Streitbar : Den Absprung verpasst

Egal ob im Sport, in der Politik oder der Wirtschaft – immer wieder kleben Entscheider an der Macht. Warum? Jan-Philipp Hein sucht Antworten.

svz.de von
15. November 2014, 16:00 Uhr

Unterschiedlicher können sie kaum sein. Hier der Asket Willi Lemke, dort der Genussmensch Helmut Kohl. Hier Bremen, dort die Pfalz. Hier Fisch, dort Saumagen. Hier ein BMI, von dem Ernährungsberaterinnen träumen, dort eine dreistellige Kilozahl. Hier protestantische Vernunft, dort katholische Lebensfreude. Hier Sozialdemokratie, dort Christlich Demokratische Union.

Offenbar ist es keine Frage von Herkunft, Lebensstil oder Prägung, wie man seinen Abschied von der Macht inszeniert. Weggetreten werden sehr viele, die in Spitzenpositionen sind. Jedenfalls erwischen viele von sich aus nicht den richtigen Moment, um abzudanken. Helmut Kohl wählte für den unausweichlichen Abgang gar seine ganz persönliche Zwei-Stufen-Demütigung. Erst nötigte der ewige Kanzler seine Partei, ihn noch einmal in ein letztes, von vornherein aussichtsloses Gefecht gegen den damals aufstrebenden SPD-Mann Gerhard Schröder zu schicken, der sich intern gegen Oskar Lafontaine durchgesetzt hatte. Dann pulverisierte Kohls Parteispendenaffäre das Lebenswerk des „Kanzlers der Einheit“.

Schon viele Jahre vor seinem endgültigen Absturz, der ihn spätestens mit dem Verlust des Ehrenvorsitzes der CDU ereilte, hatte Kohl den Kontakt zur Realität verloren. In die Nähe des Altkanzlers schafften es keine kritischen Geister mehr, sondern ihm treu ergebene Seelen. Parteisoldaten wie Peter Hintze etwa. Wer den Mut gehabt hätte, das Thema Rückzug auch nur anzusprechen, war offenbar unerwünscht. Am Hofe des Kanzlers musste die Musik weitergespielt werden wie auf der untergehenden Titanic.

Zurück nach Bremen, wo der Autor dieses Textes und Wille Lemke wohnen: Man will Lemke, dessen Karriere sich erheblich bescheidener als die Helmut Kohls ausnimmt, nicht zu viel der Ehre antun, aber es gibt Parallelen zum Altkanzler: Der ehemalige sozialdemokratische Bremer Bildungssenator nötigte dem Fußballclub, dem er als Manager höchstpersönlich maßgeblich zu Ruhm und Größe verhalf, seit Jahren einen Kurs auf, der den Verein in den Abgrund blicken lässt. Das Werder Bremen unter Aufsichtsratschef Willi Lemke funktionierte bis zu seinem Abschied vor wenigen Wochen immer schlechter. Erst auf dem Tiefpunkt und ohne Sieg in der aktuellen Spielzeit ließ Lemke los und räumte seinen Posten im Aufsichtsrat. In der Kleinstadt mit Straßenbahn war das Ansehen des einstigen Kult-Werderaners auf dem Tiefpunkt angelangt.

In seiner Funktion verweigerte er sich immer wieder der Werder-Geschäftsführung, die um grünes Licht (eine Floskel, die bei Werder in Ordnung geht) für eine moderate Verschuldung bei Banken bat, um konkurrenzfähige Spieler kaufen zu können. Denn daran mangelt es dem einstigen Bayern-Jäger am meisten. Die eigene Jugend generiert zu wenig Talente, die wenigen Discount-Einkäufe der jüngeren Vergangenheit floppten mehr oder weniger.

Für Lemke muss es grausam sein, dass ausgerechnet nach seinem Abgang und mit dem neuen Trainer Viktor Skripnik alles besser läuft. Werder absolvierte drei Pflichtspiele und gewann jedes davon, dabei ist noch kein einziger neuer Spieler an Bord. Alles Psychologie? Wahrscheinlich.

