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Rendsburg : Deportiert am hellichten Tag

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Aus der Onlineredaktion

Geräuschlos verschwinden elf Menschen – ein Stadtgeschichtler entdeckt historische Aufnahmen der Deportation polnischer Juden am 28. Oktober 1938.

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Der historische Schatz liegt noch verborgen in der Aktentasche. Der Mann hält die Mappe fest in der Hand und klingelt an der Tür. Der Hausherr öffnet und hört sich das Anliegen der Gäste an. Der Besucher erklärt, der verstorbene Vater seiner Gattin sei Hobby-Fotograf gewesen und habe jahrzehntelang Szenen aus seiner Heimatstadt Rendsburg in Schleswig-Holstein abgelichtet. Diese Sammlung, die fast schon im Müll gelandet wäre, habe er gerettet und biete sie nun zum Verkauf an. Der Angesprochene ist interessiert. Denn Uwe Jäckel sammelt seit Jahren Informationen zur Stadtgeschichte.

Ein Volltreffer. In dem Nachlass finden sich sensationelle Zeitzeugnisse. Eine Serie von zwölf Aufnahmen zeigt die Abschiebung polnischer Juden aus Rendsburg im Oktober 1938. Es sind die bisher einzigen Fotografien, die diese sogenannte „Polenaktion“ im Norden dokumentieren. Doch da der Fotograf die Ausbeute seiner Spaziergänge mit der Kamera weder mit Daten noch mit weiteren Hinweisen beschriftet hatte, musste Jäckel zunächst wie ein Detektiv nach Angaben zu den abgebildeten Orten, Gebäuden und Personen aufspüren.

Bei der Aufklärung, wie die Szenen der Abschiebeaktion einzuordnen sind, spielt der Zufall eine Hauptrolle. Uwe Jäckel liest eines Tages das neue Buch von Dr. Frauke Dettmer mit dem Titel „Bei uns war der Jude ebenso ein Mensch wie jeder andere“. Die Wissenschaftlerin schildert in ihrer Publikation die Schicksale von 39 Männern, Frauen und Kindern, die in Rendsburg als Juden verfolgt wurden. Bei der Lektüre erfährt er, dass im Oktober 1938 vom Altstädter Markt in der Innenstadt die Rendsburger Juden polnischer Herkunft abgeschoben wurden, erinnert sich dabei an die Fotoserie, die er nicht deuten kann. Er zeigt die Aufnahmen der Autorin. „Ich habe auf Anhieb fast alle Personen auf den Bildern erkannt“, sagt Frauke Dettmer. „Alles passte zusammen.“

Die Expertin kann die zwölf Aufnahmen, die Karl Frömert vor acht Jahrzehnten auf dem Altstädter Markt machte, eindeutig dem in der Sprache der Nazis kurz „Polenaktion“ genannten Vorgang zuordnen. Dabei handelte es sich um die brutale Abschiebung von rund 17 000 polnischen Juden aus Deutschland. Sie wurden über Nacht aus dem „Dritten Reich“ ausgewiesen. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Regimes gegenüber den Juden stellte einen ersten Höhepunkt der Verfolgung dar und gilt mit der darauf folgenden „Reichskristallnacht“ als ein Auftakt zu der Politik, die zur Vernichtung der europäischen Juden führte.

„Die Betroffenen wurden in der Nacht zum 29. Oktober, einem Sonnabend, von ihrer Ausweisung informiert. Da der Bus erst gegen Mittag abfuhr, hatten die Menschen noch Zeit, sich der Jahreszeit entsprechend anzuziehen und etwas Gepäck mitzunehmen“, weiß Frauke Dettmer. Die Fundstücke machen die Ereignisse anschaulich. Der Betrachter der Schwarz-Weiß-Aufnahmen sieht den Altstädter Markt. An einer Seite steht ein Bus der Firma Thordsen. Eine kleine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern ist zu Fuß oder mit dem Auto eingetroffen. Sie haben Koffer oder Handgepäck bei sich. Sie sind warm, aber nicht winterlich gekleidet, zwei Frauen tragen Halsketten. „Man könnte an einen herbstlichen Ausflug denken – wären da nicht die ratlosen, besorgten und ängstlichen Gesichter und wäre da nicht die sichtbare Anwesenheit von Schutzpolizisten und Kriminalpolizei“, sagt Frauke Dettmer.

