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Die Kinder aus El Salvador : Das Land der Waisen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Keiner weiß, wie viele es genau sind und wo sie stecken. Einige der Kinder, die bei den Massakern in El Salvador ihre Eltern verlieren, werden von Familienangehörigen aufgenommen und andere in Heime gebracht. Hier sind einige ihrer Geschichten. Eine Chronik von Sigfredo Ramírez, Journalist der Zeitung La Prensa Gráfica,  San Salvador / El Salvador

svz.de von
erstellt am 04.Dez.2015 | 09:32 Uhr

Auf einem Plastikstuhl in ihrem Haus sitzend erzählt Gloria Márquez, dass in den letzten Tagen mehrere Leute hier gewesen seien, um sie zu bitten, ihnen das Baby ihrer Schwester zu schenken. Sie habe immer abgelehnt, aber sie kommen trotzdem weiterhin. So viel Besuch hatte Gloria noch nie. Und während sie von den Absichten anderer spricht, das sieben Monate alte Baby mitzunehmen, nimmt sie es noch fester in ihre dünnen Ersatzmutter-Arme.

„Nein, wie hässlich muss das sein, ein Kind zu verschenken!“, sagt Gloria mit einem Kopfschütteln und richtet den Blick zum Boden.

Sie ist eine dürre Frau in einer weißen Bluse mit himmelblauen Streifen. Das Baby ist gerade aus einem langen Mittagsschlaf aufgewacht, den es in der Hängematte im Flur gemacht hat. Jetzt betrachtet der Kleine neugierig eine schwarze Ente, die vor ihm her spaziert. Die anderen sieben Kinder, die unter Glorias Obhut stehen, spielen irgendwo auf diesem weit von Dorf und Stadt abgelegenen Gelände. Vier der Kinder sind ihre eigenen; die anderen drei sind die Überlebenden des Massakers, bei dem neben Glorias Schwester und ihrem Lebensgefährten auch ein zwölfjähriges Mädchen starb, das sich am meisten um den Kleinen gekümmert hatte. Die Mörder kamen nachts in die tiefe Dunkelheit der Häuser, in denen es kein elektrisches Licht gibt.

Das Massaker spielte sich vor nur ein paar Tagen in einem Flechtwerkhaus nur wenige Meter von der Stelle ab, an der Gloria jetzt mit dem Baby sitzt. Trotz des Ereignisses wohnt sie noch immer dort, zusammen mit ihrer Mutter Margarita, 78, die heute ein Blumenkleid trägt und neben dem Holzherd steht, und Glorias sieben Kindern. Eigentlich wohnen auch zwei Schwestern von Gloria auf diesem Gelände, sie haben aber in diesen Tagen Zuflucht bei Verwandten gesucht. Da sich das Massaker gegen Mitternacht ereignete, haben jetzt alle Angst, dort zu schlafen. Alle, bis auf Gloria. „Die Kinder weinen nachts. Ich stehe dann auf, um sie zu beruhigen, und auch, um mit dem Kleinen zu spielen, wenn er wach wird“, sagt Gloria und wiegt ihren Neffen, der zu weinen begonnen hat.

Keiner weiß, wie viele Kinder in El Salvador durch Massaker zu Waisen wurden. Ebenso wenig ist bekannt, wie viele von ihnen bei diesen Gewalttaten entweder Vater oder Mutter verloren. Eine so wichtige Information, wie die, was aus diesen Kindern geworden ist, nachdem sie ein solches Ereignis überlebt haben, das sie für den Rest ihres Lebens prägen wird, ist ebenfalls nicht bekannt. Die Statistik der Tötungsdelikte beherrschen die Behörden in El Salvador aber aus dem Effeff. Die Nationalpolizei (PNC) und das Institut für Rechtsmedizin (IML) streiten sich sogar um die Festlegung der Mordzahlen. Man weiß, dass seit 2010 in ganz El Salvador mehr als 13  450 Menschen ermordet wurden und sich mehr als 80 Massaker ereignet haben. Aber keine Institution weiß mit Genauigkeit zu sagen, wie viele Kinder infolge dieser Gräueltaten zu Waisen wurden.

