Nach dem Erdbeben : „Das war’s“ - Menschen am Rande der Existenz

Pescara del Tronto wurde bei dem Beben größtenteils zerstört.
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Pescara del Tronto wurde bei dem Beben größtenteils zerstört.

Entsetzen nach Beben im Apennin. Die Opferzahl könnte noch steigen

svz.de von
25. August 2016, 21:00 Uhr

Ein verstaubtes Fotoalbum, eine Geldbörse, ein Kinderfahrrad – das ist alles, was am Tag nach der Erdbebenkatastrophe vor dem zerstörten Haus in Amatrice an die Familie erinnert. Noch bis weit in die Nacht haben Feuerwehrleute versucht, Lebende in den Trümmern zu finden – vergebens. Den Polizisten, der hier lebte, seine beiden Töchter und vier weitere Menschen können sie nur noch tot bergen. Die Frau überlebt wie durch ein Wunder. Sie wird durch das verheerende Erdbeben aus dem Haus geschleudert. Sofort danach begräbt das Dach die anderen Bewohner unter sich.

Das Entsetzen hat sich wie Blei auf die ganze Kleinstadt in den Abruzzen gelegt. Die Menschen blicken mit leeren Augen auf die Reste ihrer Stadt. In der Tiefgarage eines leerstehenden Hochhauses werden die Leichen hinter einer Plastikplane gesammelt. Menschen stehen davor und fragen mit bangen Augen, Polizisten blättern in Listen.

Starke Erdbeben in Italien
 
 

Die vorläufige Bilanz: Mindestens 250 Menschen sind tot, weitere 365 verletzt worden. Vor allem in Amatrice, aber auch in Pescara del Tronto und Accumoli suchen die Helfer Tag und Nacht in einem Wettlauf gegen die Zeit weiter. Die Lage der Dörfer mitten in den Bergen erschwert die Suche enorm.

Nur eine enge Straße führt bis in das 2600-Seelen Bergdorf Amatrice. „Wir kämpfen gegen die Verhältnisse“, sagt Carlo Cardinali. Wie der Feuerwehrmann aus Mailand sind 5400 Helfer aus ganz Italien gekommen. Sie bauen Zeltunterkünfte, ziehen mit Spürhunden über Schuttre-ste, versorgen die Menschen mit Wasser und Lebensmitteln. Die Angst vor Nachbeben ist groß. Gestern zitterte die Erde mehrmals. 460 Nachbeben wurden registriert.

Für Mario Gianmarco wird es wohl keinen Weg hierher zurück geben. Der Landwirt blickt erschüttert und resigniert auf sein Haus am Rande von Amatrice. „Das war’s“, sagt er mit Tränen in den Augen. Seine Frau und sein Sohn haben auch überlebt –aber zusammen werden sie hier wohl nie wieder leben. Tiefe Risse klaffen in den Mauern, der Putz ist von den Wänden gefallen. Gianmarco sammelt seine Habseligkeiten auf der Straße, ein paar Decken, ein alter Fernseher, zwei Rollen Ziegenkäse.

Wer auf Gianmarcos Haus aus den siebziger Jahren blickt, ahnt, warum so viele Betonbauten in der Region bei einem Beben mit einer Stärke von etwas über 6 unbewohnbar wurden. Gianmarcos Haus hat kein Fundament, auch keine Säulen, die Wände tragen könnten. Andere Betonbauten fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen.

In Amatrice ist noch immer das Schicksal von rund 35 Menschen offen, die im Hotel „Roma“ logierten. Sie wollten die Sicht auf das grüne Tal genießen.

Hintergrund: Gefährdete Gebiete
Im europäischen Raum kommen die meisten Erdbeben in Griechenland, den südlichen Teilen des Balkans sowie im Westen der Türkei vor. Auch Italien und der westliche Balkan sind besonders betroffen. Der größte Teil der Beben ereignet sich nahe den Rändern von Afrikanischer und Europäischer Platte. In Deutschland kommen wenig spürbare Erdstöße vor. Die meisten Beben ereignen sich im Rheingebiet, auf der Schwäbischen Alb sowie in Ostthüringen und in Westsachsen. In den vergangenen 40 Jahren hatten nur vier Beben mit einer Stärke von mindestens 5 ihr Zentrum auf deutschem Boden.
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