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Streitbar: Überalterung der Gesellschaft : Das Regime der Alten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die gesellschaftliche Alterung ist mehr als eine Statistik, stellt Jan-Philipp Hein fest. Sie wird Deutschland radikal verändern.

Das Tolle am Älterwerden ist die Gelassenheit, die sich einstellt. Wer reiferen Alters ist, überblickt und durchdringt die Dinge, neigt zu gerechten und fundierten Urteilen, denkt über sich selbst und seine Bedürfnisse hinaus. Das wäre das positive Bild. Doch es gibt auch ein anderes Bild vom Alter, und das sieht so aus: Das Grauen am Älterwerden ist der einsetzende Starrsinn. Wer reiferen Alters ist, zweifelt kaum noch an sich selbst, leitet aus Erfahrung Unfehlbarkeit ab und möchte endlich die Früchte eines harten Lebens genießen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.

Hoffen wir, dass die optimistische Annahme auch die richtige ist. Nicht weniger hängt davon ab als der gesellschaftliche Friede, die ökonomisch Stabilität und damit die Zukunft dieses Landes.

Denn, Binse: Wir werden immer älter. 1968 lag das Medianalter bei 33 Jahre; dieser statistische Wert teilt die Bevölkerung in zwei Hälften: 50 Prozent sind jünger, die anderen 50 Prozent sind älter. 1980 lag dieser Wert bei 36 Jahre, 1990 waren es erst 37, kurz nach dem Jahrtausendwechsel 40 Jahre und mittlerweile sind wir bei 45. Wir altern und wir altern auch noch verdammt schnell. Eine Vorausschau des Statistischen Bundesamt sieht den Wert im Jahr 2050 bei 50 Jahren. Die Geschwindigkeit der kollektiven Vergreisung variiert je nachdem, wie viele Zuwanderer wir aufnehmen. Deutschland ist beim Altern weltweit ganz vorne dabei. Nur noch Japan und Monaco überholen uns.

Dass die Alten den Kurs bestimmen, ist also kaum zu leugnen. Da können sich Leitmedien, Werbung, Shoppingmeilen und Innenstädte noch so jugendlich geben. Jung wollen viele wirken, die wenigsten sind es jedoch wirklich. Und wer sich berufsjugendlich gibt und kleidet, wird deshalb noch lange nicht einer Verschiebung des Renteneintrittsalters zustimmen, um die jungen Einzahler zu schonen. Er wird auch wenig Lust verspüren, drastischeren Kürzungen der Rente zuzustimmen.

Dass wir bereits in den ersten Zügen der Gerontokratie stecken, zeigt eine nähere Betrachtung der Ergebnisse der nordrhein-westfälischen Landtagswahlen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland der Republik haben vergangenes Wochenende eindeutig die Alten die entscheidenden Impulse gegeben. In den Zahlen zur Wahl verbergen sich aufschlussreiche Details. So wird beispielsweise die Krise der Grünen leichter erklärbar, wenn man sich das Wahlverhalten nach Altersgruppen ansieht. Bei denen, die 60 Jahre oder älter sind, bekam die Ökopartei gerade mal drei Prozent der Stimmen. Die Wahlsieger von der Union holten dort hingegen 43 Prozent. Das Bild verkehrt sich, wenn man die jüngste Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren betrachtet: Hier kommt die CDU auf gerade mal 23 Prozent, während die Grünen zweistellig bei elf Prozent liegen. Wahlsiegerin bei diesen jüngsten Wählern ist übrigens die eigentliche Wahlverliererin SPD mit 26 Prozent. Übrigens: Die Alten sind nicht entscheidend am Einzug der sogenannten Alternative für Deutschland in den Düsseldorfer Landtag beteiligt. Bei den ältesten Wählern holten die Rechtspopulisten ihr bescheidenstes Ergebnis mit fünf Prozent. Es waren die Wähler der mittleren Altersklassen zwischen 25 und 59, die der Petry-Pretzell-Partei mit rund zehn Prozent die entscheidenden Stimmen brachten. Das spricht für das optimistische Bild vom Altern. Schaumschläger entlarvt man mit Erfahrung offenbar zuverlässiger.

