Privatsammlung : Der Duft des Ostens

Kerstin Zimmermann hat rund 1000 Parfümflakons gesammelt.  Fotos: Matthias Hiekel
1 von 4
Kerstin Zimmermann hat rund 1000 Parfümflakons gesammelt. Fotos: Matthias Hiekel

Parfüm war in der DDR etwas für besondere Anlässe. Schöpfungen wie Onyx, Désiree oder Luxus verschwanden mit dem Sozialismus. Eine einmalige Privatsammlung bietet eine Reise in die Vergangenheit.

Schwarzer Samt, Soiree, Sierra: In einer Wohnung in Radebeul mischt sich leicht-frischer mit süßlich-schwerem Duft. Mehrere raumhohe Vitrinen im ehemaligen Kinderzimmer sind mit rund 1000 Parfümflakons gefüllt, vom winzigen Probierröhrchen bis zur wuchtigen Kristallflasche. Unter dem Dach von Kerstin Zimmermann weht der Duft der DDR – von Ende der 1940er-Jahre bis 1990. „Eines der Ältesten ist ,Raffinesse‘, zu den Letzten gehört ,Frisson‘“, das in Kooperation mit französischen Parfümeuren entwickelt wurde“, sagt die 57-Jährige.

Ihre Leidenschaft für den Duft des Ostens entwickelte sich vor fast 20 Jahren, als ihr durch Zufall seltene Schöpfungen aus dem Sozialismus in die Hände fielen. „Ich hatte zuvor Miniatur-Parfüm aus dem Westen gesammelt.

„Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem die Mutter dreier erwachsener Kinder nicht auf Flohmärkten nach Raritäten aus DDR-Zeiten sucht. Auch bei Haushaltsauflösungen und Parfümbörsen entdeckt sie immer wieder faszinierende Flakons und schöne Verpackungen.


Zuletzt dominierte Johannisbeer


In ihren Vitrinen stehen liebevoll mit Stoff ummantelte, edel mit Chinaseide, Edelstein-Imitationen oder filigraner Spitze verzierte Fläschchen ebenso wie metallene Sprühdosen und Plastikflakons. Etwa 100 Marken hat Zimmermann schon ausgemacht. „Das ist sicher noch nicht alles.“ Die Vielfalt überrascht sie jedes Mal, wenn sie etwas Neues entdeckt. „Viele denken, dass es bei uns gar kein Parfüm gab oder nur Einheitsflakons.“ Ihre Sammlung zeugt vom Gegenteil. Dabei interessiert die gebürtige Dresdnerin mehr das Design als der Geruch. „Ich selbst benutze kein Parfüm“, sagt Zimmermann.

„Im Alltag waren parfümierte Frauen die Ausnahme“, berichtet die Berlinerin Dagmar Lehmann aus fast 40 Jahren Erfahrung als Drogeriebesitzerin. An Wochenenden, für Feiern oder ins Theater „wurde aber schon mal ein Wässerchen aufgelegt“.

Viele von Zimmermanns Schätzen riechen sogar noch wie früher. „Weil sie wenig natürliche Duftstoffe enthielten und statt teurer Öle synthetisch hergestellt wurden.“ Normales Parfüm dagegen kippe nach mehr als drei Jahren. Im Sozialismus sei auch beim Parfüm kopiert worden, was im Westen „in“ war. „Es gab sogar Schachteln und Kosmetiktaschen, der Duft passte zur Mode: in den 50ern pulvrig, in den 60ern mit Lavendel, die 70er und 80er wurde es dann frischer und zuletzt dominierte Johannisbeer.“


Von „Casanova“ bis „Action“


Jährlich führt sie rund 100 Besucher in ihr Refugium, meist ältere Menschen oder Designstudenten. „Die dürfen bei mir auch riechen, wenn es machbar ist.“ Manche kommen wegen der Erinnerung, erzählen ihre Geschichten. „Ein älterer Herr berichtete, am Pitralon-Rasierwasser schnuppernd, dass er sich damit einrieb, als er die Schwiegereltern in spe im Westen kennenlernen sollte, weil er verschwitzt war. „Die Tochter habe er trotzdem bekommen.

Zeugten „Rumbo“, „Tombola“ oder „Casanova“ von der Opulenz nach dem Krieg, weckten „Indisch Lotus“, „Moulin Rouge“ oder „Venezia“ später Wohlstandsträume und Sehnsucht nach Exotik. Bis die Duftwässerchen harmlosere Namen wie „Poesie“, „Chance“ oder „Action“ bekamen, um Begehrlichkeiten zu vermeiden. Einstige Verkaufsschlager wie „Idris“ und „Casino de luxe“ werden sogar noch heute hergestellt, wie Drogeriebesitzerin Lehmann sagt. „Die Kunden sind Nostalgiker jenseits der 60, die damit groß wurden“, erzählt die 61-Jährige.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen