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Nordsee : Das rätselhafte Pottwalsterben

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tote Meeressäuger im Watt – „ein beklemmendes Gefühl“ . Experten haben mit der Bergung von acht Tieren begonnen. Ein Walskelett wird künftig in Stralsund ausgestellt.

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Die Sonne strahlt, ein frischer Wind bläst vom Meer her und über den Salzwiesen kreist majestätisch ein Seeadler: Der Nationalpark Wattenmeer zeigt sich von seiner besten Seite. Die Stimmung der Menschen am Nordsee-Strand ist gestern trotzdem gedrückt, denn zwei Kilometer vom Deich entfernt liegen im Watt acht tote Pottwale.

„Es ist der größte je in Schleswig-Holstein gemachte Fund von Pottwalen“, sagte Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) haben mit der Bergung der Kadaver begonnen. Gestern wurden fünf Wale an Land gebracht, die restlichen drei sollen heute folgen.

Ein Video von den Kollegen des SHZ in Schleswig-Holstein

„Für mich als Mensch ist es einfach ein verstörender Anblick, diese großen Säuger so zu sehen“, sagte Habeck. „Wale sind Sinnbild des Naturschutzes, damit begann quasi das Erwachen, das Besinnen, dass wir uns um unsere Umwelt kümmern müssen – und jetzt liegen diese großen Säuger massenweise verendet vor unserer Küste.“

Ein Spaziergänger auf Kaiser-Wilhelm-Koog hatte die acht Meeressäuger am Sonntagabend entdeckt. Als sie strandeten, lagen sie direkt als Gruppe zusammen, sagte Hendrik Brunckhorst von der Nationalparkverwaltung. „In drei Fällen direkt Tier an Tier – geradezu rührend nebeneinander.“ Mittlerweile haben Wind und Wellen die Tiere etwas auseinander driften lassen. Doch die Gefühle der Menschen bei ihrem Anblick bleiben: „Wenn man sich den toten Tieren nähert, ist das ein beklemmendes Gefühl“, sagt LKN-Direktor Johannes Oelerich. „Zum Teil sind sie noch lebendig hergekommen, sind hier gestorben – das geht ans Herz.“

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Warum die Wale überhaupt ins Wattenmeer geschwommen sind, ist bislang unbekannt. Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Theorien Experten halten Unterwasserlärm, Krankheiten, natürliche Ursachen, seismische Aktivitäten oder militärisches Sonar als Gründe für möglich. Einmal falsch abgebogen, können die flachen Gewässer des Wattenmeers für die Tiere zur Falle werden.

„Bislang gibt es jedoch keine Antwort“, sagte Habeck. Deshalb sei Schleswig-Holsteins Expertin für Meeressäuger, die Büsumer Professorin Ursula Siebert von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, mit der Untersuchung der Tiere beauftragt worden. „Wenn Ergebnisse vorliegen, werden wir sie vorstellen“, sagte Habeck.

Pottwale in der Nordsee sind extrem selten. Doch inzwischen wurden 22 tote Tiere in Schleswig-Holstein angespült. Dass sie in der zu flachen Nordsee Orientierungsprobleme bekommen, ist erwiesen. Die Frage ist, weshalb sie vermehrt hierher kommen. Seit den 1990er Jahren strandeten damit 84 Pottwale an der Wattenmeerküste Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande.

Inzwischen wurden zwei weitere verendete Wale auf einer Sandbank nordwestlich von Büsum entdeckt. „Ich fahre trauriger hier weg, als ich heute Morgen aufgestanden bin“, sagte Habeck.

Mit den Tieren vor Kaiser-Wilhelm-Koog sind nach Angaben der „Schutzstation Wattenmeer“ seit dem 8. Januar 27 junge Pottwale in der südlichen Nordsee umgekommen: 16 in Deutschland, sechs in den Niederlanden und fünf in England. Ob sie alle zu einem Schwarm gehörten, ist unbekannt.

Es sind junge Bullen, noch nicht ausgewachsen, und ungefähr 10 bis 15 Jahre alt. Ihr genaues Alter kann erst mit Hilfe der Zähne bestimmt werden.

Was aus den toten Pottwalen wird

Wo werden die Kadaver hingebracht?