Doch warum reden wir so selten darüber, was die zunehmende Alterung (nicht Überalterung) für uns alle bedeutet? Klar: Immer wieder sind die Risiken für das Rentensystem Thema, immer wieder sprechen wir darüber, dass Dachdecker, die als Chiffre für körperlich anstrengende Berufe herhalten müssen, nicht viel länger als bis 65 arbeiten können. Das schon. Aber wir reden fast nie über die großflächigen Veränderungen, die zwangsläufig auf uns zukommen. Die gesellschaftliche Alterung ist mehr als eine Statistik.

So wird das Altern die Städte und das Land noch radikaler verändern als das bisher schon geschieht. Wahrscheinlich ist, dass die Entvölkerung der Dörfer und Kleinstädte sich noch beschleunigt. Die Flucht vom Land in die Städte ist bisher eine Erzählung von jungen und mobilen Menschen, die den öden und eindimensionalen Provinzen entkommen wollen, um eine der vielen Chancen, die es nur in Metropolen gibt, zu ergreifen. Bald wird es eine Erzählung von älteren Menschen sein, die auf dem Land keine Ärzte mehr finden, keinen Bus- oder Bahnanschluss mehr haben und keine Freizeitangebote. Die Eltern, die einst von ihren Kindern verlassen wurden, werden auch bald das Eigenheim verlassen.

Das wird auf die Ballungsräume wie ein Brandbeschleuniger wirken. Bereits jetzt sind bezahlbare Wohnungen in Großstädten enorm knapp, wovon explodierende Miet- und Kaufpreise zeugen. Wer in eine begehrte Metropole ziehen will, muss entweder sehr kompromissbereit, sehr vermögend oder verdammt geduldig sein.

Dass wir diese Herausforderungen kaum auf dem Schirm haben, zeigen die aktuellen kommunalpolitischen Debatten. Fehlende Kitaplätze beschäftigen fast alle Städte, mit dem rechtzeitigen Umbau hin zur altersgerechten Stadt mit entsprechenden Pflege- und Gesundheitseinrichtungen beschäftigt sich hingegen kaum eine Kommune. Zuzug ist zwar Thema, aber mit Jungen und nicht mit Alten assoziiert.

Und so ist auch Pflege immer noch ein Randthema der Gesellschaft. Konsequenterweise setzen wir die Fehler im Umgang mit den Jüngsten bei den Ältesten fort: Mitarbeiter von Pflegediensten werden so mies bezahlt wie Mitarbeiter von Kindertagesstätten. Eine Gesellschaft, die sich selbst für jugendlich hält und sich in den Medien auch immer wieder so selbst spiegelt, hat offenbar ihre Schwierigkeiten, sich adäquat mit ihren Altersrandgebieten zu beschäftigen.

Doch eines Tages werden diese Themen die Alltagsdebatten beherrschen. Wenn über die Hälfte einer Gesellschaft bereits mehr als das halbe Leben hinter sich hat, werden nicht mehr Startups und Studenten-WGs Themen setzen, dann wird es um ehrenamtliche Tätigkeiten am Lebensabend und barrierefreie Wohn- und Pflegegemeinschaften gehen. Es wird darum gehen, die arbeitende und jugendlichere Minderheit in eine Gesellschaft zu integrieren, die für sich ganz andere Schwerpunkte als heute gefunden haben wird.

Und die in anderen Zyklen denken wird. Heute betrachten wir Investitionen in Infrastruktur als Zukunftsvorsorge. Die meisten werden von heute geplanten und beschlossenen schnelleren Bahnverbindungen, komfortableren Flughäfen (beim BER wird es freilich knapp) und schnelleren Internetleitungen noch selbst profitieren. Eines Tages wird eine Majorität von Alten über langfristig wirksame Maßnahmen entscheiden, deren Rendite sie selbst nicht mehr erleben wird, sondern nur noch ihre Zumutungen während der Bauzeit.

Dann wird es darauf ankommen, wie wir Alten ticken werden. Spielen wir unsere zahlenmäßige Mehrheit aus, oder lassen wir denen, die die Zukunft noch vor sich haben, den Raum, den wir selbst hatten? Falls nicht, werden die sich den schon zu nehmen wissen. Aber dann wird es ungemütlich für alle.

 

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erstellt am 20.Mai.2017 | 16:00 Uhr

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