar einen wesentlichen Teil seiner Karriere. Weil er den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte, wurde er knapp drei Jahre gesperrt. Legendär seine Aussage: „Ich bin nicht im Streit mit dem Vietcong. Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt.“

Viele sagen: Er hätte früher aufhören müssen mit dem Boxen. Erst 1981 nach einer erschütternden Niederlage gegen den Kanadier Berbick war Schluss. Dass die Parkinson-Krankheit auf Kopftreffer zurückzuführen ist, wurde nie bewiesen. Vermutlich hat das Boxen sie aber begünstigt.

Alis Credo: „Du wirst eines Tages sterben. Also sei bereit, um in den Himmel zu gehen und um ewig glücklich zu leben.“

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