Die Kinder, die jetzt in der Obhut von Gloria sind, stellen nur einen kleinen Ausschnitt von vielen Fällen dar, die in den letzten Jahren verzeichnet wurden. Diese Kinder stehen diversen Widrigkeiten gegenüber. Dem sieben Monate alten Baby zum Beispiel fiel es schwer, von der Muttermilch entwöhnt zu werden. Gloria sagt, dass das Baby vor dem Massaker Stunden darauf warten konnte, gestillt zu werden, wenn seine Mutter zum Verkaufen auf dem Markt war. Seine zwölfjährige Schwester – die, die sich um ihn gekümmert hatte – gab ihm immer nur Flüssigkeit aus einer kleinen Tasse. Gloria hat drei Tage gebraucht, um das Baby an das Fläschchen zu gewöhnen. Aber sie hat es geschafft. Sie nimmt ein Fläschchen mit Wasser, das sie auf dem Tisch bereithält, und gibt es ihm. Der Junge hört für einen Augenblick auf zu weinen.

Lethargie im System

An diesem sonnigen Morgen steht ein klappriger Pick-up vor dem Gelände, auf dem sich das Massaker ereignet hat, und ein hellhäutiger Junge trägt eine Matratze auf der Schulter. Eine der Überlebenden des Gemetzels von vor ein paar Tagen flüchtet von diesem Ort, an dem sie dem Tod entging. Sie ist nur gekommen, um einige Habseligkeiten zu holen, die noch in dem kleinen Haus sind, in dem ihre Mutter, ihr Stiefvater und ihre jüngere Schwester ermordet wurden. Sie geht. Ihre kleinen Brüder sehen sie nur packen.

Für die Kinder ist der Umzug wie ein Spiel. Sie tollen um den jungen Mann herum, der die Matratze zum Auto trägt, und lachen darüber, wie rot sein bleiches Gesicht geworden ist. Die Kinder von Gloria und ihrer verstorbenen Schwester sind den halben Vormittag umhergerannt und auf Mombinpflaumen- und Mangobäume geklettert. Sie holen die noch grünen Früchte vom Baum und essen sie mit Salz. Es ist ihre einzige Mahlzeit. Sie lachen lauthals los, wenn eines von ihnen stolpert oder bei einem Spiel verliert. Sie verstehen nichts von der Trauer und der Wut, mit der ihre große Schwester ihre Sachen packt, um noch heute diesem Ort den Rücken zu kehren.

Seit der Nacht des Massakers sind die Kinder dort. Der Generalstaatsanwalt der Republik (FGR) hat die Familienangehörigen der Opfer gefragt, ob sie sich der drei Kinder – einschließlich des Babys – annehmen können. Seitdem hat sich keine Regierungsstelle El Salvadors und keine Nichtregierungsorganisation (NGO) blicken lassen, um sich nach den Kleinen zu erkundigen, um zu prüfen, in welcher Lage sie sich jetzt nach dem Massaker befinden und wie es ihnen gesundheitlich geht. Oder auch um sich zu vergewissern, dass sie dort sicher sind. Eine Woche nach Beisetzung ihrer Eltern vertreiben sich die Kinder die Zeit mit einer dürren Katze in der Nähe des Hauses ihrer Tante Lilian, ein weiteres Flechtwerkhaus auf dem Gelände der Familie.

Einige Tage später wird Zaira Navas, Leiterin des Nationalen Rates für Kindheit und Jugend (CONNA), in ihrem Büro in San Salvador (Stadt) eingestehen, dass bei der Feststellung der Identität einiger der Kinder, die das Gemetzel an ihren Familien überlebt haben, noch eine „Lethargie im System“ (Nationales System für ganzheitlichen Schutz) besteht. „Wenn wir keine Kenntnis von den Fällen haben, können wir keine Maßnahmen anordnen, und oftmals unterrichtet die Staatsanwaltschaft nicht die Kinderschutzausschüsse in den einzelnen Departments des Landes. Viele Behörden kennen das für diese Maßnahmen einzuhaltende Verfahren nicht“, sagt Navas.

In dieser rechtlichen Grauzone leben sie in Glorias Haus. Das älteste der überlebenden Kinder kommt und geht mit ihren in Plastiktüten verpackten Sachen in der Hand. Ihre Kleidung und ein paar Plastikgefäße hat sie immer bei sich. Sie sieht traurig und ärgerlich aus. Während sie den Pick-up belädt, ruft sie zwischendurch ihre Tante Lilian und erzählt, wie schrecklich traurig sie doch sei. Erst heute erschien in einer Morgenzeitung ein ausführlicher Bericht, wie es ihr gelang, das Massaker an ihrer Familie zu überleben. Dieser Bericht zwingt sie zur Flucht. Sie hat Angst, die Mörder könnten zu Repressalien greifen. Der Bericht handelt von einer Minderjährigen, die sich in einer Gefährdungslage befindet, und erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem das Kinder- und Jugendschutzgesetz (LEPINA) in Kraft ist. Dennoch wird diese Jugendliche, die allein und schutzlos ist und keine andere Wahl hat, als noch heute von hier fortzugehen, von keinem geschützt. Die Zikaden zirpen an diesem Mittag.