Die Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) werden mit einem Kettenfahrzeug an die Tiere herangefahren. Nach der Teilzerlegung und der Prüfung durch Veterinäre und Techniker werden die Pottwale am Deich mit speziellen Gerätschaften in Container geladen und per Lkw zum Lagerplatz 2 im Meldorfer Speicherkoog transportiert. Dort sollen die Tiere weiter zerlegt und untersucht werden. Die in Jagel ansässige Firma Rendac wird sich in der nächsten Woche um den finalen Abtransport und um die Tierkörperbeseitigung kümmern.

Was hat es mit dem „Elfenbein“ auf sich?

Zunächst sollten am Dienstag die Kiefer der Wale geborgen – besser gesagt: beschlagnahmt – werden. Denn wie man bei einem Pottwal vor Nordstrand sehen konnte gibt es Vandalen, die es auf die zehn bis 20 Zentimeter langen Zähne abgesehen haben. Deren Material  wird als Elfenbein bezeichnet

Da Pottwale eine gesetzlich streng geschützte Art sind, darf damit kein Handel betrieben werden. Das geborgene Elfenbein bleibt laut Umweltministerium der Nutzung in Öffentlichkeitsarbeit, Bildung und Forschung verbehalten, die von offiziellen Stellen genehmigt werden kann.

Was geschieht bei der Tierkörperverwertung?
Foto:Christina Weiss

Die Beseitigung verendeter Wildtiere ist streng reglementiert. Gestrandete und verendete Wale sind Abfall, der in erster Linie der Verbrennung zugeführt wird. Die Körper werden laut Rendac zunächst in Jagel zerkleinert, thermisch sterilisiert, gekocht, auf 320 Grad erhitzt, entfettet und getrocknet. Am Ende des Prozesses bleiben die Bestandteile Fett und Tiermehl übrig.

Was geschieht mit dem Tiermehl und dem Fett?

Die Weiterverarbeitung von Walresten ist verboten. Das Tiermehl wird in Kohlekraftwerken oder Zementwerken verbrannt. Das Fett wird zu einer Anlage in Eindhoven gebracht und dort raffiniert. Man müsse als Unternehmen auch die wirtschaftliche Seite im Blick haben, so der Sprecher von Rendac. Das Endprodukt dieser Prozedur landet laut seiner Aussage dann auch im Auto: Als Bestandteil von Biodiesel oder als Schmierfett. Das Landesministerium hatte zuvor gegenteilig mitgeteilt, dass keinen Wal am Zapfhahn gebe, bestätigte aber dann die Angaben des Unternehmens.

Die Verfütterung an landwirtschaftliche Nutztiere war früher üblich, ist aber zur Vorbeugung gegen die Verbreitung der Krankheit BSE gesetzlich verboten worden.

Acht verendete Wale – werden die Skelette alle präpariert und ausgestellt?

Laut Auskunft des Ministeriums liegen der Nationalparkverwaltung für zwei Skelette konkrete Anfragen vor. Was mit den anderen geschieht, ist noch offen.

Was machte man früher aus Walen?

Wale waren in der Geschichte so etwas wie eine schwimmende Ölquelle. Fast alle Körperteile hatten für die Menschen einen Nutzen. Deshalb wurden sie massiv bejagt und bis an den Rand der Ausrottung gebracht. Aus zermahlenen Walknochen machte man Klebstoffe und Geliermittel. Das Fleisch wurde als Steak gegessen oder zu Tierfutter verarbeitet. Vor allem Pottwale waren für die Weiterverarbeitung interessant: Den Walrat im Kopf verwendete man für Salben und das Ambra im Darm – ein unverdautes Gewölle – war die Basis für erotisierende Luxus-Parfüms.

Den Anfang der Waljagd bestimmte vor allen das Interesse an Waltran. Dieser wurde schon im Mittelalter als Lampenöl genutzt. Später machte man daraus auch Margarine, Seife, Bleichmittel und Kunstharz.

Sehr kritisch wurde es um die Walbestände zu Beginn der Industrialisierung. Denn als Schmiermittel für die Maschinen war Waltran zunächst unabdingbar, bis mineralische Substanzen billiger wurden. Im 1. Weltkrieg diente Tran überdies zur Herstellung von Nitroglycerin.

Ein weiteres Beispiel für den Tran-Hunger der Industrie: Von der Firma Henkel wurde das Walfangschiff „Jan Wellem“ ab 1936 bis zum Kriegsausbruch 1939 zu drei Fangreisen in die Antarktis ausgesandt. Das Unternehmen brauchte Tran als Grundstoff für die Herstellung von Persil.

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