Erdbebenopfer : Das Wunder von Port-au-Prince

Nadine Cardozo-Riedlvor ihrem wieder aufgebauten Hotel.
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Nadine Cardozo-Riedlvor ihrem wieder aufgebauten Hotel.

Bei dem schweren Erdbeben in Haiti vom 12. Januar 2010 wurde Nadine Cardozo-Riedl für vier Tage unter den Trümmern ihres Luxushotels begraben. Doch die Haitianerin mit deutschem Ehemann überlebte – und errichtete ihr Hotel neu.

svz.de von
13. Januar 2018, 16:00 Uhr

Vor acht Jahren erschütterte eines der verheerendsten Erdbeben aller Zeiten Haiti. Rund 316 000 Menschen starben, Hunderttausende wurden verletzt, fast zwei Millionen obdachlos. Zu den Opfern des Bebens der Stärke 7,0 gehörte auch Nadine Cardozo-Riedl. 105 Stunden lag die mit einem Zahnarzt aus dem bayerischen Bad Aibling verheiratete Frau schwerverletzt unter den Trümmern ihres Luxushotels, dann wurde sie gerettet. Heute baut sie das „Montana“, in dem bereits US-Präsident Bill Clinton, UN-Generalsekretär Kofi Annan, Friedensnobelpreis-Träger Desmond Tutu und Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Angelina Jolie zu Gast waren, wieder auf. Die starke Unternehmerin macht dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre Mut. Ihre Kraft zeugt vom unzerstörbaren Überlebenswillen der Haitianer.

„Höhlenforscherin werde ich wohl nicht mehr. Vier Tage unter der Erde haben mir vollkommen gereicht.“ Das Beben hat Nadine Cardozo-Riedl fast getötet, ihren Humor hat es ihr nicht nehmen können. Kerzengerade sitzt die elegante 70-Jährige auf der Terrasse ihres Hotels und berichtet in perfektem Deutsch von jenen Tagen, über die sie eigentlich nie mehr sprechen wollte. „Ich bin 70 Jahre alt. Davon habe ich 105 Stunden unter den Trümmern meines Hotels verbracht. Diese vier Tage sollen nicht den Rest meines Lebens dominieren“, sagt die gebürtige Haitianerin, die ihren Mann bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 kennenlernte.

Als sich am 12. Januar 2010 um 16.53 Uhr rund 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince die nordamerikanische und die karibische Platte verschieben, stürzen Hundertausende Gebäude im ärmsten Karibikstaat ein, auch das „Montana“. Als Nadine Cardozo-Riedl zu sich kommt, liegt sie unter der eisernen Tür ihres Büros. Über sich hat die 1,75 Meter große Frau fünf Zentimeter Luft, darüber türmen sich die Trümmer von vier Stockwerken. Ein Stahlträger hat sich in ihr Bein gebohrt.

Nur noch ein Haufen Schutt:Helfer auf den Trümmern des einstigen Luxushotels.
Cardozo-Riedl
Nur noch ein Haufen Schutt:Helfer auf den Trümmern des einstigen Luxushotels.
 

„Ich habe mich nur darauf konzentriert, die Schmerzen irgendwie zu ertragen. So hatte ich keine Zeit, zu verzweifeln“, erzählt Cardozo-Riedl. Sie weiß, dass es im korrupten Haiti kaum professionelle Rettungskräfte gibt und Tage dauern kann, bis internationale Retter im Failed State eintreffen werden.

„Ich war und bin ein gläubiger Mensch. Aber in den Tagen unter den Trümmern habe ich mit meinem Gott gehadert“, erinnert sie sich. Als sie ihre Kräfte nach Tagen ohne Wasser bei 30 Grad Hitze schwinden spürt, hört sie plötzlich eine Stimme. Die Stimme spricht Deutsch: „Mama, bist Du da unten?“ Zunächst denkt die Verschüttete, sie träume, dann erkennt sie in der Stimme ihren Sohn Silvanh.