„Wir werden immer weniger“, sagt Lilian, niedergeschlagen und mit übereinandergelegten Armen. Sie ist eine sehr schlanke, dunkle Frau mit sanfter Stimme. An diesem Mittag füllt Lilian vor ihrem Haus Wasser in Fässer. Bienen schwirren um sie herum. Dies ist die einzige schattige Stelle auf dem Gelände der Familie. Drei Häuser stehen dort, das von Lilian, das von Gloria und das ihrer verstorbenen Schwester. Alle kommen zum Wasserholen dorthin, besonders, wenn die Trockenperiode schon so weit fortgeschritten ist wie jetzt, die meisten Bäume ihre Blätter verloren haben und kaum noch Schatten spenden. Alles ist so trocken, dass beim Gehen Staub hochwirbelt. Lilian nimmt ein Gefäß mit Wasser und spritzt es mit der Hand vor ihre Haustür. In ihrer Nähe spielen die Kinder mit einem alten Plüschtier.

Lilians Mutter Margarita läuft barfuß zu ihrer Tochter an die Wasserstelle. Die Alte flüstert ihr zu, dass der erste Ehemann ihrer verstorbenen Tochter gerade bei Gloria war und sie gebeten hat, ihr zwei der überlebenden Kleinen zu geben, ein vierjähriges Mädchen und einen sechsjährigen Jungen. „Und wie kommt er dazu, sie jetzt haben zu wollen, wenn er sie doch nie besucht hat?“, fragt Lilian ihre Mutter. Die Alte zieht die Schultern hoch. „Ich weiß nur, dass er die beiden haben will", sagt Margarita mit trauriger Stimme.

Die weitere Zukunft der Familie ist ungewiss. Die Kinder aber hören dem Gespräch nicht zu, spielen versunken weiter. Lilian kann ihren Ärger nicht verbergen. Ein ganzes Grundstück voller Kinder und niemand, den man als Versorger bezeichnen könne. Die einzigen Einkünfte der Familie sind die Mais-, Bohnen- und Sorghum-Ernten aus Glorias und Lilians Anbau, und die Truthähne, die sie mästen und manchmal verkaufen. Sonst nichts. Und obwohl die Nachricht von dem Massaker an dieser Familie in allen Zeitungen veröffentlicht wurde und im Fernsehen kam, sei keiner gekommen, um handfeste Hilfe anzubieten.

Die große Schwester ist zur Abfahrt bereit. Ihre Habseligkeiten sind auf die Ladefläche des klapprigen Pick-ups gepackt. Der hellhäutige Junge klettert in die Fahrerkabine. Die Überlebende des Massakers steigt hinten auf und passt auf, dass nichts auf die Straße fällt. Der Pick-up fährt los, sie schaut nicht zurück. Die Kinder hören für einen Moment auf zu spielen, laufen zum Zaun, sehen ihrer Schwester hinterher.

Viel zu viele Unbekannte

Nachrichten von Kindern, die ein solches Massaker überleben, sorgen immer wieder für Bestürzung, empören eine von Gewalt gepeinigte Gesellschaft. Es ist Brutalität in ihrer extremsten Ausdrucksform. Am Sonnabend, 9. Oktober 2010, brachten sich ein Jugendlicher und zwei Mädchen, zehn und acht, rennend vor dem Massaker in Sicherheit, bei dem ihre Eltern und ihre neun Monate alte Schwester umgebracht wurden. Dies geschah in dem weitab liegenden Bezirk Agua Blanca de Anamorós. 2006 wurde ein Kaffeepflücker-Paar und drei seiner Kinder – darunter ein 40 Tage alter Säugling – im Weiler El Cipresal bei Santa Ana mit einem Kampfmesser ermordet. Die Leichen wurden von dem einzigen das Gemetzel überlegenden Familienmitglied aufgefunden, einem 13-jährigen Mädchen, das die Nacht in einem anderen Haus verbracht hatte und einen Schock erlitt, als sie zum Schauplatz des Geschehens kam. Viele, zu viele Fälle, bei denen die Behörden nicht wissen, was aus den Kindern und ihren Traumata geworden ist.