Ähnlich wie Kohl sah Lemke nicht, dass die Rezepte aus seiner Blütezeit mittlerweile wirkungslos sind. Primär auf die Kasse zu achten und die sportliche Entwicklung dahinter zu stellen, das konnte und wollte nicht mehr gut gehen. Interne und externe Kritiker gab es massig. Jetzt muss der einst gefeierte Lemke den Fußballclub wie ein geprügelter Hund verlassen. Der ehemalige Profi Marco Bode hat ihn beerbt.

Immerhin: Ganz in der Bedeutungslosigkeit wird Lemke nicht verschwinden. Noch ist er „UN-Sonderberater für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung“ – ein Posten der viel mit den besseren Plätzen in Langstrecken-Flugzeugen zu tun hat und schon deshalb über manch Schmerz in der Heimat hinwegtrösten sollte.

Was ist nun der Kleinste gemeinsame Nenner, den Lemke und Kohl haben? Das Geschlecht. Klingt ja auch zu schlüssig, oder? Männer sind besonders angetan vom Gedanken an ihre eigene Unersetzbarkeit. Testosteron mal wieder.


Das gilt auch für Frauen


Wäre da nicht Heide Simonis, die ihren Sturz auch bis zum bitteren Ende und in aller Würdelosigkeit zelebrierte. Eine große Koalition unter Führung der CDU lehnte die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin im Jahr 2005 ab: „Und wo bleibe ich dabei?“, waren die legendären Worte der Sozialdemokratin, die gerade eine Wahl verloren hatte. So verabredeten Grüne und SPD in Schleswig-Holstein eine Minderheitenregierung, die vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW) toleriert werden sollte. Es brauchte im Kieler Landtag vier Wahlgänge, in denen stets eine Stimme des eigenen Lagers fehlte, bis Simonis nicht mehr antrat. Den „Heidemörder“ suchen einige verbitterte Sozis im nördlichsten Bundesland noch immer.

Tragödien dieser Art gibt es viele, nicht nur in der Politik. Auch Unternehmen leiden darunter, dass begnadete Vorstände ihre Nachfolge nicht regeln. Die Hauptdarsteller dieser Tragödien können aus allen Regionen des Landes kommen, es können Männer und Frauen sein, sie können konservativ oder sozialdemokratisch sein, die einen sind dick, die anderen nicht so schlau, die einen sind eigentlich ganz nette Leute, die anderen halt nicht so, doch das alles tut nichts zur Sache wenn es um die Hybris der eigenen Unentbehrlichkeit geht.

Aber woran liegt es dann?

Vielleicht daran, dass sie alle auf Positionen vorgerückt sind, in denen sie von Zuträgern, Beratern, Büroleitern und Assistenten umgeben sind, die ihrerseits von den Chefs abhängen. Wer traut sich so ohne weiteres zu, da mal ganz offen und ehrlich auf falsche Entscheidungen, dumme Ideen, dämliche Pläne oder anhaltende Schwächephasen des Vortänzers hinzuweisen. Schon in Behörden, wo das Disziplinarrecht und sehr mächtige Personalvertreter Schutz bieten, hapert es schließlich an einer Kritikkultur. Warum sollte das in Organisationen, die viel stärker dem Willen eines machtbewussten Absolutisten unterliegen, anders sein?

Hinzu kommen die Privilegien, die mit herausragenden Posten verknüpft sind. Dienstwagen, Fahrer, allabendliche Termine mit meist guter Küche und Alkohol für lau und dazu immer der Platz am Kopfende des Tischs. Außerdem: Prominenz. Posten und Funktionen statten ihre Inhaber mit einer Wirkung auf ihre Umgebung aus. Auch darauf muss man erstmal verzichten können. Denn meist handelt es sich um Full-Time-Jobs, in denen die Gefahr groß ist, Beziehungen, die über den Job hinausgehen, zu vernachlässigen. Wer abends noch seine dienstlichen Netzwerke pflegen muss, kümmert sich weniger um die Liebsten. Heide Simonis Frage nach ihrer Zukunft muss auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Was soll ich nur machen, wenn ich wieder einfache Abgeordnete bin?

In der Politik wäre das Problem recht einfach zu lösen. Mit einer Begrenzung der Amtszeiten. Gibt es eine klar geregelte Endlichkeit, ist die Versuchung weniger groß, in eine Staatskanzlei wie in ein Eigenheim einzuziehen. So müsste man auch nicht rausgetragen werden wie ein Baufinanzierer, der seine Raten nicht bedienen kann.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen