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Unglück des Zeppelins Hindenburg : „Das Schrecklichste, was ich je gesehen habe“

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Aus der Onlineredaktion

Kaum ein anderes Unglück hat die Angst vor der Luftfahrt mehr geprägt, als der Absturz der „Hindenburg“. Doch warum ging der Zeppelin in Flammen auf?

svz.de von
erstellt am 05.Mär.2017 | 05:00 Uhr

„Das ist das Schrecklichste, was ich je gesehen habe.“ Als der amerikanische Rundfunk-Journalist Herbert Morrison diese unvergessenen Worte am 6. Mai 1937 in sein Mikrophon spricht, geht das deutsche Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“ direkt vor seinen Augen in Flammen auf. Der riesige Zeppelin mit einer Länge von über 245 Metern hat sich bei der Landung im US-amerikanischen Lakehurst unweit New York um 18 Uhr 25 Ortszeit aus ungeklärter Ursache entzündet und stürzt innerhalb von 34 Sekunden lichterloh brennend zu Boden, 36 Menschen sterben. Die „Hindenburg-Katastrophe“ bedeutet das Ende der kommerziellen deutschen Luftschifffahrt über Jahrzehnte hinweg.

Eine deutsche und eine amerikanische Untersuchungskommission werden eingesetzt, um die Ursache des Unglücks aufzuklären. Fachleute werden angehört, Zeugen befragt und Wrackteile untersucht. Noch bevor die Untersuchungen abgeschlossen sind, kursieren die ersten Verschwörungstheorien, die sich teilweise bis heute halten. Was aber ist die wirkliche Absturzursache?

Die Kugelblitz-Theorie


Über dem Luftschiffhafen in Lakehurst war kurz vor dem Landeanflug der „Hindenburg“ ein Gewitter niedergegangen. Mehrere Augenzeugen berichteten den Zeitungsreportern, sie hätten einen letzten verirrten Kugelblitz gesehen, der in die „Hindenburg“ eingeschlagen sei. Fatalerweise war das Luftschiff zu diesem Zeitpunkt mit dem hochbrennbaren Auftriebsgas Wasserstoff gefüllt. Ursprünglich war das unbrennbare Helium vorgesehen, stand aber nicht zur Verfügung, da die USA als damals einzig in Frage kommender Lieferant ein Ausfuhrstopp erlassen hatten. Hatte also ein Kugelblitz den Wasserstoff entzündet?

Vor allem der deutsche, hochrangig besetzte Untersuchungsausschuss befasste sich „eingehend“ mit dieser Möglichkeit, wie es in dem abschließenden Bericht vom 2. November 1937 hieß. Allerdings kam man damals zu dem Ergebnis: „Da sie (die Kugelblitze) jedoch meist in Verbindung mit Linienblitzen auftreten und das sichtbare Gewitter über Lakehurst bereits vor längerer Zeit hinweggezogen war; erscheint diese Erklärung abwegig.“

Die Sabotage-Theorie

 

Einen Monat vor dem Unglück, am 8. April 1937, wurde die Deutsche Botschaft in Washington gewarnt, dass ein Anschlag auf die „Hindenburg“ geplant sei – mit einer Zeitbombe. Da der Brief aber von der „spirituell begabten“ Kathie Rauch aus Milwaukee kam, wurde ihrer Empfehlung „Wenn Sie Menschenleben retten wollen, dann stoppen Sie diese Flüge“ nicht nachgekommen. Dennoch prüfte die deutsche Kommission die Möglichkeit „eines verbrecherischen Anschlages“. Im Abschlussbericht heißt es: „Es ist nachgewiesen, dass die Bewachung des Schiffes und aller damit in Berührung kommenden Personen vor und während der Fahrt äußerst streng und sorgfältig durchgeführt wurde, so dass sowohl die Einführung als auch die Anbringung derartiger Fremdkörper nahezu unmöglich war.“

1962 griff der amerikanische Publizist Adolph A. Hoehling die Sabotage-Theorie wieder auf. Seinen Recherchen nach sei der Bordmechaniker Erich Spehl zu einer Sabotageaktion angestiftet worden. Spehl wäre es als begeistertem Amateurphotographen ein Leichtes gewesen, so Hoehling, aus einer Blitzbirne, einer Uhr und einer Trockenbatterie einen Zeitzünder zu bauen. Historiker sprechen Spehl heute allerdings vom Verdacht der Sabotage frei. Beide Untersuchungskommissionen können zwar einen Sabotageakt nicht ausschließen, kommen aber zu dem Schluss, dass der Unglücksfall andere Ursachen hatte.

Die Theorie vom Anstrich mit Raketentreibstoff


1997 veröffentlichte der NASA-Wissenschaftler Addison Bain erstmals eine neue, Aufsehen erregende Theorie über den Absturz. Seinen Nachforschungen zufolge war nicht die Wasserstofffüllung des LZ 129 verantwortlich, sondern vielmehr die neuartige Hülle des Luftschiffs. Bains eindrucksvolle Belege für seine Theorie: Auf allen Foto- und Filmaufnahmen der „Hindenburg-Katastrophe“ waren helle und leuchtende Flammen zu sehen, was ja auch Augenzeugen bestätigten. Wasserstoff verbrennt aber nahezu farblos.

In der Tat war die Hindenburg mit einer neuartigen Hülle ausgestattet. Die insgesamt 34  000 Quadratmeter große Außenhaut bestand vor allem aus Leinen- bzw. Baumwollbahnen, die über ein Gerüst aus stabilem Duraluminium gespannt und gegen Witterungseinflüsse behandelt waren. Laut Baubeschreibung enthielt der Grundanstrich Eisenoxyd, die Imprägnierung Zellulose-Butyrat-Acetat mit Aluminiumbeimischung. Genau diese Substanzen waren es, die Bain aufschreckten. Ganz ähnliche Inhaltsstoffe finden sich dem NASA-Experten nach nämlich in dem Treibstoff von Festtreibstoffraketen.

War die „Hindenburg“ also förmlich mit Raketentreibstoff angestrichen? Schnell machte die Schlagzeile die Runde, die „Hindenburg“ sei geradezu ein fliegendes Streichholz gewesen. Aber stimmt das auch? Alex J. Dessler vom Lunar and Planetary Laboratory der Universität Arizona in Tuscon hat das mit Kollegen überprüft. Der Physiker kommt zu dem Schluss: „Gleich eine ganze Reihe von physikalischen Gesetzen und Rechenfehlern spricht gegen diese Theorie.“ Vor allem aber hätte die LZ 129 ohne das Verbrennen des Wasserstoffs nicht so atemberaubend schnell in Flammen aufgehen können, meint Dessler, und geht davon aus, dass die helle Farbe der Flammen auf den Foto- und Filmaufnahmen durch andere brennende Substanzen verursacht wurde – schließlich befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks noch fast zehn Tonnen Dieseltreibstoff an Bord, drei Tonnen Schmieröl, 879 Kilogramm Gepäck, 148 Kilo Fracht, 108 Kilo Post sowie etliche Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände des Schiffs. Dessler resümiert: „Angenommen, die Hindenburg wäre wirklich mit exakt dem gleichen Treibstoff angestrichen gewesen, der auch in den Feststoffraketen der Space Shuttles Verwendung findet, dann hätte sie über 10 Stunden lang brennen müssen und nicht nur 34 Sekunden.“

Die Theorie vom Spannungsausgleich


Der Abschlussbericht des deutschen Untersuchungsausschusses vom 2. November 1937 kam – wie auch der amerikanische Bericht – zu dem Schluss, dass für keine der möglichen Erklärungen ein „völlig sicherer Beweis“ zu finden sei. Sofern keine „verbrecherischen Anschlagsmöglichkeiten“ in Frage kämen, könne man nur „das Zusammentreffen einer Reihe unglücklicher Umstände als einen Fall höherer Gewalt annehmen.“ Dabei sei die folgende Erklärung am wahrscheinlichsten: Aus einem Leck im Heck des Schiffs, möglicherweise durch das Reißen eines Spanndrahtes verursacht, strömte Wasserstoffgas aus, es bildete sich ein brennbares Gemisch aus Wasserstoff und Luft. Dieses entzündete sich wohl folgendermaßen: „Nach Abwerfen der Landetaue wurde die Oberfläche der Außenhülle des Luftschiffes wegen der geringeren elektrischen Leitfähigkeit des Außenhüllenstoffes weniger gut geerdet als das Gerippe des Luftschiffes (Anmerkung: Am Gerippe waren die nass gewordenen Taue befestigt). Bei raschen Änderungen des atmosphärischen Feldes, wie sie bei einem Nachgewitter die Regel und auch im vorliegenden Fall anzunehmen sind, entstanden dann Potentialdifferenzen zwischen (nassen) Stellen der Außenseite der Hülle und dem Gerippe. Diese Potentialdifferenzen führten einen Spannungsausgleich durch einen Funken herbei, der möglicherweise die Zündung verursachte.“

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