„Wir haben Kenntnis von Fällen, die sich vor einigen Jahren ereigneten, und bei denen der Junge oder das Mädchen bei Familienangehörigen unterkam und es keine Nachverfolgung gab“, bestätigt Zaira Navas, die Leiterin des Nationalen Kinder- und Jugendrats (CONNA). Mit diesen Kindern und Jugendlichen kann alles Mögliche passiert sein. Die Beamtin sagt, dass sich dies mit der Einführung des neuen Kinder- und Jugendschutzsystems geändert hat, das seit zwei Jahren angewendet wird. Dennoch kann sie nicht zusichern, dass das System zu 100 Prozent funktioniert. Nach dem neuen Modell ist vorgesehen, dass die zum Schutz der Kinder angeordneten Maßnahmen von den Kinderschutzausschüssen geprüft werden müssen. Laut den neuesten Statistiken der CONNA, die nicht komplett sind, da die Informationen, die sie bekommen, nicht immer vollständig sind, haben in den letzten 15 Monaten bei 13 Massakern 22 Kinder ihre Eltern verloren. In drei dieser Fälle kamen sie in ein Heim.

Aber was wurde aus denen, deren Familien schon vor Jahren ermordet wurden? An einem Mittwochmorgen im März sind wir im Parzellengebiet eines Dorfes in der Cordillera del Bálsamo. Dort ereignete sich vor sieben Jahren ein Massaker an drei Paaren, bei dem sechs Kinder allein zurückblieben. Eines davon war ein fünf Monate altes Baby. Es geschah im Morgengrauen in einem Haus aus Blech und Flechtwerk, von dem jetzt keine Spur mehr zu sehen ist. Die Vegetation hat sich die ganze Anlage einverleibt, nur ein paar Gemüsestauden sind übriggeblieben. Alle überlebenden Kinder sind geflohen. Von den Nachbarn weiß keiner etwas über sie. „Ich erinnere mich nicht daran“, sagt eine weißhäutige Frau, die von einem angrenzenden Grundstück kommt und schnell wieder ins Haus geht.

An diesem Morgen herrscht Ruhe auf dem Parzellengebiet. Auf den staubigen Straßen fahren keine Autos, der einzige Lärm kommt von einer alten Mühle, die in einem Eckhaus läuft. Für die Anwohner ist sie ein Treffpunkt. Eine Frau mit einem Teiggefäß auf dem Kopf sagt, dass sie sich sehr wohl an das Massaker erinnere, und sie wisse, dass die Kinder bei einer Tante seien. Sie wohne etwa eine halbe Stunde entfernt. Die Kleinen leben jetzt in einer Dorfgemeinschaft, die von der gleichen Bande belagert wird, die auch das Leben ihrer Eltern auslöschte. Es ist keine Siedlung im eigentlichen Sinne, sondern es wurden kleine Landstücke mit Häusern aus Blech und Lehm bebaut.

Früher war dies eine große Kaffeeplantage. Die Straßen sind eng und holprig. Am Ortseingang führt ein stark abfallender Weg zu weiteren Häusern. Hier war vor zwei Monaten die Polizei, um nachzuprüfen, ob nicht einige Eigentümer dieser ärmlichen Häuser vertrieben worden waren und statt ihrer jetzt Mitglieder der Bande dort wohnten. An diesem Morgen ist hinter den getünchten Wänden von dieser Gefahr nichts zu spüren. Die Kinder, die das Massaker vor sieben Jahren überlebten, wohnen in einem Haus am Ende einer schmalen von Kletterpflanzen umwachsenen Gasse.

Es steht direkt neben dem Abhang. Die Tante der Kinder, María Moneada, näht eine Hose. Bei ihr ist Gustavo, ein Junge, der bei der Ermordung seiner Eltern vier Jahre alt war. Jetzt ist er zwölf und spielt mit einem Hund im Wohnzimmer. Heute ist der einzige freie Tag in Marías Woche, den sie mit den Kindern verbringen kann. Sonst arbeitet sie in einer Hühnerfarm in der Nähe des Dorfes.