Zu den Menschen, die sich hier nicht freiwillig versammelt haben, gehören elf Männer, Frauen und Kinder, die als Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit seit den 1920er Jahren in Rendsburg lebten. Zahlreiche Beobachter sind Zeugen der Abschiebung, darunter Kinder und Jugendliche, auf dem Weg aus der Schule nach Hause, mit Schultaschen und Ranzen. Es ist offenbar Mittagszeit. Marktstände säumen den Platz. Die Stadtkasse an der Nordseite des Platzes hat geöffnet. Mitarbeiter schauen aus den Fenstern, Frauen, die an den Marktständen eingekauft haben, bleiben stehen. Auch die Marktfrauen schauen zu. „Die Stimmung wirkt nicht aggressiv, manche plaudern oder lachen“, so Frauke Dettmer.

Hetzrufe von Beobachtern wie etwa aus Hannover überliefert, gebe es offensichtlich nicht. „Die Passanten können das Geschehene wahrscheinlich nicht so recht einordnen“, vermutet die Wissenschaftlerin. „Wenn die Zuschauer auch zumindest einige der Betroffenen aus dem Rendsburger Geschäftsleben und Sportleben gut kennen dürften.“ Unter dem Publikum befinden sich auch zwei Männer in der Uniform der Freiwilligen Feuerwehr.

Karl Frömert drückt immer wieder auf den Auslöser seiner Kamera. Bild für Bild hält der Fotograf die Abschiebung fest. Als Hobby-Stadtforscher und Mitglied im Museumsverein ist er stets auf der Suche nach Material. „Warum Frömert an diesem Tag diese Szenen abgelichtet hat, wissen wir nicht“, sagt Frauke Dettmer. „Vielleicht ist er zufällig als Spaziergänger vorbeigekommen. Vielleicht wusste der Verwaltungsangestellte aber auch von der Aktion.“ Denn er war im Rathaus tätig, wo auch die Kriminalpolizei und die Schutzpolizei, die bei der Abschiebung Hand in Hand arbeiteten, ihre Büros hatten. „Aber eins ist sicher“, betont die Volkskundlerin, „aus Mitgefühl hat der Zeitzeuge ganz sicher nicht seine Bilder gemacht.“

Das letzte Foto zeigt den abfahrbereiten Bus. Was die Insassen nicht wissen können: Die Abschiebung der polnischen Juden aus Schleswig-Holstein scheitert. Es gab offenbar bürokratische Pannen, die dazu führten, dass die Aktion zu spät eingeleitet wurde. Die polnische Grenze war mittlerweile geschlossen. Die Menschen durften in ihre Wohnungen zurückkehren. Auch der Busfahrer aus Rendsburg dreht an der Grenze wieder um und die Fahrt endet irgendwann nach Mitternacht wieder an ihrem Ausgangsort.

Es vergehen jedoch nur einige Monate, bis die Menschen im Sommer 1939 endgültig ausgewiesen werden. Von der elfköpfigen Gruppe vom Altstädter Markt überleben nur die beiden Kinder Renate und Heinz sowie ihr Onkel. Die anderen werden in Auschwitz ermordet.

„Die aufgetauchten Fotos sind einmalig“, ordnet Frauke Dettmer den Zufallsfund ein. Die Dokumente halten einen historischen Tag für die Nachwelt fest und geben wichtige Hinweise zur Maschinerie des NS-Staates. Die Bilder erinnern daran, dass schon vor der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 die Verfolgung der Juden einen ersten Höhepunkt erreichte.

Das Makabre: In Rendsburg vollzog sich diese Deportation in aller Öffentlichkeit. Kein Passant fragt nach. Niemand mischt sich ein. Geräuschlos verschwinden die Menschen, die seit Jahren zum Stadteben dazugehörten. Über der Frontscheibe des Busses prangt das Wort „Sonderfahrt“.

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