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Hans-Dietrich Genscher : „Der glücklichste Augenblick meines politischen Weges“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher über die Flüchtlinge in der Prager Botschaft, schwierige Verhandlungen mit der DDR und die Hoffnung auf Gorbatschow

svz.de von
erstellt am 30.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Über die Situation rund um die Prager Botschaft im September 1989 mit all ihren Schwierigkeiten sowie den damit verbundenen politischen Hoffnungen und Gefahren sprach Rasmus Buchsteiner mit dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Herr Genscher, wie haben Sie sich gefühlt, als Sie vom Balkon der Prager Botschaft den DDR-Flüchtlingen die frohe Botschaft ihrer Ausreise überbringen konnten?

Genscher: Nach den Strapazen der vorherigen Wochen und dem Verhandlungsmarathon war meine Kondition nicht die beste. Ich war aber auch tief aufgewühlt angesichts des Schicksals der Menschen vor mir. Ich war dankbar, ihnen die frohe Botschaft überbringen zu können. Es war wohl der glücklichste Augenblick meines politischen Weges. Aber auch der mit der größten Anspannung und der Sorge, es könnte doch noch etwas Unvorhersehbares geschehen.

Wie schwierig waren die Ausreise-Verhandlungen?

Sie waren ebenso schwierig wie kompliziert. Da ich am 20. Juli einen Herzinfarkt erlitten hatte, waren die Ärzte uneins über die Frage, ob ich nach New York zur UNO-Vollversammlung reisen sollte. Ich wollte nicht nur, ich musste, aus einem tiefen inneren Antrieb heraus. Der Gedanke an die immer größer werdende Zahl von Flüchtlingen in der Botschaft, an ihre Hoffnungen, an ihre Verzweiflung schenkten mir Kräfte. Ihnen zu helfen – darum ging es. Schon vorher hatte ich das Ansinnen der DDR-Führung abgelehnt, unsere Botschaften zu schließen und damit den Flüchtlingen den Weg in die Freiheit zu versperren.

War Ihnen klar, dass es sich um einen Wendepunkt handelt, der SED-Staat seinem Ende entgegensteuert?

Mir war klar, was eine in meinem Sinne positive Entscheidung für die DDR-Führung bedeutete. Sie musste genau das Gegenteil von dem tun, was sie 20 Tage vorher von der Führung in Ungarn verlangt hatte.

Wie groß war damals die Gefahr einer „chinesischen Lösung“, einer gewaltsamen Niederschlagung der Opposition in der DDR?

Diese Sorge musste jeden umtreiben. Im Grunde setzten wir alle Hoffnung auf Gorbatschow und Schewardnadse. Ich hatte im Gespräch mit DDR-Außenminister Oskar Fischer auch den Eindruck, dass die DDR-Führung ein solches Blutbad scheuen würde. In seinem Fall war ich sogar sicher, dass er dagegen sein würde.

Wann erkannten Sie, dass die Chance besteht, die Deutsche Einheit zu erreichen?

Dass die Chance besteht, war mir klar, nachdem ich zum ersten Mal im Sommer 1986 zu einem mehrstündigen Gespräch mit Gorbatschow im Kreml zusammengetroffen war. Ich sagte damals zu meinem Mitarbeiter: Wenn der das alles macht – gemeint war Gorbatschow – was er uns heute hier gesagt hat, dann haben wir zum ersten Mal eine Chance, unser großes Ziel der Einheit zu verwirklichen. Gorbatschows Weg danach verfestigte diesen Eindruck. Hier lag auch die Gefahr des großen historischen Irrtums, dem viele im Westen erlegen waren, die Gorbatschow total verkannten und damit im Begriff waren, eine historische Chance zu verspielen.

 

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