Sie sieht chinesisch aus, es fallen ihr drei Haarsträhnen in die Stirn, sie trägt roten Lippenstift. Ihre Frisur sieht fast genauso aus wie die, die sie vor sieben Jahren auf den Fotos in den Zeitungen trug. In dem Bericht, der die ganze Gesellschaft bewegte, betrauerte María den Tod ihrer großen Schwestern.

„Die ganze Hühnerfarm hat zusammen mit mir getrauert…“, sagt María. Die sechs Kinder saßen fünf Stunden lang im Zimmer neben dem Raum mit den sechs Leichen ihrer Eltern fest. Die zwei Schlafzimmer waren nur durch einen dünnen Karton voneinander getrennt. Die Kleinen wurden noch am selben Tag zum Institut für ganzheitliche Entwicklung in Kindheit und Jugend (ISNA) gebracht. „Wir können ihr Weinen und Klagen nicht stillen, sie wollen zu ihren Eltern, sie haben Angst und es fällt ihnen schwer, sich voneinander zu trennen“, hatte damals die Psychologin, die sie direkt bei ihrer Ankunft betreute, gegenüber der Presse erklärt. Das ganze Land empörte sich über die Brutalität, denen die Kinder bei diesem Massaker ausgesetzt gewesen waren.

Aber mit der Zeit gerieten sie in Vergessenheit. Fünf Jahre lang waren sie in einem Heim des ISNA und anderen Kinderheimen. In einem davon bekamen sie überall Pusteln, dort wurde auch laut offizieller Quelle ein Ermittlungsverfahren wegen Missbrauch eröffnet. Dann endlich wurden vier der Kinder in die Obhut Marías gegeben, die Schwester ihrer Mütter. Die anderen beiden Kinder, die kleinsten, sind bei der Familie ihres Vaters.

María versichert, dass es nicht leicht gewesen sei, diese Last zu stemmen. Ihr Mann, Schreiber auf einer Kaffeeplantage, habe ihr aber geholfen. Die beiden arbeiten für ihre zwei eigenen Kinder und für die vier Überlebenden, die ihnen von den Behörden übergeben wurden. Zusammen bestreiten sie die Kosten für ihren Haushalt. Das Schlimmste an allem aber sei, sagt María, das Zusammenleben mit dem Schreckgespenst der Erinnerung. Als zum Beispiel in der Farm, in der sie arbeitet, fast keiner mehr mit ihr sprach. Alle hatten Angst. Bis zum heutigen Tag achtet sie darauf, mit keinem über die Geschehnisse von damals zu sprechen. Über den Tod sprechen alle, die meinen etwas zu sagen zu haben, den Opfern aber bleibt nur Einsamkeit und Stille. „Deswegen glaube ich nicht, dass uns jemand hilft, das hat noch nie einer getan“, sagt María.

Mangelnde Konsequenzen

Ein Nachmittag in der Schule dieser kleinen Ortschaft in der Cordillera del Bálsamo. Gustavo, der Neffe von María, geht durch den einzigen Flur der kleinen Schule. Der Junge ist in der vierten Klasse und hat in der ersten Stunde ein Diktat in Sozialkunde. Danach IT-Unterricht. Eine der Schulwände ziert ein verblassende Weltkarte. Dass die vier überlebenden Kinder in einer Schule angemeldet werden, war eine der Auflagen der ISNA-Fachleute, die von der Tante, die sie in ihre Obhut nehmen wollte, erfüllt werden mussten.

Eilends suchte sie damals den Direktor der Schule auf, damit der Fall geprüft wurde – seit 2011 gehen die Kinder in diese Schule. Der jetzige Schuldirektor sagt, dass sich die Kinder gut an die Abläufe gewöhnt haben. „Sie sind wie Gegenpole: Gustavo ist einfach fürchterlich, wenn er mit seinen Klassenkameraden zusammen ist; die drei Mädchen sind viel zu still. Ich habe schon mit ihnen gesprochen, dass sie mehr sagen müssen“, so der Lehrer an seinem Schreibtisch voller Papierstapel.