Nach vier Tagen hat kaum noch jemand Hoffnungen, die Managerin lebendig zu bergen, doch ihr damals 30-jähriger Sohn gibt nicht auf, kriecht immer wieder in die Spalten zwischen den eingestürzten Mauern und Decken, geht die Trümmer mit den Rettungskräften und Suchhunden ab. Als er schließlich die brüchige Stimme seiner Mutter hört, arbeitet er sich mit den Rettern Zentimeter für Zentimeter vor. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Als Edgar von der internationalen Rettungsorganisation Bomberos Unidos sin Fronteras schließlich als Erster zur Verschütteten vordringt, beginnt er verzückt Psalmen aufzusagen und möchte mit ihr beten. Doch Cardozo-Riedl raunzt ihn an: „Gib mir erst was zu trinken! Meinem Gott kann ich auch noch später danken.“ Der eiserne Wille der dehydrierten Frau beeindruckt den frommen Retter. Seine erste Tochter wird er später Nadine nennen.

Die Bilder von Cardozo-Riedls Rettung gehen nach der Katastrophe als Zeichen der Hoffnung um die Welt. Die Hotelbesitzerin erfährt, dass unter den Trümmern ihrer 142 Zimmer und 42 Appartements 85 weitere Menschen gestorben sind. Viele der Toten kannte sie. Unter ihnen sind Familienangehörige, Freunde aus Deutschland, Gäste und Angestellte.

Nadine Cardozo-Riedl hätte von dem Ort, an dem sie so viele geliebte Menschen verlor und an dem ihr Lebenswerk in Sekunden zerstört wurde, fliehen können. Es kam ihr nie in den Sinn. „Nach dem Beben haben viele Menschen nicht geklagt. Stattdessen sagten sie: ‚Wir müssen dankbar sein, dass wir überlebt haben.“

Dennoch erscheint ihre Trauer übermächtig zu sein – bis Cardozo-Riedl beschließt, noch einmal ganz von vorne anzufangen. „Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer. Wir haben schon so viele Unglücke erlebt. Aus jedem sind wir gestärkt hervorgegangen“, sagt sie. Zusammen mit ihrer Schwester entscheidet sie sich, das Hotel wieder aufzubauen. Die harte Arbeit wird für die zähe Frau, die sich nach dem Beben neun komplizierten Operationen unterziehen musste, zur besten Medizin.

„Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer.“

Nachdem 12 000 Lastwagen-Ladungen Trümmer abtransportiert wurden sind, eröffnen die Schwestern das Hotel mit zunächst 15 Zimmern neu. Mittlerweile hat das „Montana“ 68 Zimmer, 120 sollen es einmal werden. Der Luxusherberge ging es immer besonders gut, wenn es Haiti besonders schlecht ging. Der Sturz von Diktator Baby Doc 1986, das Embargo von 1994, die Flucht von Präsident Jean Bertrand-Aristide, Uno-Missionen, Staatsstreiche, Invasionen, Naturkatastrophen: war Haiti in den Schlagzeilen, sendeten TV-Teams aus aller Welt live von der Hotel-Terrasse. Humanitäre Helfer, Blauhelme, Reporter und Diplomaten diskutierten dort, wie Haiti sich aus der Spirale aus Armut, Korruption und Naturkatastrophen befreien könne – und fanden bislang keine Lösung.

Doch in den letzten Jahren hat der völlig unkoordiniert verlaufene Wiederaufbau viele Milliarden und Tausende Helfer und Glücksritter nach Haiti gespült. Mittlerweile haben internationale Hotelketten Filialen in Port-au-Prince eröffnet. Nadine Cardozo-Riedl fürchtet die Konkurrenz nicht. Im Gegenteil, sie ist froh, dass wieder mehr Menschen in ihre Heimat kommen. So wie früher. Sie kann sich noch gut an die 60er- und 70er-Jahre erinnern: damals war der Karibik-Staat ein angesagtes Ferien-Ziel. Bill und Hillary Clinton verbrachten dort 1975 ihre Flitterwochen. Cardozo-Riedl hofft, in ihrem neuen Hotel wieder mehr Honeymooner und weniger Blauhelme begrüßen zu können.

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