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Streitbar : Der Bioladen ist die neue Kirche

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Religion und Familie haben als Ordnungssysteme ausgedient – heute sorgt die Ernährung für Sinn und Selbstinszenierung, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 28.Mai.2016 | 16:00 Uhr

Gilbert Keith Chesterton, der Erfinder von Pater Brown, wusste bereits früh, was passiert, wenn der Klerus seinen Aufgaben nicht mehr nachkommt: „Seit die Leute nicht mehr an Gott glauben, glauben sie an jeden Unsinn“, sagte der 1874 geborene englische Schriftsteller. Der Satz gilt immer noch. Sakrale Gebäude wie der Berliner Dom, der Hamburger Michel oder die Münchner Frauenkirche sind für die meisten nur noch pompöses Stadtmobiliar und Wahrzeichen. Sie stehen in der Gegend rum, sind nett anzusehen und einmal jährlich, meist Ende Dezember, schaut man auch mal auf einen Gottesdienst vorbei. Doch sakrale Handlungen finden heute ganz woanders statt.

Die modernen Altare stehen in den kleinen Showküchen der angesagten Restaurants. Dort werden regionale sowie natürlich saisonale Erzeugnisse geopfert. Auch der Ablasshandel wurde dahingehend reformiert, dass Öko- und Bioprodukte erheblich teurer als konventionell hergestellte Lebensmittel sind. Fürs Seelenheil zahlt man gerne etwas mehr. Und wenn Lokale in großen Buchstaben darauf hinweisen, dass ihre Köche vegane Speisen getrennt von tierischen Lebensmitteln zubereiten, wissen orthodoxe Juden und Muslime sofort, worum es geht. Koscher und halal heißen heute vegan und laktosefrei.

Die Ökobranche bedient weniger den Ernährungsmarkt, sondern ist vielmehr im Geschäftsfeld von Esoterikern unterwegs. Die Bio-Strategen statten ihre Kunden mit dem Gefühl aus, bessere Menschen zu sein, die durch ihren alternativen Konsum den Weltuntergang stoppen und dabei sogar noch das eigene Leben verlängern. Dafür waren hier mal die Kirchen zuständig. Lang ist’s her.

Es ist jedoch ein Irrtum, deren Niedergang als Zeichen einer Säkularisierung der Gesellschaft zu deuten. Die religiöse Sphäre hat sich lediglich verschoben. Sünder trennt von Ketzern das Essverhalten und nicht mehr die Einhaltung der Zehn Gebote. Die Kirche ist heute der Bioladen, der Sündenpfuhl heißt Burger King.

Jeder überzeugte Bio-Kunde weiß genau, dass seine Nahrungsmittel gesünder sind als die Industrieware der Ungläubigen, die er als weniger „bewusst“ oder weniger „achtsam“ bezeichnet. Dass keine seriöse Studie den gesundheitlichen Nutzen von Bio belegen kann, stört den Öko-Anhänger dabei ebensowenig wie Christen der Umstand, dass es unmöglich ist, die Existenz Gottes zu beweisen oder zu falsifizieren.

Als konventionell-religiöse Christen mal auf den Zug der Ernährungssekten aufspringen wollten, ging das übrigens furchtbar schief. Das Wasser „Active O2“, das die Adelholzener Alpenquellen vertrieben, sollte angeblich mehr Sauerstoff enthalten und leistungssteigernder sein als normales Wasser. Doch die notorischen „Essensretter“ von Foodwatch entlarvten den Unsinn als Unsinn. Die Adelholzener Alpenquellen, die der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul gehören, verzichten seitdem auf das O2-Tuning.

Leider ist Foodwatch nicht ganz unvoreingenommen. Während das überteuerte Powerwasser der Schwesternschaft in Ungnade fiel, stört sich die Organisation nicht an den esoterischen Richtlinien des Demeter-Verbundes, deren Umsetzung sich dessen Mitglieder ebenfalls mit drastischen Aufschlägen bezahlen lassen. Beispielsweise beziehen die sich selbst als „biologisch-dynamisch“ bezeichnenden Landwirte nach ihren übersinnlichen Regeln die Mondphasen in ihre Aussaat-Termine mit ein. Der Hokuspokus geht bei den Verbraucherschützern von Foodwatch aber in Ordnung. Die „Essensretter“ sind sogar stolz darauf, einen „Demeter-Vordenker“ unter den Wegbereitern ihrer kleinen Organisation zu haben. Kleiner Gag am Rande: Sämtliche Gewinne ihrer Wasserquelle stecken die christlichen Schwestern in soziale Projekte. So weit gehen die Demeter-Richtlinien meines Wissens nach nicht.