Jahre nachdem Gustavo und seine Schwestern das in einem anderen Department liegende ISNA-Heim verließen, kritisiert Zaira Navas, die Leiterin des CONNA, die Bearbeitung des Falls durch ihre autonome Einrichtung. „Früher wurden die Kinder zwar betreut, aber es war keine ganzheitliche Betreuung, nicht in der bestmöglichen Weise. Jetzt haben wir einen anderen Ansatz“, erläutert Navas. „Können Sie dafür garantieren, dass Kinder, die jetzt ihre Eltern verlieren, in die neuen Betreuungsprogramme kommen?“ „Nein, dafür kann ich nicht garantieren. Das hängt davon ab, wie der Fall behandelt wird. Ich kann aber sagen, dass wir dabei sind, ein besseres System aufzubauen.“ „Wie lange wird es dauern, bis dieses System funktioniert?“ „Das hängt davon ab, wie die einzelnen Behörden und Einrichtungen ihre Programme anpassen. Die Einrichtungen haben sich noch nicht an die gesellschaftliche Situation angepasst, so wie es das Land von uns verlangt.

El Salvador ist schon einmal daran gescheitert, Konsequenzen aus den Folgen jahrzehntelanger Gewalt zu ziehen. Nach dem Bürgerkrieg in El Salvador (1980-1994) gab es von staatlicher Seite kein einziges spezialisiertes psychologisches Betreuungsprojekt für die Opfer des Konflikts. Laut Carlos Escalante, beim Gesundheitsministerium tätiger Psychiater und Leiter des nationalen Programms für geistige Gesundheit, standen 20 Jahre nach Ende des Konflikts noch immer keine Mittel bereit, um festzustellen, wie viele Menschen durch den Krieg traumatisiert worden waren. Elf Jahre lang war das nationale Programm für geistige Gesundheit mit nur einem Psychiater und einer Krankenschwester besetzt. Vor anderthalb Jahren bestand das Programm aus nur sieben Personen.

Der Fall empörte wegen der Brutalität, denen die Kinder ausgesetzt waren, das ganze Land. Aber mit der Zeit gerieten sie in Vergessenheit. Fünf Jahre lang waren die Kinder in Heimen.

Der Direktor ruft Gustavo in sein Büro und bittet ihn, seiner Lehrerin eine Nachricht zu überbringen. Er gibt ihm eine Süßigkeit als Belohnung für den Gefallen. Der Junge läuft schnell aus dem Büro zu seinem Klassenraum. Gustavos Fall wird alle sechs Monate von Fachleuten des ISNA geprüft. Aber die Behörden verfolgen nicht alle Fälle. Es gibt auch Massaker, bei denen das Schicksal der Kinder unklar ist. Fälle, wie der dreifache Mord in der Dorfgemeinschaft Bendición de Díos auf dem Landgut El Tránsito in Talnique. Dort wurden 2011 in einer ärmlichen Häusergruppe am Ufer des Talnique drei Kinder zu Waisen, als bewaffnete Männer ihre Mutter Sandra Marisol Rodríguez, ihren Großvater Porfirio Reyes und ihre Großmutter Francisca Rodríguez umbrachten.

Das Leben eines jeden Kindes, das ein solches Massaker überlebt, ändert sich radikal. Kommt man im Jahr 2014 in diese Dorfgemeinschaft in Talnique, gibt es von der Familie Rodríguez keine Spur mehr und als einzige Information der Nachbarn heißt es, ein Verwandter sei gekommen, der die Kinder mit in den Osten genommen habe. Der Verfasser dieser Chronik hat die ISNA um Auskunft gebeten, ob die Kinder im Anschluss daran von dieser Stelle betreut wurden. Bis zur Fertigstellung dieser Chronik ist allerdings keine Antwort eingegangen. Auch zu den Kindern, die das Massaker im Weiler El Chaparral de Lourdes, Colón, am Sonntag, 8. Februar 2009 überlebt haben, waren keine Auskünfte zu bekommen. Damals wurden fünf Menschen umgebracht. Drei Kinder verloren ihre Eltern.

Gloria kommt mit dem Einkauf nach Hause zurück – zwei Tüten in jeder Hand. Am Donnerstag war sie Heilpflanzen suchen gegangen, um eine Erkältung des Babys ihrer Schwester zu behandeln. Sie kommt schwitzend in der Mittagssonne herbei. Das Baby schläft in einer ausgeleierten Hängematte. Die anderen Kinder sind nirgends zu sehen.

Gloria wechselt ein paar Worte mit ihrer alten Mutter und setzt sich auf einen Plastikstuhl. „Wo sind die Kinder, Mama?“, fragt Gloria ihre Mutter. „Ich weiß nicht, wo sich die Äffchen herumtreiben.“

 

 

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