Um ihre teuren Nahrungsmittel zu verkaufen, setzen die Hersteller des biologisch-ökologisch-glutenfreien Vegankomplex’ bei zwei menschlichen Schwächen an, die die konventionelle Glaubensindustrie ebenfalls jahrhundertelang erfolgreich bespielt hat: Angst und Statusbewusstsein.

Essen geht uns verdammt nahe und schlägt uns sofort auf den Magen. Die biblischen Speisegebote und die entsprechenden Regeln für Muslime mögen irgendwann mal zu mehr nützlich gewesen sein, als die Kundschaft an der kurzen Leine und unter Kontrolle zu halten. Gut möglich, dass die ein oder andere religiöse Speisevorschrift in Zeiten ohne Elektroherde, Kühlschränke und Konservierungsmittel sogar vor gefährlichen Erkrankungen und dem Tod schützte. Aber mit religiösen Regeln ist es wie mit dem deutschen Steuerrecht; was einmal etabliert ist, bekommt man nicht mehr gestrichen. Religionen sind strukturell reformunfähig.

Umso skurriler, dass sich die Mitglieder der neuen Esskirchen freiwillig schon im Frühstadium ihrer Bewegungen absurden Vorschriften unterwerfen. Nehmen wir die Laktoseintoleranz. So gut wie niemand in Deutschland leidet wirklich unter der Milchzuckerunverträglichkeit. Dennoch wird in großstädtischen Cafés ungefähr jede Minute ein Latte Macchiato mit laktosefreier Milch bestellt. Warum? Es ist eine Form der demonstrativen Enthaltsamkeit, bei der man allerdings praktischerweise nicht wirklich auf große Lebensfreuden verzichtet.

Man schafft Aufwand und Komplikationen, wird beachtet und bekommt aber doch einen warmen Drink. Eine recht alltagstaugliche Religion ist die Laktoseintoleranz also für ihre vielen eingebildet Unverträglichen. Schlimmer dran sind da die Veganer – quasi die Fundis der Esskirche. Sie reden sich kein Leiden ein, sondern handeln aus echter Überzeugung – wie Salafisten – und müssen ihren Totalverzicht auf Fleisch und tierische Produkte teilweise mit Nahrungsergänzungsmitteln ausgleichen. Kein Zufall, dass sie den stärksten Missionierungsdrang verspüren.

Dafür bekommen sie als Orthodoxe natürlich auch die höchste Befriedigung. Denn sie stehen über dem Rest. Als Vertreter der reinen Lehre gibt es für sie wenig Freude beim Essen und Trinken, was aber durch das Überlegenheitsgefühl den unwissenden Normalessern gegenüber mehr als kompensiert wird. Wer das richtige isst und das durch die Wahl seiner Händler, Restaurants und Lebensmittel demonstrativ klarmacht, grenzt sich ab.

In unserer Gesellschaft ist Nahrung im Überfluss vorhanden, erschwinglich und rund um die Uhr verfügbar. Essen ist also kein triebgesteuerter Akt mehr, sondern Teil der Selbstinszenierung. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen spricht davon, dass Ernährung der Identitätsbildung diene. Er nennt nicht nur den Wegfall der Religionen, sondern auch des tradierten Ordnungssystems Familie als Ursache für den Bedarf nach Sicherheiten und Sinn an anderen Stellen. In diesem Bild gleichen die aufwendigen Speisepläne und -verbote der Generation Beziehungsunfähig das traditionelle Festessen und das Sonntagsmahl in Familien aus. Zwar kocht niemand gern für sich selbst allein und keiner kann sich die Nestwärme in seine postmoderne und urbane Single-Bude holen, doch man kann sich mit Smoothies und glutenfreien Nudeln wenigstens selbst betüdeln.

>> Ihre Meinung zur Meinung an: chefredaktion@medienhausnord.de

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